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Verheerendes Umweltdesaster: Seveso kann der Dioxin-Wolke bis heute nicht entkommen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 10, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Verheerendes UmweltdesasterSeveso kann der Dioxin-Wolke bis heute nicht entkommen

10.07.2026, 16:58 Uhr Von Andrea Affaticati, Seveso
Foto aus der Ausstellung Dioxin 50 Jahre später © A.Affaticati
Eine aktuelle Ausstellung zeigt unter anderem Bilder von Kindern, die nach der Chemiekatastrophe an Chlorakne leiden. (Foto: Andrea Affaticati)

Vor 50 Jahren breitet sich über der norditalienischen Gemeinde Seveso eine Giftwolke aus. Die Folgen für Gesundheit und Umwelt sind gravierend. Die Zivilgesellschaft schafft es aber, eine wichtige Lehre daraus zu ziehen.

Das Schwarz-Weiß-Foto der Ausstellung „Dioxin, 50 Jahre später“ in Cesano Maderno, einer Gemeinde nicht weit von Mailand, ist verstörend: Es zeigt ein Kleinkind im Arm eines Mannes, Kopf und Gesicht komplett verbunden, nur Augen, Nase und Mund sind frei, daneben eine Frau und ein Mann. Die Bildbeschreibung lautet: „Seveso, 2. Januar 1977. Bürgermeister Rocca mit Familie Senno und der kleinen, an Chlorakne erkrankten Stefania.“

Die Bilder der Ausstellung erzählen, was vor 50 Jahren, am 10. Juli 1976 um 12.28 Uhr, in der Chemiefabrik Icmesa in Meda, 20 Kilometer von der Wirtschaftsmetropole Mailand entfernt, geschah – und internationale Besorgnis auslöste. Ein unkontrollierter Druckanstieg in einem der Kessel hatte zur Öffnung des Sicherheitsventils geführt und eine Wolke Schadstoffe in der Luft verbreitet. Der Wind trieb sie über die angrenzenden Gemeinden und traf Seveso besonders stark.

Über den Gestank, den die Wolke verbreitete, machten sich die Leute anfangs keine Gedanken, aus der Fabrik stieg immer wieder übler Geruch auf. Was aber niemand – also niemand außer der Firmenleitung von Icmesa, einer Tochterfirma des Unternehmens Givaudan, das vom Pharmakonzern Hoffmann-La Roche kontrolliert wurde – wusste, war, dass diese Wolke die hochgiftige Substanz TCDD, auch Dioxin genannt, mit sich trug.

Icmesa meldete den Vorfall zwar den lokalen Institutionen, minimierte aber die Tragweite und sagte nichts über das Dioxin. Und so wurde der Bevölkerung lediglich empfohlen, weder Obst noch Gemüse aus den eigenen Gärten zu essen. Erst zehn Tage später, als immer mehr Kinder unter der Hautkrankheit Chlorakne litten, immer mehr Haustiere starben und die Blätter an den Bäumen verdorrten, wurde mit der Wahrheit herausgerückt.

„Ich war damals 15, wohnte in Meda und fuhr oft an der Fabrik vorbei,“ erzählt Alberto Colombo, einer der führenden Aktivisten des Umweltverbands Sinistra e Ambiente Meda, beim Treffen mit ntv.de in Seveso. „So richtig bewusst, dass etwas nicht stimmte, wurde mir aber erst nach einiger Zeit, als ich die Umzäunung und die Männer in weißen Overalls auf dem Gelände sah.“

„Das war eine verschuldete Katastrophe“

Für ihn war es mitnichten ein Unfall. Der Kessel war neu, da man aber sparen wollte, wurde auf automatische Sicherheits- und Warnvorkehrungen verzichtet. „Das war eine verschuldete Katastrophe“, sagt er lapidar. Das Gericht urteilte milder. Von den fünf Angeklagten wurden nur Hervig von Zwehl, Direktor von Icmesa, und Jörg Sambeth, Technischer Direktor von Givaudan, zu zwei Jahren beziehungsweise ein Jahr und sechs Monaten verurteilt.

700 Menschen mussten evakuiert werden. Die meisten konnten nach zwei Jahren wieder zurück in ihr mittlerweile saniertes Heim. Andere Häuser waren stattdessen so verseucht, dass sie abgerissen wurden. In der am stärksten kontaminierten A-Zone, die sich über 108 Hektar erstreckte, wurde eine Schicht von 80 Zentimeter Erde weggetragen und mit neuer ersetzt.

