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Politik

Britischer Rechtspopulist: „Teflon-Image von Farage hat Kratzer“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 10, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Analyse

Stand: 10.07.2026 • 15:43 Uhr

An Nigel Farage, Brexit-Wortführer der ersten Stunde und Gesicht des britischen Rechtspopulismus, schien jede Kritik abzuperlen. Doch jetzt gerät er unter Druck – und seine Flucht nach vorne scheint nicht recht zu funktionieren.

Mareike Aden

Den Kampf, den er diese Woche selbst einläutete, hatte Nigel Farage sich wohl anders vorgestellt. Aber zunächst lief alles nach Plan für den Chef und Gründer der rechtspopulistischen Partei Reform UK. Als er am Wochenanfang ein Statement zu seiner politischen Zukunft ankündigte, fing die Gerüchteküche an zu brodeln, fast alle britischen Medien berichteten live.

Farages Botschaft: Sein Mandat als Abgeordneter für den südenglischen Küstenort Clacton wolle er niederlegen und bei der dadurch ausgelösten Neuwahl für den Sitz erneut antreten. „Ich habe entschieden, dass die Menschen in Clacton die Richter über meine Handlungen sein sollen“, sagte er.

Der Rest seines Statements war vor allem eine Schimpftirade gegen die Medien und das sogenannte Establishment. Sie seien gegen ihn und wollten nicht akzeptieren, dass Politiker Geld verdienen können.

Vorwurf, Spenden nicht offengelegt zu haben

Hintergrund und Auslöser für Farages Kampfsage ist ein Bericht der Sunday Times, die am Wochenende offenlegte, dass George Cottrell, ein wegen Betrugs verurteilter Krypto-Unternehmer, Farage jahrelang beraten und unterstützt habe – zum Beispiel durch Gewährung von Unterkünften, Sicherheitspersonal oder Hilfe bei der Medienarbeit.

Außerdem ermittelt seit Wochen eine parlamentarische Ethikkommission gegen ihn. Entgegen parlamentarischen Regeln hatte Farage eine Spende in Höhe von umgerechnet 5,8 Millionen Euro des in Thailand lebenden britischen Krypto-Milliardärs Christopher Harborne nicht offengelegt.

Farage selbst betont, er habe keine Regeln gebrochen. Mal spricht er von Ausgaben für seine Sicherheit, dann von Ferraris, die er mit dem Geld kaufen könne, wenn er wolle. Zuletzt verglich er die Spende mit einem „Lotto-Gewinn“. Bisher profitierte Farage eigentlich von einem volksnahen Image, zeigte sich gern im Pub mit einem Glas Bier.

Strategie läuft nicht nach Plan

Farages Statement, sein Rücktritt, nur um wieder anzutreten – all das sei ein „Ablenkungsmanöver im Stil von Donald Trump“, sagt der Politikwissenschaftler Tim Bale von der Queen-Mary-Universität in London. „Farage versucht Täter-Opfer-Umkehr: Er hat parlamentarische Regeln gebrochen, aber will als Opfer einer Verschwörung des Establishments gesehen werden“, so Bale im Interview mit tagesschau.de.

Doch derzeit verläuft Farages Strategie, die Nachwahl in Clacton in ein ernsthaftes Referendum über seine Person zu verwandeln, nicht nach Plan. Denn die meisten anderen Parteien, darunter Labour, die Konservativen, die Green Party oder die Liberaldemokraten, wollen gar nicht erst Kandidaten aufzustellen.

„Farage steckt bis zum Hals in einem Schmierenskandal“, sagt Premierminister Keir Starmer. Farage versuche verzweifelt abzulenken und Labour werde das nicht mitmachen. Reform UK kontert, die anderen Parteien hätten doch nur Angst vor Farage.

Count Binface ist einer der wenigen Kandidaten, die in der Nachwahl gegen Nigel Farage antreten wollen. Das macht dessen Inszenierung als Kämpfer gegen das Establishment schwieriger.

