Interview
Als Folge der verheerenden Erdbeben in Venezuela sind auch Tausende Kinder betroffen. Viele haben ihre Familie oder Teile davon verloren, erklärt der stellvertretende Leiter von UNICEF in Venezuela, Gabriel Vockel.
tagesschau24: Wie ist die Lage in den Gegenden, die besonders schwer von den Beben getroffen sind?
Gabriel Vockel: Die entwickelt sich weiterhin. Wir bleiben wegen weiterer Nachbeben sehr wachsam. Auch jetzt, wo wir gerade sprechen, wackelt es mal wieder. Mal weniger, mal mehr. Ich war erst gestern noch einmal in La Guaira, der am stärksten betroffenen Region, und das Ausmaß der Katastrophe ist einfach herzzerreißend.
Ich stand dort vor Häuserblocks, die von mehr als 15 Stockwerken in einen Schutthaufen reduziert wurden. Das ist schon sehr schwierig mitanzusehen.
Viele Kinder wurden von ihren Familien getrennt
tagesschau24: Bei UNICEF geht es vor allem um Hilfe, die auf die Bedürfnisse von Kindern ausgerichtet ist. Was brauchen die am dringendsten?
Vockel: Wir wissen mittlerweile, dass etwa 1.000 Häuser, darunter Krankenhäuser, mehr als 400 Schulen und Wassersysteme beschädigt oder komplett zerstört wurden. Hier ist also großer Bedarf entstanden.
Es entstehen bereits mehr und mehr Refugien für die Überlebenden der Katastrophe, und UNICEF hat sofort die Notfallreaktion aktiviert, um mindestens 650.000 Menschen, darunter auch 230.000 Kinder, sofort zu erreichen.
Was sie brauchen, ist Wasser, gesundheitliche Versorgung, Essen und sanitäre Anlagen. Aber sie brauchen genauso Schutz und Sicherheit, weil es viele Kinder gibt, die von ihren Familien, die von Eltern getrennt wurden. Und da ist es natürlich wichtig, dass wir die sofort und so schnell wie möglich wieder mit ihrer Familie zusammenführen können.
Zur Person
Gabriel Vockel ist stellvertretender Leiter von UNICEF in Venezuela. Er arbeitet und lebt mit seiner Familie in Caracas und koordiniert von dort aktuell die Nothilfe für die Erdbebenopfer. Zuvor war er unter anderem in der Karibik und in Afrika für UNICEF im Einsatz.
tagesschau24: Wie arbeiten Hilfsorganisationen wie UNICEF konkret vor Ort und wie muss man sich ihre alltägliche Arbeit vorstellen?
Vockel: Wir von UNICEF erfassen zum Beispiel den Bedarf und koordinieren mit unzähligen Partnern die Hilfe, die kommt, damit es keine Duplikate gibt, also damit die Hilfsgüter fair verteilt werden und die Kinder in Not erreichen. Beispielsweise kam in der vergangenen Nacht um drei Uhr morgens die zweite riesige UNICEF-Luftlieferung an, die wir dann genau inspizieren. Diese Dinge werden dann sofort verteilt.
In den nächsten Tagen erwarten wir weitere Lieferungen, mit denen sofort über 100.000 Menschen unterstützt werden können. Es geht also um Wasser, um Toiletten und darum, dass wir sofort Kinderschutzzentren aufbauen.
Mittlerweile bestehen hier zwölf so genannte Refugien, um eben Kinder und Familien ganz konkret zu unterstützen.
Es geht uns darum, die Hilfsgüter professionell zu koordinieren und unsere Reichweite sofort so stark wie möglich zu erweitern. Und zum Glück greifen wir als globale Organisation auf ein riesiges Reservoir an Erfahrung zurück. Und wir haben auch Mitarbeiter aus der ganzen Welt, die Spanisch sprechen, von denen gerade täglich mehr ankommen und unsere Arbeit unterstützen.
„Mehr Mittel, mehr Hilfe“
tagesschau24: Gerade die deutsche Bevölkerung ist bekannt dafür, dass sie in solchen Lagen gerne spendet. Wie stellen Sie denn sicher, dass die Spenden, auch die aus Deutschland, genau jene erreichen, die Hilfe brauchen?
Vockel: Die Spenden kommen an. UNICEF ist sehr bekannt dafür, akribisch mit Spenden umzugehen. Diese sind auch öffentlich einsehbar. Jeder kann im Internet nachschauen, wie die Spenden hier verwendet werden.
Wir sind diesbezüglich Profis, erfassen den Bedarf und kommunizieren diesen über unser Headquarter an die verschiedenen nationalen Komitees von UNICEF, wie etwa das in Deutschland.
Wir schätzen aktuell, dass wir mindestens 52 Millionen US-Dollar für diese Erdbebenhilfe aktuell benötigen. Und mit mehr Mitteln können wir einfach mehr helfen und mehr Kinder und Familien zu erreichen.
Das Gespräch führte Ralph Baudach, tagesschau24. Für die schriftliche Version wurde das Interview an die Schriftsprache angepasst.
