Abrakadabra im WarenkorbDas Geschäftsmodell der Tiktok-Hexen

Auf Tiktok und Instagram inszenieren moderne Hexen ihre Rituale vor einem Millionenpublikum. Dahinter steht ein Markt, auf dem sich Liebeszauber, Heilungen und Wohlstand bequem kaufen lassen. Bezahlt wird mit echtem Geld – geliefert wird ein Versprechen, das gefährlich werden kann.
Wer auf dem Online-Marktplatz Etsy das Stichwort „Geldzauber“ eingibt, findet dort über 1000 Ergebnisse. Gleich einer der ersten Treffer verspricht ein Geldaktivierungsritual für „schnellen Reichtum und Schuldenfreiheit“, durchgeführt noch am selben Tag – ein Kerzenritual, das laut Beschreibung „besonders hilfreich für Menschen ist, die unter finanziellem Druck stehen“. Kostenpunkt: rund vier Euro. Das klingt nur so lange nach einem Schnäppchen, bis man die wählbaren Optionen sieht. Für vier Euro nämlich wirkt der Zauber erst in ein bis zwei Monaten, und die „Manifestationsstärke“ hält gerade einmal zwei bis drei Monate an. Wer möchte, dass der Zauber sofort wirkt und „für immer“ anhält, muss rund 48 Euro berappen. 48 Euro dafür, dass am anderen Ende der Internetleitung eine Kerze angezündet wird. Immerhin: Ein visueller Beleg wird versprochen.
Willkommen in der Welt von #WitchTok. Unter diesem Hashtag präsentieren moderne Hexen auf Tiktok, Instagram und Youtube ihre Liebes-, Rache- und Wohlstandszauber, erklären, welche Rune zu welchem Anliegen passt und welche Kräuter in welcher Mondphase angeblich besonders gut wirken. Die erfolgreichsten Accounts im deutschsprachigen Raum erreichen sechsstellige Followerzahlen. Und wo so eine Reichweite ist, da ist ein finanzielles Interesse oft nicht weit: Was als individuelle, moderne Spiritualität daherkommt – frei von Dogmen, Institutionen und Hierarchien -, folgt bei näherem Hinsehen erstaunlich zuverlässig den Gesetzen von Angebot und Nachfrage.
Energetisiertes Wasser für 16.500 Euro
Dieses Phänomen hat einen Namen: Konsum-Esoterik. Anders als die klassische „System-Esoterik“ mit ihren geschlossenen Lehrgebäuden – man denke an Theosophie oder Anthroposophie – bindet sie sich an keine feste Lehre. Es geht vielmehr darum, dass sich gläubige Konsumentinnen und Konsumenten das heraussuchen, was ihnen guttut. Und was sich verkaufen lässt: heute ein Räucherstäbchen gegen die schlechten Schwingungen, morgen ein Heilkristall gegen das Knie-Hämatom. Der jährliche Umsatz mit Esoterik-Produkten wird allein in Deutschland auf rund 20 Milliarden Euro geschätzt.
Nach oben ist die Preisskala diverser Produkte dabei offen. Schon ab 7999 Euro ist etwa der „Torus Tower“ zu haben, eine Hausanlage, die das Leitungswasser per „Kristallwirbel-Technologie“ energetisieren und von „negativen Informationen“ befreien soll. In der Villen-Ausführung für 16.500 Euro schafft das Gerät 48 Liter pro Minute und baut angeblich nebenbei eine „Äther-Licht-Kugel“ um das Haus auf, die in andere Dimensionen hineinreicht. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es selbstverständlich keine. Das investigative Portal Medwatch nennt das schlicht „Humbug mit Heilsversprechen“.
Man könnte darüber schmunzeln und den Torus-Tower als kurioses Randphänomen abtun. Aber die Struktur dahinter ist immer dieselbe: Behauptet wird ein konkreter, messbarer Effekt – die genaue Wirkweise ist allerdings weder nachvollziehbar noch belegbar. Und genau diese Struktur trägt auch das Geschäft der Social-Media-Hexen.
Unboxing mit Räucherstäbchen
Wie nahtlos dort Spiritualität und Verkauf ineinander übergehen, zeigt ein Blick auf den Hashtag #witchhaul. „Haul“-Videos, in denen Influencerinnen ihre Einkäufe vor der Kamera auspacken, sind ein etablierter Social-Media-Trend – und es gibt sie eben auch in der Hexen-Variante. Da packt eine der bekanntesten deutschen Hexen vor ihren mehr als 130.000 Followerinnen und Followern strahlend eine Papiertüte voller magischer Utensilien aus: goldene Zweige, Kerzenständer, ein Spiegel für Spiegelmagie, ein „drittes Auge“. „Wollt mal was Persönliches teilen“, heißt es in der Videobeschreibung. Direkt darunter, in Großbuchstaben: „DU WILLST DEIN LEBEN VERBESSERN? Dann gönn dir mein Buch“ – gefolgt von drei Buchtiteln und dem Hinweis, wo man sie kaufen kann. Auf ihrer Homepage lassen sich zudem Sessions buchen.
