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Schon jetzt unsterblich: Diktator Mbappé pulverisiert drei Minuten des Schreckens

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 10, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Kylian Mbappé schreibt doppelt Geschichte – und schießt Frankreich dank eines Traumtors ins WM-Halbfinale. Auch sein Diktator-Meme bekommt neues Futter. Vorher muss er aber eine schreckliche Leidenszeit überstehen.

„Wie lang war das?“, fragt der Mann in hochgekrempelten Jogginghosen und mit einer glitzernden Uhr am Handgelenk in die Runde der Journalisten, die sich um ihn quetschen. „Drei Minuten“, lautet die Antwort. Der Fragensteller verzieht das Gesicht. Halb überrascht, halb angewidert.

Kylian Mbappé reüssiert über die heikle Elfmeterszene im WM-Viertelfinale beim 2:0 (0:0)-Sieg seiner Franzosen über Marokko. Drei schrecklich lange Minuten und elf Sekunden sind es sogar, so lange muss der Wunderstürmer in Boston auf den Schiedsrichter und den VAR warten, bis er endlich schießen darf. Eine Leidenszeit, die beinahe alles verändert, denn Mbappé verschießt. Dazu gleich mehr. „Das ist der neue Fußball, man muss sich anpassen“, sagt der Superstar später nur trocken.

Die Journalisten warten nach der Partie weitaus länger auf den Stürmer, mehr als anderthalb Stunden sind es. So machen Diktatoren das wohl – und so füttert Mbappé beim Einzug ins Halbfinale auch die Millionen Fans seiner Online-Memes mit neuem Stoff. Unter anderem wegen seines Spielstils und weil er einst einen Dönerverkäufer verklagte, wird er seit längerem mit einem Augenzwinkern in Memes als Tyrann dargestellt. Selbst Trainer Didier Deschamps sah sich bereits genötigt, darauf hinzuweisen, dass sein Kapitän in Wirklichkeit kein Despot sei.

„C’est un peu long!“

Mbappé selbst weiß natürlich, dass es eine beinahe göttliche Ehre ist, zu solch einem Kulturphänomen zu werden. Dennoch kann auch er zunächst einmal nichts tun, als Schiedsrichter Facundo Tello aus Argentinien ihn elende 191 Sekunden lang zappeln lässt. „C’est un peu long!“, schreibt „Le Parisien“ im Liveticker. Das dauert etwas zu lange. Dann liegt dem Schiedsrichter auch noch der Ball falsch.

Zuvor erobert Désiré Doué in der eigenen Hälfte sauber den Ball, auch wenn Marokko auf Foulspiel an Achraf Hakimi plädiert. Blitzschnell läuft der französische Konter über Michael Olise, der Bayern-Star passt die Kugel perfekt in den Lauf von Mbappé. Nach einem agilen Übersteiger wird der Superstar deutlich von Noussair Mazaraoui gefällt. Trotzdem checkt der VAR. Die Pfiffe und Buhrufe der 63.811 mehren sich. Und tatsächlich, als der Franzose den marokkanischen Keeper Yassine Bono ausgucken will, schiebt er viel zu schwach in die rechte Ecke und vergibt kläglich. „C’est pas possible“, findet „Le Parisien“ diesmal: Das ist doch nicht möglich. Der Stürmer sagt nach der Partie, er müsse sich da einfach „besser konzentrieren“.

Nur Marokkaner, aber Dembelé schließt genial ab

Nach Lionel Messi erwischt nun auch Mbappé der Elfmeterfluch. Die beiden Megastars sind verantwortlich für die Hälfte der verschossenen Elfmeter bei dieser WM (in der regulären Spielzeit). Während Supertorwart Bono nun erst zwei von neun Elfmetern bei Weltmeisterschaften aus dem Netz holen musste (drei gehalten, drei neben das Tor; inklusive Elfmeterschießen), verschießt Mbappé zum ersten Mal seit 2025 vom Punkt. Im Dress der L’Équipe Tricolore gar seit 2020.

Mbappé pfeift einfach auf alles

Ist der Diktator also doch menschlich und zerbrechlich. Sind die vielen Nebenkriegsschauplätze von rassistischen Attacken aus Paraguay bis hin zu Warnungen vor Marine Le Pens Partei Rassemblement National auf dem Feld doch nicht aus dem Kopf zu verbannen? Nimmt das Turnier für ihn ein tragisches Ende, weil Topfavorit Frankreich ausscheidet wegen eines Megapatzers des Megastars?

Aber nicht doch. Die ganz Großen haben auch in solch bedrohlichen Lagen stets die richtige Antwort parat. Richtig ist untertrieben, denn Mbappé liefert eine Weltklasseantwort. Nachdem er kurz zuvor noch ein paar weitere Chancen liegenlässt und das Stadion zum Raunen bringt, greift der Tyrann in der 60. Minute härter durch als jemals zuvor bei dieser WM.

