41,7 Grad in Deutschland – ein Rekord, unter dem längst nicht mehr nur Risikogruppen leiden. Die Gefahr durch Hitze wird oft unterschätzt. Warum selbst Gesunde an ihre Grenzen kommen und wie wir uns besser schützen können.
Ein Temperaturrekord übertraf den nächsten. Und auch in der Nacht blieb es mit mehr als 20 Grad tropisch. Der sogenannte Hitzedom, ein Hochdruckgebiet, hat Europa zuletzt eine für die Jahreszeit beispiellose Hitzewelle beschert.
Mit jedem Grad mehr wächst auch das Gesundheitsrisiko. Für Ältere, Kinder, Schwangere und vorerkrankte Menschen ist Hitze besonders gefährlich. Aber das vergangene Wochenende hat gezeigt: Auch gesunden Menschen macht die Hitze zu schaffen. Warum ist das so?
„Hitze ist für jeden eine Gefahr“
Am besten funktioniere der Mensch bei einer Körpertemperatur von 36,5 und bei einer Außentemperatur von 23 Grad, erklärt Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin des Instituts für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit am Universitätsklinikum Augsburg. „Bei allem, was außerhalb dieser Bereiche ist, funktionieren wir einfach nicht mehr optimal: Entfernen wir uns zu weit von dem Idealzustand, können wir nicht mehr vernünftig denken und nur ineffizient arbeiten.“
Bei hohen Temperaturen versuche der Körper seine Kerntemperatur stabil zu halten und schraube alle anderen Prozesse herunter. Klare Temperaturgrenzen gebe es da nicht, so die Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich. „Das ist wirklich hoch individuell – Mann, Frau, Kind, alt, gesund, krank, völlig unterschiedlich.“ Deshalb sei es so wichtig, sich bewusst zu machen: „Hitze ist grundsätzlich für jeden eine Gefahr.“
Risiko steigt mit zunehmender Luftfeuchte
Wie genau das den Körper belastet, hänge auch mit der Luftfeuchtigkeit zusammen, erklärt Max Bürck-Gemassmer, stellvertretender Vorsitzender der deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). Je höher die Luftfeuchtigkeit, umso schwieriger wird es für den Körper, mit der Hitze umzugehen.
Ursprünglich ging man davon aus, dass selbst gesunde Menschen bei zum Beispiel 35 Grad und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit höchstens sechs Stunden überleben können. „Wir wissen aus neueren Daten, dass diese Grenze nicht so absolut ist, sondern dass das wahrscheinlich bei sehr vielen Leuten viel früher einsetzt, also möglicherweise schon bei 31 Grad“, sagt Bürck-Gemassmer.
In Deutschland liegt die Luftfeuchtigkeit meist grob zwischen 50 und 80 Prozent, kann aber je nach Jahreszeit, Wetterbedingungen und Region stark schwanken. Durch den Klimawandel werden gefährliche Hitzetage mit hoher Luftfeuchtigkeit häufiger. Das zeigt auch ein neuer Bericht des Wissenschaftsnetzwerks „Climate Central“.
Gefahr durch Hitze wird häufig unterschätzt
Hinzu kommt: Viele Menschen unterschätzen ihr persönliches Risiko. Insgesamt könnten bis zu 40 Prozent der Bevölkerung betroffen sein – etwa die Hälfte davon ohne es zu wissen, sagt Bürck-Gemassmer. Darunter Menschen, die bei solchen Temperaturen Sport treiben oder körperlich arbeiten – etwa auf dem Bau, in der Pflege oder bei der Polizei.
Auch das Unfallrisiko könnte steigen, wenn durch Hitze die Impulsivität gesteigert und gleichzeitig die Konzentration und das Bewusstsein beeinträchtigt werden. „Selbst, wenn wir die Veränderungen in unserem Körper bemerken, können wir diese nicht mehr richtig einordnen und adäquat reagieren“, erklärt der Allgemeinmediziner.
Auch Traidl-Hoffmann weiß, was passiert, wenn Menschen diese Temperaturen unterschätzen. Sie berichtet etwa von zwei Sportlern, die trotz Hitze an einem Lauf teilgenommen hätten. Die Folge: Intensivstation. „Beide überlebten das Multiorganversagen, aber der eine hat seine Leber verloren.“ Beide seien davor gesund und trainiert gewesen.