Fachleute nennen so etwas Kommodifizierung: Eine spirituelle Praxis, die ursprünglich keine Ware war, wird zur handelbaren Ware gemacht. Bei #WitchTok passiert das auf mehreren Ebenen zugleich. Es gibt Hexenshops für Kristalle, Kerzen und Tarot-Sets, es gibt Bücher, Kurse, Coachings und Workshops – und es gibt eben Zauber als Dienstleistung. Eine US-amerikanische Hexe mit 273.000 Tiktok-Followern etwa betreibt einen Etsy-Shop, in dem „Mondphasenzauber“ ab rund 320 Euro zu haben sind. Der „Ultimate Exterminator Spell“, der „tiefsitzende mentale, physische und emotionale Blockaden“ auflösen soll, kostet 940 Euro. Für den „Money-Madness-Spell“, der einen „regelrechten Wirbelwind“ finanzieller Möglichkeiten entfesseln soll, werden rund 1160 Euro fällig – der Weg zum versprochenen Reichtum beginnt also mit einer durchaus realen Investition. Wer es dunkler mag: Der schwarzmagische Zauber, dessen genaue Wirkungsweise nicht einmal beschrieben wird, kostet 1800 Euro.
Ein Markt ohne Regeln
Es gibt für keine einzige esoterische, astrologische oder ritualmagische Methode auch nur den geringsten Beleg, dass sie über den Placebo-Effekt hinaus funktioniert. Das ist vielfach untersucht worden. Was hier verkauft wird, sind keine Staubsauger, die nachprüfbar funktionieren oder eben Schrott sind. Das Übernatürliche entzieht sich jeder Überprüfung – und genau das macht es als Ware so ideal. Denn hin und wieder hat man das Gefühl, dass ein Zauber vielleicht doch gewirkt haben könnte – allerdings braucht es dafür keine Magie. Dafür reicht selektive Wahrnehmung, der schon genannte Placebo-Effekt oder schlicht der Zufall. Daraus entsteht die Gefahr einer Abhängigkeit. Wer einmal überzeugt ist, dass ein Zauber gewirkt hat, wagt sich beim nächsten Mal eventuell gar nicht mehr ohne ins Bewerbungsgespräch, in die Prüfung oder ins erste Date – aus dem Ritual wird eine Bedingung, ohne die man sich dem Leben nicht mehr gewachsen fühlt.
Fatal wird das durch die vollständig fehlende Regulierung dieses Marktes. Wer heute Abend beschließt, sein Leben fortan als spirituelle Heilerin oder Hexe zu finanzieren, kann das tun – solange er oder sie keine expliziten Heilversprechen macht, die gegen das Heilmittelwerbegesetz verstoßen. Eine Ausbildung braucht es nicht, eine Qualitätskontrolle gibt es nicht, eine Haftung auch nicht. Der Schamane, der freundlich und kompetent im Beratungsgespräch sitzt, hat sein gesamtes Wissen womöglich aus einer „Nature Shaman Reiki“-Masterclass auf der Lernplattform Udemy für 19,99 Euro, Abschluss-Zertifikat zum Herunterladen inklusive. Ich weiß, wovon ich rede: Zu Recherchezwecken habe ich mich auf Udemy im Sonderangebot für 14,99 Euro zum Engel-Medium ausbilden lassen – ich bin „offiziell“ zertifizierter Engel-Channeler. Was mir in dem Kurs über den Umgang mit Menschen in Krisen beigebracht wurde, lässt sich in einem Wort zusammenfassen: nichts.
Nicht jede Hexe, die ihre Dienste anbietet, handelt dabei in böser Absicht – viele glauben vermutlich selbst an die Wirkung dessen, was sie verkaufen. Aber guter Wille schützt nicht vor Schaden. Auf einem Markt, auf dem es weder Standards noch Kontrolle gibt, treffen Menschen in echten Krisen auf Anbieterinnen und Anbieter, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen.
Der Markt esoterischer Dienstleistungen insgesamt lebt von echten menschlichen Bedürfnissen – nach Trost, Orientierung, Sicherheit und Kontrolle. Diese Bedürfnisse sind völlig legitim. Wer aber in Geldnot ist, dem hilft kein 48-Euro-Kerzenritual. Wer krank ist, braucht keine „mächtige, personalisierte Distanz-Heilungssession“ für 850 Euro, wie sie ebenfalls angeboten wird, sondern ärztliche Hilfe. Dass die Zielgruppe der Plattformen, auf denen diese Angebote kursieren, überdurchschnittlich jung ist – Jugendliche und junge Erwachsene mitten in der Orientierungsphase -, macht die Sache noch schlimmer. Der Weg vom faszinierenden Video mit geheimnisvoll arrangiertem Altar zum ersten gekauften Zauber kann auf Tiktok erschreckend kurz sein.
