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Politik

Wie das Rätsel um einen Holocaust-Täter gelöst wurde

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 18, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 18.07.2026 • 10:59 Uhr

Die Aufnahme von einer Hinrichtung im Sommer 1941 gilt als eines der bekanntesten Fotos des Holocaust. Über den Schützen war lange vieles unbekannt – bis jetzt. Wie wurde Jakobus Onnen zum Täter?

Eine Hinrichtung vor 85 Jahren: Im Juli 1941 spielte sich diese Szene in den deutsch-besetzten Gebieten der Sowjetunion ab: ein SS-Mann zielt mit einer Pistole auf den Hinterkopf seines Opfers. Die Aufnahme wurde zu einer visuellen Ikone des Holocaust, betitelt als „Der letzte Jude von Winnyzja“. Der Schütze war bis 2025 unbekannt, ebenso der genaue Ort und Zeitpunkt der Aufnahme.

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 eskalierte die Gewalt. Hunderttausende Menschen wurden ermordet – Männer, Frauen und Kinder. Wesentlich daran beteiligt waren die vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD), die hinter der Frontlinie von Nord nach Süd in die besetzten Gebiete der Sowjetunion vorstießen.

Nach wenigen Wochen erreichte die Einsatzgruppe C die Region um Schytomyr im Nordwesten der Ukraine. Dort und nicht in Winnyzja entstand das ikonische Foto: auf dem Gelände der Zitadelle von Berdytschiw. Das zeigen neue Forschungen.

Das Rätsel um den Schützen

Stefan Hördler ist Historiker an der Universität Göttingen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt die Analyse von Personen und ihren Netzwerken, die an Terror und Mord während des Nationalsozialismus beteiligt waren. Für den ARD-Podcast „NS-Cliquen: von Menschen und Mördern“ hat er die Biografie des Täters auf dem Foto ausgewählt.

Denn 2025 war durch die Forschungen der Familie des Schützen und des Historikers Jürgen Matthäus aus den USA seine Identität bekannt geworden: Jakobus Onnen, Jahrgang 1906, aus Ostfriesland.

„Zum Lebenslauf von Jakobus Onnen gab es viele offene Fragen. Bis 1939 konnte man seinen Werdegang gut entschlüsseln, aber dann wurde es dünn“, erklärt Hördler. Es habe teils widersprüchliche Informationen gegeben, es sei nie ganz klar gewesen, wie seine Laufbahn nach Beginn des Zweiten Weltkriegs aussah und wie er zu diesen Erschießungen kam. „Aber wir haben dieses Rätsel jetzt gelöst.“

Historiker Hördler befasst sich mit Personen und ihren Netzwerken während des Nationalsozialismus.

Der Lehrer und sein Wunsch nach Kolonien

Jakobus Onnen studierte ab 1927 an der Universität Göttingen Neue Sprachen, Englisch und Französisch. 1932 legte er sein erstes Staatsexamen ab und bekam eine Stelle an der Kolonialschule Witzenhausen. Die Schule existierte seit 1898 und sollte junge Menschen auf ihren Dienst in den Kolonien vorbereiten. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Versailler Vertrag 1919 hatte Deutschland jedoch alle Kolonien verloren.

Onnen hielt das für einen Zustand, der sich wieder ändern müsse. In einer Publikation namens „Rohstoffe aus kolonialem Raum“ schrieb er 1937: „Auch jetzt genügt unser Lebensraum nicht mehr, um jedem Volksgenossen Arbeit und Brot zu geben, und nicht ohne Grund hat der Führer so oft auf die Notwendigkeit kolonialen Besitzes für Deutschland hingewiesen.“

Für Hördler zeigt sich hier ein Mann mit starker Affinität zu imperialen Vorstellungen und dem NS-System. Seine ideologische Tuchfühlung bewies er auch mit Mitgliedschaften in diversen NS-Organisationen. Bereits 1931 wurde er Mitglied der NSDAP, im Jahr darauf der SA. 1933 wechselte er zur SS.

