Neues Album „Foreign Tongues“Die Rolling Stones öffnen das kreative Druckventil

Kaum drei Jahre nach ihrem letzten Album legen The Rolling Stones bereits nach und veröffentlichen mit „Foreign Tongues“ den nächsten Longplayer. Frei nach der Devise: Das letzte Hemd hat keine Taschen.
Ob die Rivalen von einst es sich wohl hätten vorstellen können, dass sie eines Tages, längst jenseits der 80, immer noch so kreativ und rastlos sein würden? Songs machen, Platten veröffentlichen, auf Tour gehen, mit der Presse übers neue Material fachsimpeln, alles x-mal erlebt, gleichzeitig doch immer wieder neu und aufregend, selbst für die ältesten Hasen auf der Koppel?
Dabei reüssieren die Stones und Paul McCartney in diesen Tagen nicht nur, was neue Veröffentlichungen angeht, beinahe im Gleichschritt, sie teilen sich auch den Studiosus ihres Vertrauens, Produzent Andrew Watt. Fünf Grammys hat der Mann aus New York bislang gewonnen, Justin Bieber produziert und Ozzy Osbourne, Elton John und Avicii, Selena Gomez und Miley Cyrus. Die Beatles und die Stones. Na gut, zumindest das, was von ihnen noch übrig ist.
Die alten Herren wissen natürlich, was sie tun. Und wem sie vertrauen. Wer sich Maccas „The Boys of Dungeon Lane“ und „Foreign Tongues“ von Mick & Co. anhört, dem fällt zunächst mal der unterschiedliche Grundton auf, kurz darauf der Umstand, wie Watt die beiden Granden perfekt in Klang gießt. Wie er McCartneys Nostalgie freien Lauf lässt und es doch nie altmodisch klingt, wie er den Blues von Jagger/Richards aufbockt und ihn mit der Postmoderne verbindet, ohne dass es berufsjugendlich klingt.
Der Beat rollt
Mit „Rough And Twisted“ geht es bei den Rolling Stones gleich zum Auftakt so oldschool zu, dass es knallt. Dicke Licks, muskulöse Drums, superbe Bottleneck-Gitarre, dann rollt der Beat plötzlich, die Mundharmonika scheppert, Widerstand ist zwecklos. So geht ein Opener, ein Dosenöffner, ein Curtain Raiser. Alles Makulatur natürlich, wenn hinter diesem Vorhang nur die ollen Kostümpuppen von vorgestern stehen, aber nichts da: „In The Stars“, im Mai bereits als Appetizer veröffentlicht, klingt so originär nach Stones, dass einem die hochtönenden Backing-Chöre umgehend das Wasser in die Augen treiben, nichts weniger als ganz großes Kino.
Im Anschluss geht mit „Jealous Lover“ etwas der Fuß vom Gas, ohne dass es weniger gülden schimmert. Micks Papageien-Falsett, ein schwüler Groove, der an Großtaten wie „Miss You“ denken lässt, getoppt von einem Chorus, der die Sonne reinholt – im Grunde genommen hat man jetzt schon die Waffen gestreckt. Es gibt jüngere Bands, die um diese drei Songs schon zwei vollständige Alben gebaut hätten.
Doch die Stones ticken anders, nicht zuletzt auch, weil ihnen klar ist, dass selbst scheinbar Unsterblichen wie ihnen so langsam die Zeit davonläuft. Time is on my Side … das war einmal. Bald zehn Jahre ist es her, dass die „No Filter“-Tour die Band auch über hiesige Bühnen führte. Seitdem ist einiges passiert. Charlie hat die Drumsticks ein für alle Mal aus der Hand gelegt, bei Keith sieht es mit dem Touren dem Vernehmen nach schlecht aus. Was bleibt also? Raus mit den Songs. Das kreative Druckventil losdrehen. Schnelle Entscheidungen, kompaktes Arbeiten, in Gestalt von Andrew Watt einen Drahtzieher, der das Tempo mitgehen kann.
Schillernde Gästeschar
War „Hackney Diamonds“ schon eine ausgesucht runde Sache, dann geht es mit „Foreign Tongues“ in puncto Klasse gleich noch etwas glamouröser. „Mr. Charm“ bollert als schmuckes Memorandum an die Zeiten von „One Hit To The Body“, „Divine Intervention“ schiebt im roten Bereich und trägt die Harmonien zwischen Bridge und Chorus unwiderstehlich um die Ecke, „Ringing Hollow“ schunkelt nostalgisch, „Hit Me In The Head“ mit Charlie Watts am Schlagzeug ist so heavy wie „Covered In You“ wohlig-verschnulzt, und mit „Ringing Hollow“ geht es gar dem amerikanischen Traum an den Kragen.
Die Gästeschar ist schillernd, Steve Winwood ist an den Tasten dabei, Robert Smith von The Cure, Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers, an der Kuhglocke kein Geringerer als Bruno Mars. Es passt zur Verve dieses Albums, zur dringlichen Konsequenz einer Band im finalen Kapitel, dass auch Paul McCartney an Bord ist. Rivalität, Konkurrenzkampf, Neid, alles Nonsens, wenn die Sanduhr sich leert. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Die ewige Jukebox wird niemals satt.
Es ist nur Rock’n’Roll, das wissen die Stones, das weiß Paul McCartney, aber klar ist eben auch, ob auf der Dungeon Lane oder in Hackney: Man mag ihn einfach zu sehr, den verdammten Rock’n’Roll, gerade wenn er so heißblütig klingt und nach vorn prescht wie bei den Rolling Stones auf „Foreign Tongues“. Ob es das letzte Album gewesen ist? Bitte nicht.