Reisners Blick auf die Front„Der Wettlauf beider Seiten bis zum Winter beginnt jetzt“

Präsident Wolodymyr Selenskyj könne entspannt ins Gespräch mit seinem US-Amtskollegen Donald Trump gehen, sagt Oberst Markus Reisner. Beide würden gemeinsame Interessen verbinden. Militärisch gehe die Ukraine jetzt all in – schließlich laufe der Countdown bis zum Winter.
ntv.de: Herr Reisner, der Kreml feuert laut dem Institute for the Study of War (ISW) derzeit mehr ballistische Raketen auf die Ukraine, als er pro Monat produzieren lässt. Warum?
Markus Reisner: Mit derartigen Bewertungen ist Vorsicht geboten, denn die wirkliche Produktionsrate der russischen Raketen ist bis heute ein gut gehütetes Geheimnis. Ich erinnere mich an 2022, wo man im Sommer hörte, dass Putin bis Ende des Jahres die Raketen ausgehen würden. Was wir aber sehen: Die russischen Drohnenangriffe sind merklich zurückgegangen. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die ukrainische Abschussrate hoch ist und die Russen gerade ihre Produktion auf raketengetriebene Drohnen vom Typ Geran 4 und 5 umstellen. Hinzu kommt ein fast nachhaltiges Zurückgehen des Einsatzes von Marschflugkörpern. Das kann ebenfalls unterschiedliche Gründe haben, auch hier könnte die höhere Abschussrate der Ukrainer dazu gehören. Wir sehen aber auch Angriffe auf andere Ziele, wie zum Beispiel ukrainische Frachtschiffe, welche Getreide transportieren.
Also kann auch über die Gründe für den Anstieg der ballistischen Raketen nur spekuliert werden?
Ja. Ist das eine absichtliche Beanspruchung der russischen Arsenale, also über die Maße der Produktion hinaus, um den Druck auf die Ukraine zu erhöhen? Oder ist das ein erhöhter Einsatz aufgrund vermehrt produzierter und somit verfügbarer Raketen? Diese Fragen können nicht abschließend beantwortet werden, aber meiner Bewertung nach eskaliert Russland gezielt seine strategischen Luftangriffe – analog zum Vorgehen der Ukraine. Fakt ist: Diese ballistischen Raketen sind für die Ukrainer schwer abzuwehren, weil sie einen Engpass haben, vor allem bei der Versorgung mit Patriotraketen.
Und dieser Engpass kann nicht überwunden werden?
Danach sieht es nicht aus. US-Präsident Donald Trump hat laut einem Medienbericht eine Eskalation gegenüber dem Iran aufgrund des Mangels an Patriotraketen verschoben. Das Pentagon hat demnach im Krieg mit dem Iran mehr als 1200 Patriotraketen, die etwa vier Millionen Dollar pro Stück kosten, verbraucht. So sind die Bestände auf ein kritisches und niedriges Niveau gesunken. Und bei einem größeren US-Angriff hätte man mit einer härteren Reaktion des Iran rechnen müssen. Das hätte die Luftabwehr der USA und der Golfstaaten weiter geschwächt, weil dann noch mehr Patriotraketen verbraucht würden.
Wenn Trump seinen eigenen Krieg gegen den Iran einschränkt, weil die Patriotraketen fehlen, heißt das für die Ukraine also nichts Gutes.
Genau. Das ist laut Präsident Wolodymyr Selenskyj besonders mit Blick auf den kommenden Winter für die Ukraine die größte Herausforderung. Der letzte Winter war schon fast unmöglich durchzustehen. Die kritische Infrastruktur, die damals zerstört und beschädigt wurde, ist noch immer kaputt. Patriotraketen sind immens wichtig für die Abwehr gegen Marschflugkörper und ballistische Raketen, damit nicht noch mehr Infrastruktur attackiert und zerstört wird.
Der kommende Winter ist also entscheidend?
Ja. Der Wettlauf beider Seiten bis zum Winter beginnt jetzt. Die Russen versuchen, die Ukraine bis dahin in die Knie zu zwingen – und umgekehrt. Das ukrainische Stromsystem erzeugt im Sommer derzeit rund 11 bis 12 Gigawatt, im Winter werden jedoch etwa 18 bis 19 Gigawatt benötigt. Damit klafft eine deutliche Lücke, denn mit Beginn des Winters und der Heizperiode steigt der Bedarf massiv. Zugleich verfügt Russland trotz Rückschlägen im eigenen Land weiterhin über die Mittel und die Fähigkeiten, die ukrainische Energieinfrastruktur anzugreifen. Die Raketenproduktion läuft auf Hochtouren. Vor diesem Hintergrund müssen wir auch die aktuelle intensive Zunahme der ukranischen Angriffe auf das russische Hinterland – also die Angriffe auf russische Energie- und Logistikziele – verstehen. Die Ukrainer setzen alles daran, diese asymmetrische Lage rechtzeitig zu verändern.
Selenskyj reist zu Trump nach Washington und spricht offen von einem „ehrenvollen Frieden“. Wie stehen die Chancen für gehaltvolle Gespräche?
Selenskyj wird versuchen, Trump gänzlich auf seine Seite zu ziehen. Trump dürfte dafür offen sein, weil es seiner Sicht im Iran gerade nicht läuft und sich die Ukraine anbietet, um noch vor den US-Zwischenwahlen im November einen Erfolg an die Wähler zu verkaufen. Selenskyj möchte, dass die USA ihren Druck auf Russland aufrechterhalten. Bislang gelingt das durch die Übergabe von US-Aufklärungsdaten an die Ukraine, aber auch durch die Unterstützung von großen US-Tech-Unternehmen – vor allem im Bereich Künstlicher Intelligenz. Die Attacken auf russische Logistikzentren, Erdöl- und Gasraffinerien zeigen, dass die Ukraine versucht, all in zu gehen.
