Von Rönne gewohnt schonungslosWenn Liebe zur gigantischen Lüge wird

Eine Flunkerei, um Aufmerksamkeit von den öden Mitschülern zu bekommen oder gleich das gänzlich erfundene Künstler-Leben: In ihrem neuen Roman „Alles Liebe“ zeigt Ronja von Rönne, wie weit Menschen aus Sehnsucht nach ein bisschen Zuneigung gehen – bis das Lügenkonstrukt unter ihnen zusammenbricht.
Liebe kann so hässlich sein. Natürlich, da gibt es die Rentner, die aus Sehnsucht nach ein bisschen Zuneigung sämtliches Erspartes auf dubiose Konten in Westafrika überweisen oder Teenagerinnen, die sich aus ähnlichen Gründen auf Unbekannte aus dem Internet einlassen, obwohl sie es doch eigentlich besser wissen sollten. Tragische Fälle, die bereits in massenhaft vielen Dokumentationen, Podcasts und Aufklärungsvideos beleuchtet wurden. Da sind aber auch die unscheinbaren, alltäglicheren Abgründe der Liebe. In ihrem neuen, im dtv-Verlag erschienen Buch „Alles Liebe“ rückt Ronja von Rönne jene Fälle in den Fokus, in denen der Nachbar, die Tante, die beste Freundin sämtliche Grenzen überschreiten – und dem Wahnsinn plötzlich ganz nah sind.
Da ist etwa Barbara, deren Tochter an Krebs stirbt. Weil ihr Mann den Schmerz nicht erträgt, verlässt er sie und das gemeinsame Einfamilienhaus. Barbara bleibt lediglich die Selbsthilfegruppe – hier findet sie Trost und Zuneigung, während sie ihre Tochter beim Sterben im Kinderzimmer begleitet. Doch mit dem endgültigen Tod des Kindes droht sich Barbaras Anker zu lösen. Um das zu verhindern, hält Barbara ihre Tochter in Erzählungen am Leben.
Diese Lüge kann das leere Haus natürlich nicht füllen. So flüchtet sich Barbara in Hochglanzmagazine und die Online-Welt: Erst bestellt sie massenhaft Saftpressen, Fondue-Sets und bunte Kleider mit Sonnenblumen, dann wird „Rolf“ zu ihrer Obsession. Barbara malt sich das Katalogmodel als perfekten Familienvater aus, plakatiert ihre Küchenwand mit seinen Bildern und schmückt den gemeinsamen Alltag in Gesprächen mit Freundinnen aus. Die anfängliche Tagträumerei steht zunehmend auf wackeligen Beinen und endet schließlich in einem Polizeieinsatz im Schlafzimmer.
Moralischer Bankrott im Hunsrück
Auch Heike ist von der Idee „Mann haben“ getrieben. Aus Panik, in Einsamkeit zu enden, legt sich die einst engagierte Lehrerin schon früh auf Norbert fest. Leidenschaft hat es bei dem Paar nie gegeben, der Elektrohändler ist weder körperlich noch sonst besonders einfühlsam. Als sie in das Haus von Norberts Mutter in den Hunsrück ziehen, findet Norbert, Heike habe „den Sechser im Lotto gezogen“. Ein „Lottogewinn“, der für Heike eher einem moralischen Bankrott gleicht.
Doch statt auf ihre Bedürfnisse zu bestehen, gar an eine Trennung oder einen Rückzug in die Stadt zu denken, passt sich Heike ihrer Umgebung an. Der Gammeltapete ebenso wie dem öden Garten und dem Glas Wasser neben dem Teller der Schwiegermutter, weil das Essen in ihren Augen mal wieder versalzen wurde. 30 Jahre lang verschwindet Heike hinter der Gleichgültigkeit ihres Mannes und der Tyrannei seiner Mutter. Dann stößt sie im Internet auf Gartenblogger Erik. Ihre Chats vermitteln der mittlerweile pensionierten Lehrerin erstmals so etwas wie Interesse und Zuneigung. Heike wird lebensmutiger – bis sie im falschen Moment ihre eigene Gleichgültigkeit gegenüber Norbert und seiner Mutter entdeckt.
Von Rönne widmet jedem ihrer fünf Protagonisten ein eigenes Kapitel. Die Geschichten der stets erbärmlichen Existenzen sind lose verknüpft, hin und wieder tauchen einzelne Charaktere in anderen Episoden auf. Die Zusammenführung ihrer Antihelden im letzten Kapitel wird schließlich zum Höhepunkt des Buches: Wie bei einem Puzzle ergibt sich für den Leser ein Gesamtbild der bisher stellenweise kontextlosen Erzählelemente.