Superstar Mbappé vergibt Elfmeter extrem kläglich

Video poster

Doué pflückt die Pille technisch anspruchsvoll aus der Luft und passt direkt zu Mbappé. Dieser steht am linken Strafraumeck und täuscht an, als würde er in den Strafraum ziehen. Gegenspieler Issa Diop muss sich kurz sortieren, das nutzt der Stürmer für einen Wackler und visiert das lange Eck an. Eigentlich sieht es so aus, als würde er zu spät abschließen, als hätte er die kleine Lücke verpasst, die sich ihm kurz anbot. Eigentlich hat er gar keinen Raum, um Schwung zu holen und zu schießen. Doch was folgt ist ein so feiner Schlenzer ins lange Eck, dass dieser problemlos neben die Mona Lisa ins Louvre gehängt werden könnte.

Power und Zärtlichkeit

Mit seiner einzigartiger Schusstechnik, in der gleichzeitig so viel Power und Zärtlichkeit steckt, trifft die Nummer 10 perfekt über den sich ganz langmachenden Bono in den Winkel. Einen „frappe énorme“ nennt „Le Parisien“ das. Der Treffer ist mehrfach historisch, denn zum ersten Mal gelingen einem Franzosen 100 Torbeteiligungen im Nationaldress. Und zum ersten Mal haben nun mit Mbappé und Messi zwei Spieler acht Tore oder mehr erzielt. Es ist auch das 20. Tor des Franzosen im 20. WM-Spiel, damit hat er als eiskalter Despot Legenden wie Miroslav Klose (16 Tore), Ronaldo (15) oder Pelé (12) hinter sich gelassen. Den einen Treffer Rückstand auf Messi könnte er bei diesem Turnier noch aufholen und mit seinem gerade einmal 27 Jahren zum Rekordtorschützen aufsteigen. Unglaublich.

„Wir spielen mit Passion und es gibt nichts Größeres als die WM“, sagt Mbappé in den Katakomben und schickt noch einen Lacher für die Journalisten hinterher: „Wir müssen immer gewinnen oder diese Leute hier bringen uns um.“ Nur sechs Minuten nach seinem Tor ist er auch an der Entscheidung beteiligt und sammelt seine dritte Vorlage bei dem Turnier.

Mbappé setzt wunderschönen Schlenzer ansatzlos ins Netz

Video poster

Ousmane Dembélé hat zu viel Platz vor dem Strafraum, weil Marokko jetzt aufmachen muss. Und weil Mbappé, der nach einem öffnenden Pass von Olise die Kugel mit einer schnellen Fußbewegung ablegt, in den Sechzehner stößt und die Verteidiger mitzieht. Der Mann von Paris Saint-Germain feuert einen Schuss in die untere rechte Torecke ab, Bono ist noch dran, aber kann das 2:0 nicht verhindern. Dembélé wirft einen Handkuss ins Publikum, es ist sein viertes Tor in diesem Stadion.

Balldominanz und hohes Pressing

Sechs Minuten genügen, um die zuvor so starken Marokkaner zu entzaubern. „Les Bleus dürfen aufatmen“, schreibt „L’Équipe“ nun. Die Franzosen bringen zwar von Beginn an eine enorme Balldominanz gepaart mit hohem Pressing – die bärenstarke Abwehr steht meist an der Mittelinie – aufs Feld, aber die taktische Umstellung der Atlaslöwen für diese Partie ist so überraschend wie unnötig. Sie wollen hier erstmal verteidigen, anstatt wie zuvor bei der WM aggressiv nach vorne zu spielen. Diese konservative Einstellung geht komplett in die Hose.

Dass es zur Halbzeit immer noch 0:0 steht, liegt nur an einem Mann: „Les Bleus scheitern an Bono“, schreibt das Fachmagazin „L’Équipe“ zu diesem Zeitpunkt. Die Statistik sagt 13 zu 1 Torschüsse und 3 zu 0 Schüsse aufs Tor. In der 83. Minute (!) ist ein verdeckter Versuch von Azz Eddine Ounahi der allererste marokkanische Schuss aufs Tor, aber Mike Maignan faustet sicher zur Seite. Neil El Aynaoui hat im Anschluss mit seinem Kopfball die für sein Team beste Gelegenheit in der gesamten Partie, aber auch dieser geht knapp am Kasten vorbei und kommt viel zu spät. Frankreich versemmelt in der ersten Hälfte und in der Schlussphase so viele gute Möglichkeiten, dass Dembélé später gegenüber den Journalisten die „Effizienz“ seiner Mannschaft bemängelt.

Knapp 15 Minuten vor dem Ende durchlebt ganz Frankreich noch einen Schreckmoment, der aber nur kurz währt. Mbappé sitzt am Mittelkreis mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen. Mon Dieu – doch zum Glück kann der Wunderstürmer von selbst aufstehen, wird sofort ausgewechselt und kann schon wieder lachen, als er auf der Bank platznimmt. Mit dem Abpfiff bekommt er eine herzliche Umarmung von Deschamps.

„Die Unwiderstehlichen“, titelt die „L’Équipe“ am Ende. Seine ganzen Nebenkriegsschauplätze spielen keine Rolle, das Phänomen Kylian Mbappé lässt sich selbst von einem verschossenen Elfmeter samt Warte-Drama nicht aus der Ruhe bringen und entscheidet nach dem Achtel- auch dieses Viertelfinale. Das Halbfinale, nach 2018 und 2022 das dritte in Folge, kann kommen. Weitere Tore wohl inbegriffen. Darauf wird der Diktator bestehen.

Verwendete Quelle: ntv.de

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