Michael Thonet perfektionierte die „Bugholz-Methode“ und verlieh seinen Möbeln zeitlose Leichtigkeit. Vor gut 200 Jahren schuf er mit dem Wiener Kaffeehaus-Stuhl nicht nur eine Design-Ikone, sondern auch ein Vorbild für IKEA & Co.
Sechs Teile, zehn Schrauben, zwei Muttern – fertig. Michael Thonets Meisterwerk mit dem schlichten Namen „Stuhl Nr. 14“ ist eins der erfolgreichsten Möbelstücke der Designgeschichte und ein Paradebeispiel dafür, dass weniger oft so viel mehr sein kann.
Der Kaffeehaus-Klassiker mit der sanft geschwungenen Rückenlehne aus zwei gebogenen Holzstäben und der typischen Sitzfläche aus Wiener Geflecht wiegt nicht einmal drei Kilogramm. „Man kann praktisch die Leichtigkeit schon sehen“, sagt Thonet-Biograf Heinz Kähne: „Die Stühle machen den Raum transparent. Sie stellen ihn nicht zu wie schwere Möbel.“
Stühle mit Wiener Kaffeehaus-Flair
Thonet-Stühle sind echte Klassiker und beliebt wie eh und je. Sie stehen in Wohnungen und Hotels, in Restaurants und Cafés, wo sie das gewisse Wiener Kaffeehaus-Flair versprühen. Dabei war es ein langer Weg zum Erfolg. Michael Thonet ist wohl ein Musterbeispiel für Resilienz, Willenskraft und das, was man einen unerschütterlichen Pioniergeist nennt: ausprobieren, dranbleiben, scheitern, weitermachen.
Am 2. Juli 1796, vor 230 Jahren, wird Thonet in Boppard in Rheinland-Pfalz geboren. Mit Anfang 20 macht er sich als Tischler selbstständig. Mit seiner Frau Anna Grahs hat er 13 Kinder – fünf überleben das Kleinkindalter. Es sind jene fünf Söhne, mit denen er später sein Möbel-Imperium aufbauen wird.
Thonet stürzt sich in die Arbeit. Geprägt vom häuslichen Biedermeier-Stil seiner Zeit versucht er, etwas Neues zu schaffen. Bald sind seine originellen und hochwertigen Möbel weit über Boppard hinaus bekannt.
Neue Formen, neue Technik – und finanzielle Probleme
Thonet experimentiert mit Formen, Material und Technik. Er ist besessen von einer Idee: Er will Holz biegen. Anstatt die geschwungene Form aus einem Block Holz zu hobeln, fertigt er Anfang der 1830er-Jahre innovative Möbel aus gebogenen und verleimten Holzleisten.
Sein so entstandener Bopparder Schichtholzstuhl findet große Anerkennung, lässt sich aber im Oberen Mittelrheintal nicht patentieren. Der wirtschaftliche Erfolg bleibt aus, die Firma gerät mehr und mehr in finanzielle Schwierigkeiten, bis Thonets Eigentum gepfändet und versteigert wird.
Gründung der „Gebrüder Thonet“
Zu seinem Glück hat der Tischler kurz zuvor bei der Koblenzer Gewerbeausstellung 1841 einen prominenten Unterstützer kennengelernt: Klemens Wenzel Lothar von Metternich ist Staatskanzler im Kaisertum Österreich und hingerissen von Thonets Sitzmöbeln.
„In Boppard werden Sie immer ein armer Mann bleiben“, soll der Fürst gesagt haben. „Kommen Sie nach Wien.“ Also präsentiert Thonet seine Stühle dem Kaiserlichen Hof – und zieht bald darauf mit seiner ganzen Familie nach Wien.
Mit seinen Söhnen arbeitet er zunächst für andere Betriebe. Erst sieben Jahre später wagen sich die Thonets wieder in die Selbstständigkeit und gründen ihre eigene Werkstätte. Die Firma „Gebrüder Thonet“, heute bekannt als „Thonet“ ist damit einer der ältesten Möbelhersteller der Welt.
Auf der Werkbank der Kölner Restauratorin Sabine Zabel landen oft Bugholzstühle.
Perfektionierung der Bugholztechnik
An seiner Bugholztechnik feilte Thonet jahrzehntelang. Er wollte nicht mehr nur schichten und leimen, er wollte Massivholz biegen. Aber sein böhmisches Buchenholz brach immer wieder durch.
Also probierte er weiter. Machte das Holz schließlich nass, dampfte es weich, spannte es in gebogene gusseiserne Schablonen und ließ es dort wieder trocknen. Diesmal klappte es: Das Holz behielt die geschwungene Form. Thonet hatte eine Technik perfektioniert, die bis heute Verwendung findet. Und Bewunderung.
„Die Sitzrahmen werden ja in einem Stück gebogen. Das ist schon eine sehr besondere handwerkliche Leistung“, sagt die Kölner Restauratorin Sabine Zabel. Immer wieder landen Bugholzstühle auf ihrer Werkbank. „Durch diese Lochungen werden die Rattan-Fäden durchgeführt“, erklärt Zabel mit Blick auf die wabenartig geflochtene Sitzfläche, das so genannte Wiener Geflecht. „Das sind mehrere Arbeitsgänge. Die Kollegin hat auf jeden Fall viel zu tun.“
Von Wien in die Welt: Thonets „Consummöbel“
Thonets Designikone „Stuhl Nr. 14“ brachte den wirtschaftlichen Durchbruch. Allein bis in die 1930er-Jahre verkaufte er sich über 50.000 mal. Weil das Modell anfangs nur drei Gulden kostete, bekam es zunächst den Beinamen „Dreiguldenstuhl“. Heute ist der Exportschlager auch als „Stuhl aller Stühle“ bekannt.
Der Clou: Thonets Stühle bestachen durch Stil und schlichte Eleganz, waren aber nicht teuer. Sie waren schnell hergestellt und reproduzierbar. Sie sparten Material, weil kaum Holzabfälle übrig blieben. So waren sie für eine breite Käuferschicht erschwinglich und passten überdies auch noch perfekt in die beliebten Wiener Kaffeehäuser.
Thonet hatte etwas erschaffen, was heute selbstverständlich ist, damals aber revolutionär war: Ein „Consummöbel“, das zerlegt und in die ganze Welt verschifft werden konnte. „Michael Thonet hat hier mehrere unheimlich gute Ansätze“, sagt Thonet-Biograph Heinz Kähne.“ Möbel zum Mitnehmen, Möbel für die Selbstmontage. Wir kennen das von IKEA.“
Zeitloses Design – der Klassiker ist heute Kult
Heute sind Thonet-Stühle Kult. Sie wurden vor fast 200 Jahren erfunden, sehen aber bis heute nicht „alt“ aus, findet auch Restauratorin Zabel: „Ich würde schon sagen, dass so ein Stuhl ein zeitloses Möbel ist. Und ich würde unterstreichen: Der passt eigentlich überall hin.“
Wer nicht zufällig einen echten Thonet von den Großeltern geerbt hat, kann das Museum Boppard in der Kurfürstlichen Burg besuchen. Dort sind Thonets Bugholzmöbel und die historische Schreinerwerkstatt zu sehen. Auch ein Besuch auf dem Trödelmarkt kann sich lohnen. Heinz Kähne erklärt, woran man ein Original erkennt: Stuhl umdrehen und auf der Unterseite nach dem Thonet-Stempel oder dem Etikett suchen. Weiteres Indiz: Das Wiener Geflecht sollte von Hand geflochten sein – in einer Naht.