Vorsprung in Umfragen wird kleiner

Einer der wenigen Kandidaten, die bei der vermutlich Anfang August stattfindenden Wahl antreten wollen, heißt Count Binface – übersetzt „Graf Mülleimergesicht“. Der im Land berühmt-berüchtigte Quatsch-Kandidat, der mehrfach bei Wahlen antrat, trägt traditionell einen silberfarbenen Mülleimer über dem Kopf.

Derart unter Druck zu geraten und Zielscheibe von Spott zu sein, ist neu für Farage. Zwar verfügt Reform UK derzeit nur über acht der 650 Sitze im britischen Unterhaus, aber die Partei führt seit Monaten in den landesweiten Umfragen verschiedener Meinungsforschungsinstitute. Auch bei der Lokalwahl erzielte sie große Zugewinne.

Selbst die große, landesweite Unzufriedenheit mit dem Brexit, den Farage als Wortführer vorangetrieben hatte, hat ihm selbst kaum geschadet. Stattdessen hat die Partei davon profitiert, dass das Land hitzig über Einwanderung diskutiert. Reform UK fordert Massenabschiebungen, auch von Geflüchteten mit Aufenthaltsstatus.

Aber auf einmal sieht es weniger rosig aus für Farage. „Normalerweise ist Farage wie Teflon, alles perlt an ihm ab“, sagt Politikwissenschaftler Bale. „Jetzt sehen wir die ersten Kratzer.“ In den Umfragen wird der Vorsprung kleiner und Reform UK hat zuletzt drei Nachwahlen verloren. Auf einmal schauen nicht wenige britische Medien genauer hin und lassen nicht locker. Am Donnerstag veröffentlichte der Guardian weitere Rechercheergebnisse über finanzielle Ungereimtheiten bei der Partei.

Der Druck nimmt zu

Sogar von rechts nimmt der Druck zu. Vor allem von der Partei Restore Britain, die von Farages einstigem Parteigefährten Richard Lowe gegründet wurde. Der Vorwurf von Lowe: Reform UK sei zu sehr auf Farage fokussiert und zu weich geworden. „Restore“, wie die Partei oft abgekürzt genannt wird, steht für eine noch strengere Migrationspolitik und noch mehr Abschiebungen. „In den Augen von völkisch-nationalistischen Anhängern ist Farage zu soft. Anderen gefällt nicht, dass einige hochrangige Politiker der Konservativen zu Reform UK wechseln durften.“

Zuletzt reagierte Farage auf die Konkurrenz von rechtsaußen oft mit härterer Rhetorik: Im Falle des ermordeten Studenten Henry Nowak etwa, der in Polizeihandschellen starb, obwohl er das Opfer eines Messerangriffes war, brachte Farage das aufgeladene Motto „White lives matter“ ins Spiel. Für Politikwissenschaftler Bale ist es eine neue Entwicklung: „Bisher hat Farage immer versucht, einen Anschein von Seriosität zu wahren, trotz einiger ziemlich radikaler politischer Positionen.“

Doch diese scharfe Rhetorik wiederum könnte Reform-Anhänger verschrecken, die aus der Mitte nach rechts gewandert sind. Auch die Tatsache, dass der technokratisch wirkende, lange unbeliebte Premier Starmer wohl bald von dessen deutlich populärerem Parteikollegen Andy Burnham abgelöst wird, dürfte Farage und seinem Team Kopfzerbrechen bereiten.

Trotzdem: Farage abzuschreiben sei zu früh, sagt Tim Bale. „Er ist ein Überlebenskünstler, er wird die parlamentarischen Ermittlungen politisch überstehen. Ob er jedoch künftig große Erfolge erzielen kann, ist eine andere Frage.“ Der große Preis, ein Einzug in 10 Downing Street nach den nächsten Parlamentswahl 2029, scheint dieser Tage weit weg. Vor der Nachwahl wird Farage erst einmal Wahlkampf machen müssen – statt wie erhofft gegen das von ihm zitierte „Establishment“ gegen den Grafen Mülleimergesicht.

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Dr. Heinrich Krämer
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