In Russland hat der Online-Händler Wildberries eine ähnliche Bedeutung wie hierzulande Amazon. Nun greift die Ukraine den Händler gezielt und wiederholt an. Das trifft auch viele kleine Unternehmer.
Dichte schwarz-graue Rauchwolken an den Stadträndern von Moskau und St. Petersburg und in anderen Regionen des Landes: Videos davon sind vor allem in den sozialen Netzwerken zu sehen – die russischen Staatssender zeigen die ukrainischen Drohnenanschläge, die in der letzten Woche vor allem die Verteilzentren von Wildberries getroffen haben, nicht.
Nach offiziellen Angaben sind dabei neun Menschen ums Leben gekommen, mehr als 80 wurden verletzt. Analysten schätzen den Wert der verbrannten Waren auf bis zu vier Milliarden Euro.
Großer Verlust für kleine Unternehmer
Der Online-Gigant Wildberries macht keine Angaben darüber, wie viele Menschen für das Unternehmen insgesamt tätig sind. Viele Lagerarbeiter, Kuriere und andere Mitarbeitende an den Abholstationen sind über Partnerunternehmen angestellt.
Nach den Angriffen häufen sich jetzt Videos von russischen Geschäftsleuten, die im Feuer fast alles verloren haben – wie Julia Stepanova: „Fast alle meine Produkte sind verbrannt, nur ganz wenig ist geblieben“, sagt sie. „Ich verlasse die Plattform Wildberries und werde höchstwahrscheinlich aussteigen, das ist das Ende.“
Eine andere Frau zeigt mit ihrem Handy die riesigen Rauchwolken in der Ferne, sie habe 4.000 Pelzmäntel im Feuer verloren. Sie sei zum Anschlagsort gefahren, um ihren Mänteln „auf Wiedersehen zu sagen“ und wohl auch ihrem gesamten Unternehmertum.
Die Lage der kleinen und mittleren Unternehmen in Russland verschlechtert sich zusehends: Jedes sechste habe überfällige Kredite, schreibt die Tageszeitung Nesawissimaja Gaseta. Und gerade erst hat die russische Zentralbank bekannt gegeben, dass im gesamten Unternehmenssektor bereits jeder vierte Kreditnehmer mit seinen Zahlungen in Verzug sei.
Mehrere Zehntausend Abholstationen des Versandhändlers gibt es in ganz Russland.
20 Millionen Bestellungen pro Tag
Bei Wildberries gehen täglich rund 20 Millionen Bestellungen ein. Ob in den Hinterhöfen der Großstädte oder auf den Hauptstraßen in den Dörfern, auf Plastiktüten oder Reklametafeln: Das lila-pinkfarbene Logo ist in Russland fast überall zu sehen. Mehr als 90.000 Abholstationen gibt es im ganzen Land. Oft ist es nur ein kleiner Kellerraum, übersät mit unzähligen Paketen und Umkleidekabinen. Ob Autoteile, Bügelbretter, Bücher, Handyhüllen, Kinderartikel oder Küchenzubehör: Wildberries bietet fast alles – auch jetzt noch, nach den Anschlägen.
Bei einigen Kundinnen und Kunden haben sich die Lieferzeiten verlängert, wie bei der Englischlehrerin Armine: Einige Geschenke, die sie ihren Verwandten im Urlaub mitbringen wollte, seien bis heute nicht geliefert. Sie hat Videos der Drohnenangriffe in den sozialen Netzwerken gesehen. Die hätten ihr Angst gemacht: „Es ist nicht weit von uns entfernt passiert. Deshalb ist es natürlich beängstigend.“
Die Studentin Lera aus Moskau will Wildberries nicht mehr nutzen, obwohl sie fast die gesamte Ausstattung für ihre Wohnung dort bestellt hat. Sie befürchtet, dass die Waren nicht mehr ankommen könnten oder es sie schlicht nicht mehr gibt: „Viele Gründer der dort ansässigen Marken hatten in diesen Lagern einfach Millionen von Artikeln, und ein Großteil davon ist verbrannt, wenn nicht sogar alles. Deshalb schließen jetzt viele.“
Nun auch Angelegenheit des Kreml
Auch wenn der Kreml immer wieder versucht, die wirtschaftlichen Folgen der ukrainischen Angriffe herunterzuspielen, musste Sprecher Dmitri Peskow diese Woche dazu Stellung nehmen. Die Lage sei tatsächlich schwierig, „aufgrund der Verluste, die sowohl das Unternehmen selbst als auch kleine und mittlere Betriebe erlitten haben.“ Die Regierung, so Peskow, befasse sich mit dieser Angelegenheit.
Das Unternehmen hat Entschädigungen angekündigt, doch einige Betroffene berichten schon jetzt, dass die Zahlungen sehr gering ausfallen würden. Studentin Lera sagt, dass überall über die Anschläge gesprochen werde. Wildberries sei aus keinem Haushalt mehr wegzudenken. Daher betreffe jeder Angriff auf das Unternehmen auch „jeden Einwohner unseres Landes“.