Daher sei es so wichtig, auf den eigenen Körper zu hören, sagt sie. „Wo ist meine Grenze? Die spüre ich, wenn ich merke, ich kann mich nicht mehr konzentrieren, mir ist schwindelig oder ich bekomme Durchfall.“ Auch Kopfschmerzen, starkes Schwitzen, steigender Puls, Verwirrtheit, Schwäche oder dunkel gefärbter Urin können Warnsignale sein.
Hitze zwingt zum vorausschauenden Denken
Wie können wir uns künftig besser davor schützen? Vor einer Hitzewelle sei es wichtig, vorausschauend zu denken: Früh morgens lüften, Wohnräume verschatten, ausreichend trinken und Besorgungen möglichst in die kühleren Tageszeiten legen. Auch spezielle Kühlkleidung oder -tücher können den Körper vor dem Erhitzen schützen.
Außerdem appellieren die Mediziner an jeden, auf seine Mitmenschen zu achten: Familie, Freunde oder auch die ältere Nachbarin in der Dachgeschoss-Wohnung. „Die Hauptgruppe, die bei Hitzewellen stirbt, sind alte, alleinstehende Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigungen, die ihre Wohnung dann nicht mehr verlassen können und durch die Bewusstseinsveränderung auch irgendwann keine Hilfe mehr rufen können“, sagt Bürck-Gemassmer.
Klimaschutz ist Hitzeschutz
Der beste Schutz vor zunehmender Hitze sei aber Klimaschutz – da sind sich Expertinnen und Experten einig. „Weil wir uns irgendwann nicht mehr anpassen können“, sagt Bürck-Gemassmer. „Das, was wir jetzt in Deutschland erlebt haben, war relativ kurz. Das kann dann auch mal zwei Wochen dauern.“
Bislang ist Deutschland laut Fachleuten auf solche Temperaturextreme zu wenig vorbereitet. Es gebe wenige Kühlmöglichkeiten, etwa in Schutzräumen, und auch Schulen, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Wohnungen seien häufig nicht gut genug vor Wärme geschützt. Das sollte bei künftigen Bauten immer berücksichtigt werden, sagt Traidl-Hoffmann. „Es sollte grundsätzlich gar nicht mehr anders möglich sein, als klimaresilient und nachhaltig zu bauen.“ Etwa durch Dämmung, Verschattung, Begrünung und Lüftung.
Noch gebe es zu viele etwa durch Asphalt versiegelte Böden. „Wir haben es oft in Städten an bestimmten Hitze-Hotspots acht bis zehn Grad wärmer als die Durchschnittstemperatur. Diese Hotspots müssen wir so gut wie möglich rückbauen“, so Bürck-Gemassmer. „Das ist jetzt eine Mammutaufgabe“, die etwa Landschafts- und Städteplaner, Architekten sowie Ingenieure koordinieren müssten.
Klarere Regelungen für Arbeitnehmer
Für besonders gefährdete Berufe fordert Bürck-Gemassmer zudem klarere Regelungen und Verpflichtungen. Neben Abkühlung und Verschattung sollten auch Trinkpausen oder veränderte Arbeitszeiten angedacht werden. Auch befürwortet der Mediziner Arbeitsverbote in bestimmten Bereichen, um das Gesundheitswesen vor Überlastung zu schützen.
Insgesamt müsse Hitzeschutz flächendeckend verpflichtend und mehr finanziell sowie personell unterstützt werden, sagt Bürck-Gemassmer. Hitzeschutzpläne gibt es zwar bereits. Aber das Geld fehle, sagt auch Traidl-Hoffmann. „Das heißt also, wir müssen auch die Kommunen befähigen, diesen Hitzeschutz zu betreiben.“
Laut Bundesumweltminister Carsten Schneider sollte das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität von 100 Milliarden Euro auch für den Hitzeschutz der Kommunen reichen. Da sind Fachleute allerdings skeptisch.
Wirtschaftliche Ausfälle durch Hitze
Für die Wirtschaft sei die Hitze schon jetzt ein Problem: „Wir wissen, ein Hitzetag kostet uns in Deutschland mindestens 430 Millionen Euro aufgrund von Effizienzausfall. Heißt anstatt 30 E-Mails kann ich vielleicht nur fünf bearbeiten, weil ich nicht mehr klar denken kann. Oder weniger Patienten behandeln, weil es so heiß ist“, sagt Traidl-Hoffmann. Klimaschutz sei dann auch Wirtschaftsschutz.
Da hätte schon längst mehr passieren müssen, kritisiert Bürck-Gemassmer. „Denn je später wir jetzt reagieren, desto teurer wird uns das kommen.“