Zu den wichtigen Protagonisten jener Tage gehört Paolo Mocarelli, ehemaliger Professor für Biochemie, damals 42 Jahre alt und Leiter der Laboreinheit in einem nahegelegenen Krankenhaus. „Es war der 25. Juli 1976, als ich den Anruf bekam“, erzählt er ntv.de. „Am Tag darauf sollte die A-Zone evakuiert werden, und man bat mich, den Betroffenen noch Blut abzunehmen.“

Angst vor Fehlbildungen bei Föten

Damals konnte man nur die üblichen Parameter messen, und die zeigten keine Auffälligkeiten. Viel interessanter wäre jedoch gewesen, das Dioxin im Blut zu messen. „Da es dafür aber noch nicht die nötigen Instrumente gab, beschloss ich, eine Probe von jedem aufzuheben.“ Eine weitsichtige Entscheidung, denn elf Jahre später verfügte die Medizin über die Instrumente und die aufbewahrten Blutproben halfen, die Folgen der Kontaminierung genauer zu bewerten.

Besonders dramatisch war die Situation für die schwangeren Frauen: Die Angst, ein behindertes Kind auf die Welt zu bringen, war enorm. Abtreiben war in Italien aber noch verboten, einzige Ausnahme: Die Schwangerschaft könnte die Mutter in Lebensgefahr bringen. In diesem Fall war ein therapeutischer Eingriff erlaubt.

Die Frauen in Seveso schwebten zwar nicht in Lebensgefahr, der Druck der Öffentlichkeit stieg aber derartig, dass sich die Regierung diesem beugte und einen Abbruch genehmigten. Den Anschein eines therapeutischen Eingriffs wollte man aber bewahren, weswegen die Frauen zuerst zum Psychiater, anders gesagt, sich als psychisch labil abstempeln lassen mussten.

„Einige Föten wurden nach Lübeck für nähere Untersuchungen geschickt“, erinnert sich Professor Mocarelli. „Hinweise auf Fehlbildungen gab es aber keine.“ Weil sie noch im Frühstadium waren – meinten einige Mediziner. Auch was die Langzeitfolgen der Dioxin-Kontaminierung betrifft, sind die Meinungen kontrovers. Eindeutig bewiesen ist nur, dass die Kontaminierung bei Männern die Spermienmotilität stark beeinträchtigte. Nicht einwandfrei bewiesen ist stattdessen, dass die in dem verseuchten Gebiet zum Teil gestiegene Frequenz von Tumor- und Bluterkrankungen in direktem Zusammenhang mit der Dioxin-Kontaminierung steht.

Die Errungenschaften danach

Nach dem Schrecken und dem Entsetzen begann die Zivilgesellschaft zu reagieren, sich einzumischen. „Es waren die Einwohner von Seveso und Umgebung, die den ursprünglich geplanten Bau einer Brennanlage verhinderten und sich für die Renaturierung des verseuchten Gebiets einsetzten,“ erzählt Colombo.

Dank ihnen befindet sich heute auf 43 Hektar der ehemaligen A-Zone der Bosco delle Querce, eine grüne Oase, die eine Art Erinnerungsbrücke beziehungsweise Mahnmal ist: die „Ponte della Memoria“. Die auf der ganzen Grünfläche aufgestellten Schilder erinnern auf Italienisch und Englisch an den Dioxin-Vorfall und was danach unternommen wurde. Und so erzählt ein Schild, dass unter dem Hügel ein paar Schritte weiter eine 200.000 Kubikmeter große Wanne begraben ist, in der sich ein Teil der verseuchten Erde, die Trümmer der Häuser und alles, was darin war, befindet.

Auch auf internationaler Ebene wurden Maßnahmen getroffen. Der Versuch des Unternehmens, den Unfall zu minimieren, und das Unwissen darüber, was in Icmesa produziert wurde, veranlasste die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), zu handeln. Im Juni 1982 wurde die ‚Richtlinie Seveso 1‘ verabschiedet, die Unternehmen dazu verpflichtet, die zuständigen Institutionen und die Bevölkerung über Produktion und eventuelle Risiken von Anfang an zu informieren. Manche meinen auch, dass es der Fall Seveso war, der dazu führte, dass knapp zwei Jahre später, im Mai 1978, das Gesetz verabschiedet wurde, das den Schwangerschaftsabbruch legalisierte.

In Seveso ist eine Zivilgesellschaft geblieben, die bis heute wachsam ist, wie der Fall der Pedemontana-Autobahn jüngst zeigte. Für die neue Strecke sollten ursprünglich 12 Hektar vom Bosco delle Querce geopfert werden. Die Bürger der Region ließen es nicht zu und es kam zum Kompromiss: Es werden nur zwei Hektar sein. Gut möglich, dass Staatsoberhaupt Sergio Mattarella, der zum 50. Gedenktag in Seveso erwartet wird, auch auf die Notwendigkeit dieser Wachsamkeit hinweist.

Quelle: ntv.de

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