Die beste Freundin des „Krebskindes“
Allerdings ist es weniger der Plot an sich, der „Alles Liebe“ ausmacht. Von Rönnes Charaktere bieten kaum Identifikationspotenzial, sie entwickeln sich nicht und es fehlt ihnen an Tiefe. So kommt etwa keiner der Protagonisten trotz seines teils fragwürdigen, teils niederträchtigen Verhaltens jemals ins Zweifeln – die Frage nach richtig oder falsch, vertretbare Notlüge oder unentschuldbares Fehlverhalten, spielt für die Autorin schlicht keine Rolle. Die Genialität dieses Romans liegt vielmehr in von Rönnes geschickter Art, die Liebe durch ihre zum Scheitern verurteilten Protagonisten nach und nach in ein neues Licht zu rücken.
In dieser Hinsicht drängen sich Parallelen zu von Rönnes zuletzt erschienenem Essay auf. Damals hievte sie den Trotz auf die Bühne. Sie gab dem negativ behafteten Verhalten einen völlig neuen Anstrich, ließ ihn als Motor der Menschheitsgeschichte statt als frühkindliche Antihaltung erscheinen. Nun läuft es umgekehrt: „Alles Liebe“ zerrt den Dauersieger Liebe vom Treppchen der Lebensträume. Von Rönne beschränkt sich dabei nicht nur auf romantische Liebe, sondern beschreibt ebenso familiäre und platonische Beziehungen.
Teenagerin Laura etwa lernt schon früh, dass sie sich die Zuneigung ihrer Mitschülerinnen, ihrer Freundinnen, sogar ihrer Eltern verdienen muss. Die Krebserkrankung ihrer besten Freundin ist für sie daher eine einmalige Chance. Denn „die beste Freundin eines Krebskinds zu sein“, ist doch, so findet das Mädchen, „fast so gut, wie selbst Krebs zu haben“. Ein Prinzip, das Protagonist Fedor im vorletzten Kapitel auf die Spitze treibt: Der erfolglose Künstler lebt in einer über Jahre aufgebauten Lebenslüge. Im ständigen Kampf um Anerkennung von Eltern, Dozenten, Kommilitonen, Medien und selbst guten Freunden wird seine Freundin Christina zur größten Konkurrenz – womit seine Liebe zwangsläufig in tiefen Hass umschlägt.
Liebe als Red Flag?
Wie unter dem Brennglas zeigt „Alles Liebe“, wie stark Liebe mit Selbstachtung, Selbstwert und Selbstbewusstsein verknüpft ist. Je weniger von Rönnes Charaktere von letzterem haben, desto gieriger scheinen sie nach Ersterem – und desto hemmungsloser handeln sie. Statt dem Mangel an Zuneigung mit Angst, Wut oder Trauer zu begegnen, werden aus stolzen Schülerinnen, Lehrerinnen, Müttern und Künstlern in kürzester Zeit erbärmliche Lügner. Dieser schmale Grat zwischen Liebe und Lüge fungiert als roter Faden zwischen den Episoden.
In dieser Hinsicht liest sich von Rönnes Buch wie eine Warnung vor der Liebe. Aber Obacht: Wer „Alles Liebe“ als leichte Sommerlektüre nun schon abgeschrieben hat, liegt falsch: Die Autorin beschreibt das Verhalten und die Gedanken ihrer Protagonisten gewohnt schonungslos und pointiert. Die Szenen wirken damit oft unwirklich – und obwohl die Geschichten von Tod und Tragik durchzogen sind, hat der Roman nichts Düsteres. Im Gegenteil. In großen Strecken ist er urkomisch und – ist man ganz ehrlich – auch heilsam: Von Rönne verdeutlicht, wie moralische Grenzen auf der Suche nach Zuneigung beinahe unbemerkt übertreten werden. Wie schnell es mit der eben noch hochgelobten Selbstachtung nicht mehr weit her ist, sie stattdessen irgendwo zwischen naiver Hoffnung und purer Verzweiflung krakeelt.
Wer von Rönne bisher mochte, wird diesen Roman lieben. „Alles Liebe“ ist weniger philosophisch und verkopft als „Trotz“, dafür ebenso durchdacht. Die von Rönnsche Verknüpfung von Komik und Tragik gelingt mindestens so gut wie in „Ende in Sicht“ und „Wir kommen“. Sie habe beim Schreiben dieses Buches „nur gelitten“, verrät von Rönne auf Instagram. Gelohnt hat es sich allemal. „Alles Liebe“, das eigentlich „Alles Lüge“ heißen müsste und mit seinen 240 Seiten in jede Strandtasche passen dürfte, ist das bisher beste Werk der 34-Jährigen.
