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Startseite»Politik»Umgang mit Flugzeug-Crash in China: Augenblickliche Stille
Politik

Umgang mit Flugzeug-Crash in China: Augenblickliche Stille

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 3, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 03.07.2026 • 10:26 Uhr

Zu sehen ist nur ein kleineres Loch, doch die Kollision eines Kleinflugzeugs mit dem höchsten Gebäude Pekings zeigt, wie Chinas Führung mit Unglücken umgeht. Die Zensur reagiert immer schneller – und rigider.

Marie von Mallinckrodt

Das höchste Gebäude von Peking bietet einen direkten Blick auf die Zentrale der Kommunistischen Partei (KP), auf Zhongnanhai. Angeblich haben die Sicherheitsbehörden aus diesem Grund die oberen Stockwerke des CITIC Towers beschlagnahmt.

Der Wolkenkratzer, auch bekannt als China Zun, liegt mitten im Geschäftsviertel der chinesischen Hauptstadt, und dort wirkt diese Woche alles so normal wie immer. An das Leichtflugzeug, das vergangenen Freitag in den Tower flog, erinnern nur auffallend viele Polizeiwagen, die Wache halten. Und die Stelle des Einschlags ist noch zu erkennen, klein und dunkel.

Die meisten Passanten, die man hier anspricht, wenden sich schnell wieder ab. Einer erzählt, er habe alles beobachten können, den Aufprall, die herunterfliegenden Flugzeugteile. Doch im Internet wurde alles kurz danach gelöscht. Es sei daher besser, nicht weiter darüber zu reden.

Viele Fragen bleiben

Das ist genau das, was die autoritär regierende Kommunistische Partei will – Stillschweigen und kein Thematisieren. Die Internetzensoren und die KI waren nach dem Crash sehr schnell, tilgten und sperrten Inhalte, Videos und Fotos zum Vorfall. In den Staatsmedien tauchte tagelang nichts auf. Dabei hat das chinesische Staatsfernsehen CCTV seinen Sitz gegenüber des CITIC Towers auf der anderen Straßenseite.

Der zuständige Stadtbezirk veröffentlichte erst nach fast 22 Stunden eine sehr dürre Meldung und gab dann erst beinahe eine Woche später Details zum Piloten, zur Maschine und zum Abflugort bekannt.

Auch danach herrschte weitestgehend Stille in den Medien. Eine Frage der ARD zum Thema bei der täglichen Pressekonferenz des Außenministeriums taucht danach im Protokoll nicht auf. Es ist der Versuch, das öffentliche Gedächtnis in Echtzeit zu löschen.

Das Schweigen in China steht symbolisch für Vieles: für die stets zunehmende Kontrolle, die Angst im Kadersystem und das Versprechen der Partei, China sei ein sicheres Land.

Strenge Kontrolle noch einmal strenger

David Bandurski vom China Media Project, ein unabhängiges Forschungsinstitut mit Sitz in Taiwans Hauptstadt Taipeh, beobachtet seit Jahren die Öffentlichkeitsarbeit der KP. Er spricht in diesem Fall von einer augenblicklichen Stille. Diese zeige, wie sehr die ohnehin schon sehr strenge Kontrolle über das abgeschottete Internet, die Social-Media-Plattformen und die Staatsmedien zugenommen habe.

Diese Stille jetzt sei selbst für chinesische Verhältnisse außergewöhnlich: „In der Vergangenheit war es bei solchen Geschichten so, dass es im Internet einen regelrechten Kampf gegen die Kontrolle gab. Viele Spekulationen und Infos drangen nach außen. Es hat in der Regel ein paar Tage angehalten.„

Seit 2012, als Xi Jinping zum Generalsekretär und später zum Staatspräsidenten aufstieg, hat die ideologische Kontrolle sehr zugenommen. 2016 hatte Xi die berühmte Parole ausgesprochen, dass alle Staatsmedien den Nachnamen „Partei“ tragen müssen – will heißen, sie müssten unbedingte Loyalität zeigen. Und die Richtlinien seien mittlerweile strenger, so Bandurski. Die Steuerung der öffentlichen Meinung ist die Maxime der Medienkontrolle.

Der CITIC Tower ist mehr als nur irgendein Hochhaus – er ist weithin über Peking zu sehen.

Image der Unfehlbarkeit gefährdet?

Dieser Vorfall, so schreibt der im Exil lebende ehemalige chinesische Journalist und Analyst Yuwen Deng, habe Lücken im Sicherheitssystem offengelegt. In einem Artikel vom vergangenen Montag fragt er: „Selbst wenn ein Suizid geplant war – warum haben die Flugsicherung, die Betreibergesellschaft und das Militär beziehungsweise die lokale Luftverteidigung den Anschlag nicht erkannt und reagiert, bevor das Flugzeug den China Zun erreichte?“

Es geht um das Image der Unfehlbarkeit der KP. Ohnehin will bei Fehlern und Missständen in der Partei in der Regel niemand verantwortlich gemacht werden.

Schon an der Quelle ansetzen

China-Forscher Bandurski meint, dieser Vorfall zeige eine klare Tendenz: „Im Grunde legt man die Verantwortung für die Nachrichten-Veröffentlichung in die Hände der lokalen Amtsträger“, denn sie hätten „das größte Interesse daran, die Informationen unter Kontrolle zu halten“.

Bandurski spricht von einer Zuspitzung im doppelten Sinne. Es gebe eine verschärfte Kontrolle über das Internet und Social Media – und gleichzeitig aber auch direkt bei der Nachrichtenquelle auf lokaler Ebene. Und das könne dazu führen, dass Fehler im System fortbestehen und nicht behoben werden.

Sicherheit ersetzt das Wohlstandsversprechen

Wer auf chinesischen Social-Media-Plattformen, etwa auf Weibo, den Namen des Towers mit dem Zusatz „wurde getroffen“ eintippt, der erfährt, dass es keine relevanten Inhalte dazu gebe. Vielmehr wird auf Gefahren im Ausland hingewiesen. Etwa seien im Winter in Japan zwei chinesische Staatsbürger ernsthaft verletzt worden. Die Botschaft, die hier ganz offenbar gesetzt werden soll: In China ist es sicher, im Ausland nicht.

Auch das ist ein bekanntes Muster. Und führt zu dem dritten Aspekt: das Sicherheitsversprechen in China. Die von der KP forcierte stillschweigende Abmachung ist heute weniger „Wohlstand gegen Gehorsam“, sondern „Sicherheit gegen Überwachung und Kontrolle“. Die KP stelle das chinesische Volk vor eine falsche Wahl und suggeriere, dass Kontrolle Sicherheit bringe, so Bandurski.

Doch soll zumindest nichts am Image des sicheren Landes kratzen. Daher lieber nicht über den Vorfall reden und alles in eine scheinbare Normalität tauchen.

Vor dem CITIC Tower gibt es gerade eine Werbe-Ausstellung im Park. Da sind Figuren des Labubu-Herstellers Pop-Mart aufgestellt und sehen energisch und erzürnt aus. „Angry Energy“ heißt es auf einem Schild – übersetzt heißt das so etwas wie aufgeladene Wut. Das mutet schon fast ironisch an, wenn man bedenkt, dass solche Wut dann entstehen kann, wenn Realitäten und Meinungen unterdrückt werden. Doch so soll die Werbeaktion sicher nicht verstanden werden.

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