Sogenannte Tiny Forests sollen in Städten Hitze lindern und Lebensraum schaffen, wo sonst nur Steine und Beton zu finden sind. Doch wie groß ist ihr Effekt tatsächlich?
Am Walter-von-Cronberg-Platz im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen zeigt sich der Wandel besonders deutlich. Noch vor wenigen Monaten dominierte hier Beton. Inzwischen wachsen auf rund 700 Quadratmetern mehr als 1.000 Pflanzen. Gepflanzt wurde der Miniwald von der Initiative „Main-Wäldchen“, gemeinsam mit Anwohnern und Schulkindern.
Ähnliche Projekte gibt es auch auf dem Gelände der Goethe-Universität und in anderen Stadtteilen. Neben Sträuchern wachsen auch Bäume: Ebereschen beispielsweise oder eine Gewöhnliche Traubenkirsche.
In viele Städten sind Flächen knapp und die Interessen konkurrieren.
Idee stammt von japanischem Botaniker
Tiny Forests werden mittlerweile weltweit angelegt. Die Idee geht auf den japanischen Botaniker Akira Miyawaki zurück. Sein Konzept: Auf kleiner Fläche werden heimische Baum- und Straucharten besonders dicht gepflanzt. In der Regel drei Pflanzen pro Quadratmeter. Eine dicke Mulchschicht soll vor Austrocknung schützen und wenig Pflegeaufwand verursachen. Dadurch entstehen schnell wachsende, artenreiche Mini-Wälder. Tiny ist dabei Auslegungssache: Manche Flächen sind wenige hundert Quadratmeter groß, manche dagegen so groß wie zwei Tennisplätze.
In Städten könnten solche Tiny Forests vor allem im Sommer für Kühlung sorgen, sagt Jan Dieterle, Professor für nachhaltige Stadtgestaltung an der Frankfurt University of Applied Sciences. „Er kühlt durch Verdunstung, wenn die Bäume groß sind und bietet so einen kühlen Ort in der Stadt.“ Allerdings wirke das vor allem in der unmittelbaren Umgebung, nicht sehr weit darüber hinaus.
Mehr Effekte als nur Kühlung
Trotzdem gibt es noch andere Vorteile. Bei starken Regengüssen dienen die Tiny Forests als Versickerungsfläche, können helfen, Überschwemmungen zu vermeiden. Studien zeigen zudem, dass solche Flächen dichter und vielfältiger sein können als klassische Parkanlagen und damit wertvolle Lebensräume schaffen.
Für Fachleute liegt darin einer der größten Vorteile. „Lebensräume für Insekten, Vögel und andere Tiere, das ist die wichtigste Wirkung“, sagt Dieterle.
Neben ökologischen Argumenten spielt auch der soziale Aspekt eine Rolle. Oft sind Anwohner und insbesondere Kinder direkt an der Pflanzung beteiligt, wenn sich Nachbarschaften zum Pflanzen zusammenschließen oder die Tiny Forests Teil einer Schulprojektewoche sind. Gerade Kinder erleben, wie Natur entsteht und sich entwickelt. „Kinder pflanzen Bäume und sehen, wie das wächst“, sagt Dieterle. „Das hilft, den Naturbezug wiederherzustellen.“ Das diene auch letztlich wieder dem Klimaschutz.
Konkurrenz in der Stadt
In Frankfurt haben die Tiny Forests rund 60.000 Euro gekostet, finanziert größtenteils über Förderprogramme des Bundes. Angesichts dieser Summe wird die Frage nach dem Nutzen häufiger gestellt, zumal die Projekte nicht unumstritten sind. An einigen Standorten müssen Parkplätze weichen, und das hat teilweise Folgen für Anwohner und Gewerbetreibende. Es ist ein Grundproblem vieler Städte: Flächen sind knapp, Interessen konkurrieren. Mehr Platz für Grün bedeutet oft weniger Platz für Autos oder Bebauung.
Doch grüne Flächen werden angesichts des Klimawandels an Bedeutung gewinnen: Gerade Großstädte haben oft das Problem sich im Sommer stark aufzuheizen. Deswegen fördert unter anderem das Ministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauen Entsiegelungen, Erweiterung von Grünanlagen und Bepflanzungen.
Manche Flächen sind wenige hundert Quadratmeter groß.
Große Wirkung haben vor allem alte Bäume
Tiny Forests können da nur ein Baustein sein. Entscheidend sind vor allem große, bestehende Bäume und zusammenhängende Grünflächen. „Bäume kühlen doppelt durch Verdunstung und Verschattung“, erklärt die Geoökologin Julia Krohmer vom Senckenberg-Institut. Im Vergleich zu Rasen- oder Staudenflächen sei der Effekt deutlich größer. „Sie sind hocheffiziente Klimaanlagen.“
Gerade in dicht bebauten Innenstädten sind alte Bäume deshalb besonders wertvoll. Doch genau sie stehen unter Druck. Hitze, Trockenheit und Krankheiten setzen ihnen zunehmend zu. In Frankfurt gilt etwa die Hälfte der untersuchten Bäume als stark geschädigt.
Besonders dramatisch war die Situation in den Jahren 2018 bis 2020. „Der Wald war am Absterben“, erinnert sich Heike Appel, Leiterin des Frankfurter Grünflächenamts. Für viele Förster sei damit ein Lebenswerk verloren gegangen.
Anpassung an den Klimawandel
Die Stadt versucht, gegenzusteuern. Wälder werden umgebaut und klimaresistente Arten getestet. So wachsen auf Versuchsflächen bereits Bäume aus Regionen mit wärmerem Klima, etwa aus dem Mittelmeerraum. Gleichzeitig wird versucht, bestehende Bäume besser zu schützen. Ziel ist es, Wasser besser im Boden zu halten und die Bäume widerstandsfähiger zu machen.
Auch finanziell lohnt sich der Erhalt alter Bäume: Einen neuen Baum fachgerecht zu pflanzen kostet mehrere tausend Euro, doch bis er die gleiche Kühlleistung erreicht, vergehen Jahrzehnte.
Ein Baustein unter vielen
Es braucht also mehr als Tiny Forests, um die Folgen des Klimawandels in Städten abzumildern. Dennoch sehen viele Experten in ihnen einen wichtigen Ansatz, nicht zuletzt, weil sie Aufmerksamkeit schaffen und sichtbar machen, wie dringend Städte mehr Grünflächen brauchen. Und sie zeigen, dass Veränderungen möglich sind, selbst auf kleinen Flächen.