Was versteht Selenskyj unter einem „ehrenvollen Frieden“?
Ehrenvoll bedeutet aus Sicht der Ukraine, dass man nicht den Donbass hergibt, sondern dass die Front entlang der aktuellen Linie eingefroren wird. Zudem braucht die Ukraine glaubwürdige Sicherheitsgarantien verbündeter Staaten für den Fall, dass Russland erneut angreifen sollte.
Wie kann Trump davon überzeugt werden?
Bemerkenswert sind Selenskyjs Aussagen vom Wochenende, als er öffentlich gemacht hat, was seine Nachrichten- und Geheimdienste beobachten: Russland überwacht demnach mit Satelliten vor allem US-Militärstützpunkte in der Golfregion und gibt die gewonnenen Bilder an den Iran weiter. Auf dieser Grundlage seien die Iraner in der Lage, ihre Angriffe auf US-Basen zu planen und den Schaden im Nachhinein zu bewerten. Diese Attacken waren in den vergangenen Wochen mehrfach erfolgreich. Politisch zielt Selenskyj damit auf einen wunden Punkt in Washington: Er rückt Russland – und im Hintergrund auch China – als Verbündete des Iran ins Zentrum und trifft damit genau das, was Trump nicht akzeptieren will.
Trump wird sich aber bereits im Klaren darüber gewesen sein, dass Russland und der Iran Verbündete sind, oder nicht?
Ja. Vor dem Krieg gegen den Iran wusste man aber nicht, wie umfangreich die gegenseitige Hilfe ist, beziehungsweise vor allem wie weitreichend die Folgen dieser Zusammenarbeit sind. Die böse Überraschung kam nach den ersten Angriffen der USA und Israels auf den Iran, woraufhin Teheran auf eine überraschend effektive Art und Weise zurückschlug, etwa mit präzisen Drohnen-Treffern auf amerikanische Militärbasen.
Welchen Nutzen zieht Russland daraus?
Der Krieg gegen den Iran hat sowohl den Russen als auch den Chinesen eine ganze Reihe von Möglichkeiten eröffnet. Erstens können sie sehr genau beobachten, wie die US-Streitkräfte diesen Krieg führen – wo sie vorbereitet sind und wo nicht. Zweitens können vor allem die Russen gewissermaßen spiegeln, was die Amerikaner seit Beginn des Kriegs in der Ukraine tun. Denn die USA unterstützen Kiew mit Aufklärungs- und geheimdienstlichen Echtzeitdaten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Russland im Falle eines Konflikts der USA mit einem anderen Staat dasselbe macht – das sehen wir jetzt am Beispiel Iran.
Welche Folgen hat das langfristig?
Wenn beide Seiten über dieses Maß an Aufklärung und Zielzuweisung verfügen, wird es deutlich schwerer, einen entscheidenden Sieg zu erringen. Deswegen sehen wir immer wieder überraschende Ergebnisse – sei es der Erfolg iranischer Attacken auf US-Basen im Nahen Osten oder die Schlagkraft ukrainischer weitreichender Angriffe im russischen Hinterland.
Wenn wir an die Front in der Ukraine zurückkehren: Russland meldet Geländegewinne im Donbass und will den Verteidigungsgürtel um die Städte Slowjansk und Kramatorsk aufbrechen. Erkennen sie echte Fortschritte der Russen?
Russland versucht im Nord-, Mittel-, und Südabschnitt der Front voranzukommen. Jüngst haben wir im Süden bei Dobropillja einen überraschenden Versuch gesehen, mit mechanisierten Verbänden vorzustoßen. Dieser ist allerdings am ukrainischen Drohnenwall gescheitert. Im Zentrum der Front geht es um einen zusammenhängenden Festungsgürtel, der im Süden bei Kostjantyniwka beginnt und sich weiter nach Norden bis nach Slawjansk zieht. Diesen Verteidigungsgürtel versuchen die Russen von zwei Seiten in die Zange zu nehmen: von Kostjantyniwka aus und aus dem Raum Lyman, mit einem Vorstoß von Norden nach Süden.
Wie erfolgreich sind sie dabei?
Die Russen rücken vor, aber langsam. Immer wieder gelingt es der Ukraine, kleinere russische Stoß- und Sturmtrupps, die infiltrieren sollen, rechtzeitig aufzuklären und zurückzuwerfen. In dieser Pattsituation an der Front versuchen beide Seiten zu eskalieren – mit massiven Luft- und Raketenangriffen.
Wenn Russland mit ballistischen Raketen eskaliert – wie greift dann die Ukraine an?
Die Ukraine setzt dabei verstärkt auf Drohnen. Auf operativer Ebene sind dies weitreichende, teils mit künstlicher Intelligenz gesteuerte Drohnen vom Typ ‚Hornet‘ welche die russische Versorgungs- und Logistikrouten in Richtung Krim zu unterbrechen. Das hat anfangs gut funktioniert. Inzwischen haben sich die Russen angepasst, sind aber noch weit davon entfernt, stabile, kriegsentscheidende Logistiktrukturen aufzubauen. Sie reagieren vor allem darauf, die massiven ukrainischen Drohnenangriffe mit eigenen Drohnenabwehreinheiten abzuwehren. Auf der strategischen Ebene greift die Ukraine mit weitreichenden Drohnen an – auf Basis eines Lagebildes, welches das US-Unternehmen Palantir mit seinem System Maven liefert.
Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl
