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Startseite»Politik»Wenn die Zeit abläuft: Abschied von den Erdbebenopfern in Venezuela
Politik

Wenn die Zeit abläuft: Abschied von den Erdbebenopfern in Venezuela

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 2, 2026Keine Kommentare3 Minuten Lesezeit
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Stand: 02.07.2026 • 16:10 Uhr

Mehr als 2.000 Tote sind nach dem Erdbeben in Venezuela geborgen, Zehntausende werden vermisst. Die Katastrophe zwingt Angehörige und Helfer in den schmerzhaften Spagat zwischen bitterer Logistik und dem Bedürfnis nach einem würdigem Abschied.

Von Anne Demmer, zzt. La Guaira

Eine Leiche reiht sich an die nächste. Verpackt in Plastikhüllen, die den Geruch zurückhalten sollen. Doch der Verwesungsgeruch liegt trotzdem in der Luft. Eine Freifläche am Hafen von La Guaira, unmittelbar neben den Schiffscontainern, wurde kurzfristig zu einer improvisierten Leichenhalle unter freiem Himmel umgewandelt.

Drei historische Getreidesilos ragen in den blauen Himmel. Es ist gegen acht am Morgen. Johann Pérez koordiniert den provisorisch eingerichteten Ort. Die Leichen wurden zunächst in einem Krankenhaus gesammelt. „Aber da es sich um eine Gesundheitseinrichtung handelt, haben wir versucht, sie anschließend hierher zu verlegen, damit das Krankenhaus nicht kontaminiert wird“, erklärt der Forensiker und Polizist.

Tausende Angehörige nutzen den Hafen derzeit als zentralen Anlaufpunkt, um vermisste Familienmitglieder zu suchen und zu identifizieren. Stühle wurden für sie vor dem großen Stahltor aufgebaut. Pickup-Trucks mit privaten Spenden rauschen auf der Straße vorbei, voller Lebensmittel und Wasser für die unzähligen Obdachlosen. Ansonsten ist es sehr still.

Särge stapeln sich auf einem Lastwagen

Gefühl der Ohnmacht

Unter den Wartenden ist auch Mariela Corpas. Sie hat inzwischen Gewissheit, dass die Leichname ihrer Großeltern hierher gebracht werden sollen und sie wartet darauf, Abschied nehmen zu können. „Das wünsche ich wirklich niemandem“, sagt sie. „Es ist schrecklich. Es ist ermüdend, frustrierend. Man fühlt sich so ohnmächtig.“

Die Suche nach ihren Großeltern war ein Spießrutenlauf durch die Behörden, ohne funktionierendes Handynetz. „Man fragt an einer Stelle nach und wird zur nächsten geschickt“, beklagt Mariela. Am Ende bekomme man nie eine klare Antwort. Alle seien verzweifelt auf der Suche. „Da entsteht natürlich Chaos.“ Es habe niemanden gegeben, der die Organisation in die Hand genommen habe.

Auch Johann Pérez sieht müde aus. In der Katastrophensituation fühlt auch er sich hilflos. Das Schwierigste sei, nicht so helfen zu können, wie man eigentlich gerne würde. „Denn manchmal sind wir personell unterbesetzt, die Ressourcen sind zu knapp, oder wir selbst und unsere Familie sind betroffen“, erklärt der Forensiker.

Wir haben so viele Angehörige verloren. Es ist nicht einfach, aber wir müssen Antworten geben, wir müssen etwas tun.

Säcke mit Leichen aufgereiht im Freien

„Niemand weiß etwas“

Eine ältere Dame läuft durch das Stahltor wieder nach draußen. Die 80-Jährige hat ihren Sohn hier nicht gefunden. Es sei schon so viel Zeit vergangen seit dem Beben. Niemand wisse etwas, sagt sie verzweifelt. Weder die Kinder, noch die Enkel ihres Sohnes. Tränen rollen ihr über das Gesicht.

Drei Tage lang wurde sie nicht in das Erdbebengebiet durchgelassen. Die Behörden begründeten die Straßensperren offiziell mit der Sicherheit und der Priorisierung von Rettungsfahrzeugen. Für die Angehörigen bedeutete die Militarisierung der Region vor allem tagelange Ungewissheit.

Hoffen auf Wunder

Hier am Hafen von La Guaira läuft der Abtransport der Toten unterdessen ununterbrochen weiter. Oftmals seien die Leichen kaum noch zu identifizieren, so der Forensiker Pérez.

In solchen Fällen werde ein Foto zu Identifikationszwecken angefertigt und dem Leichnam eine Nummer zugewiesen. Anschließend werde er in ein Massengrab überführt, wo ihm ein bestimmter Platz zugewiesen werde. Falls jemand die Leiche später erkennt, erhalte diese Person Zugang zu diesem Ort und könne die Überreste ihres Angehörigen abholen.

Eine Woche nach dem Beben wird in den Trümmern vorwiegend nach Toten gesucht. Nach sieben Tagen ohne Wasser schwindet die Wahrscheinlichkeit, noch Überlebende zu finden, mit jeder Stunde. „Wir warten auf Wunder“, sagt Johann Pérez mit Nachdruck. „Wir haben hier schon sehr viele erlebt.“ Auf solche Ausnahmen hoffen die Retter in La Guaira weiterhin.

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