Die Fragen der Angehörigen

Parallel zu monatelangen Archivrecherchen besuchte Hördler auch die Familie von Jakobus Onnen in Bremen. Johanna Hellmerichs ist die Nichte von Jakobus Onnen. Ihr Mann, Klaus Hellmerichs, recherchiert seit Jahren intensiv, um Licht ins Dunkel um die Karriere von Onnen zu bringen. Gemeinsam gingen sie alle vorhandenen Dokumente durch. Die offenen Fragen aber blieben.

Eine Karriere in NSDAP oder SS hat Onnen nie gemacht, unterrichtete stattdessen. Doch wie kam er zu einer der Einsatzgruppen? Die bekannten Mitglieder waren überwiegend Männer der Sicherheitspolizei und des SD. Dazu gehörte Onnen aber nicht. Was öffentlich kaum bekannt ist: Auch Angehörige der Ordnungspolizei und Reservisten der Waffen-SS stellten jeweils 20 bis 30 Prozent der Männer in den Einsatzgruppen.

„Ich habe mir Hunderte andere Männer angeschaut, die ähnliche Rekrutierungsmuster durchlaufen haben, ein ähnliches Alter hatten und wie Onnen zwischen Einsätzen in den SS-Totenkopfstandarten und dem Zivilberuf wechselten“, sagt Hördler. „Und dann konnte ich nachweisen, dass diese Männer – darunter auch zahlreiche Lehrer – als Reservisten der Waffen-SS systematisch zu den Einsatzgruppen eingezogen wurden. Männer wie Jakobus Onnen.“

Von der Schule zu den Erschießungen

Erst kurz vor Kriegsbeginn kam er direkt in Verbindung mit Terror und Gewalt: Onnen wurde zur 2. SS-Totenkopfstandarte „Brandenburg“ (Konzentrationslager Sachsenhausen) einberufen, 1940 dann zu den verstärkten SS-Totenkopfstandarten in den deutsch-besetzten Gebieten Polens, wo er zeitweise auch als Schulungsleiter der Ordnungspolizei tätig war.

Nach einer kurzen Rückkehr in den Schuldienst, erfolgte Mitte Januar 1941 die entscheidende Einberufung: als Reservist der Waffen-SS direkt in den Aufstellungsraum der Einsatzgruppen um Bad Schmiedeberg. Onnen gehörte formal zu anderen Einheiten, aber war stattdessen Teil der Einsatzgruppe C, die sich im Juli 1941 in Berdytschiw befand.

Das Tat-Foto im Tagebuch

In einem 2021 bekannt gewordenen Tagebuch eines Wehrmachtsoffiziers befand sich das Foto der Erschießung, beschriftet mit der Zitadelle Berdytschiw als Tatort und datiert auf den 28. Juli 1941. Über 70 Tote soll es an dem Tag gegeben haben. Die Angaben decken sich mit damaligen Ereignismeldungen der Einsatzgruppe C, wie Historiker Hördler erklärt.

Zuschauer waren anscheinend nicht nur bei dieser Hinrichtung anwesend. Kurz nach dem 28. Juli 1941 gab das Reichssicherheitshauptamt den Befehl heraus, dass das Ansammeln von Zuschauern bei Massenexekutionen zu verhindern sei.

Der Historiker betont: Teilnahmen an Erschießungen waren nicht verpflichtend. Sicher war es seitens der Führungskräfte gewünscht, dass im Sinne einer Gruppenverbundenheit und auch einer gewissen Schuldverteilung jeder mitschoss. Doch Hördler hat in der Recherche Tausender Biografien auch Männer gefunden, die sich weigerten, die sich versetzen ließen oder auch ob all der Gewalt krank wurden und aus dem Dienst ausschieden. Zu einem Nachteil für die Personen hat das nicht geführt.

Mehr zum Thema in der dritten Staffel des ARD-Podcast „NS-Cliquen: von Menschen und Mördern“.

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Dr. Heinrich Krämer
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