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Erfolgreichste Jagdfliegerin: Die „Weiße Lilie von Stalingrad“ verschwand 1943 spurlos

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 1, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Erfolgreichste JagdfliegerinDie „Weiße Lilie von Stalingrad“ verschwand 1943 spurlos

01.08.2026, 15:23 Uhr

Von Gernot Kramper
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1990 erhielt Lidija Litwjak postum den höchsten Titel der Sowjetunion. (Foto: Tass/ Jewgeni Ananjewitsch Chaldej)

Lidija Litwjak trotzt dem Drill: Sie blondiert ihr Haar und näht sich einen Pelzkragen an die Uniform. Am 1. August 1943 kehrt die sowjetische Jagdfliegerin nicht von einem Einsatz zurück. Gerüchte über eine angebliche Desertion machen die Runde. Eine Freundin sucht 36 Jahre lang nach der Wahrheit.

In der Zeit zwischen den Weltkriegen elektrisierte die Luftfahrt die Welt. Man staunte über tollkühne Piloten und immer neue Rekorde. Nichts verkörperte den Aufbruch in eine neue Zeit nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung mehr als das Fliegen. Die Begeisterung erfasste auch Frauen. Am bekanntesten ist im Westen wohl Amelia Earhart, die bei dem Versuch der Weltumrundung spurlos verschwand.

Auch in der Sowjetunion begeisterten sich junge Frauen für die Fliegerei. Eine von ihnen war die in Moskau geborene Lidija Litwjak. Keine Frau hat so viele Luftsiege errungen wie sie. Je nach Zählung werden ihr während des Zweiten Weltkrieges 12 bis 13 Einzelabschüsse sowie vier Gruppenabschüsse zugerechnet. Schon im Alter von 15 Jahren unternahm Litwjak den ersten Alleinflug, 1940 wurde sie Fluglehrerin. Obwohl ihr Vater den stalinistischen Säuberungen zum Opfer gefallen war, durfte sie ihre Laufbahn fortsetzen.

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wollten auch Frauen ihren Ländern in der Luft dienen. Die West-Alliierten setzten einige Frauen ein, aber sie durften nur Maschinen überführen. Kampfeinsätze waren tabu. Damit gab sich die sowjetische Flugpionierin Marina Raskowa nicht zufrieden. Die Navigatorin hatte in den 1930ern Langstrecken-Weltrekorde aufgestellt. Es gelang Raskowa, Fürsprecher in der sowjetischen Führung zu gewinnen. Schon am 8. Oktober 1941 ordnete Stalin an, drei Fraueneinheiten aufzustellen.

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Litwjak ist die erfolgreichste Jagdfliegerin der Geschichte. (Foto: IMAGO/SNA)

Sofort meldete Litwjak sich freiwillig. Doch sie war eine extravagante junge Frau – und das stieß dem Militär sauer auf. Laut den Erinnerungen ihrer Kameradinnen schlich sie sich heimlich aus dem Schlafsaal, um mit männlichen Soldaten tanzen zu gehen. Sie widersetzte sich dem Drill und wollte ihre langen Haare behalten. Als die Locken fallen mussten, blondierte sie ihre Frisur. Die Uniform verschönerte sie mit einem Pelzkragen, gemacht aus dem Kaninchenfell ihrer Stiefel. Das war kein Einzelfall. Die Stalinzeit förderte in gewisser Weise die Emanzipation. Darum wurden Mädchen umworben, in die Flug-Klubs einzutreten. Dazu lockerten sich die Sitten.

Dem Militär missfiel das. Am Ende überwog jedoch Litwjaks Talent. Selbst dass sie ihre Flugerfahrung in den Bewerbungsunterlagen deutlich übertrieben hatte, verzieh man ihr, denn sie war die beste Pilotin in ihrer Gruppe. Ihre ersten Einsätze in der Steppe flog Litwjak noch in einer reinen Fraueneinheit. Dann wurden die vier besten Frauen zum 437. Jagdfliegerregiment an der Front versetzt. Nun sollte sie Stalingrad verteidigen.

Litwjak wurde mit der Jakowlew Jak-1 berühmt. Das Flugzeug ist eines der besten sowjetischen Jäger der ersten Kriegsjahre, wobei die Bewaffnung nach westlichen Maßstäben als zu leicht galt. Sie wurde von Beginn an mit einer Maschinenkanone im Kaliber 20 Millimeter und zwei MGs im Kaliber 7,62 Millimeter gebaut. Im Luftkampf konnte sie sich mit der deutschen Messerschmitt Bf 109 messen. Wie viele frühe Jagdflugzeuge geriet auch die Jak-1 nach Treffern in die Treibstofftanks schnell in Brand.

Schon Litwjaks zweiter Fronteinsatz war ein Erfolg. Ihre Staffel traf auf eine Gruppe deutscher Bomber vom Typ Ju 88 und Messerschmitts des Jagdgeschwaders 53. Die 21-Jährige fiel durch ihre Kühnheit auf, sie stürzte sich auf die Bomber, die planlos ihre Fracht abwarfen, um zu entkommen. Sowjetischen Angaben zufolge schoss sie zusammen mit drei Kameraden einen Bomber ab.

Trotz weiterer Erfolge war sie als Frau im Regiment nicht gut gelitten. Die Anwesenheit von Frauen war ungewohnt. Männer weigerten sich, mit einer Maschine zu starten, die von einer Frau gewartet wurde, und murrten, wenn eine Pilotin ihrer Gruppe zugeteilt wurde. Dazu begann eine stürmische Romanze zwischen Litwjak und ihrem Staffelführer, Alexei Solomatin.

Im Olymp der stalinistischen Propaganda

Ihr offiziell größter Kampf katapultierte die junge Pilotin in den Olymp der stalinistischen Propaganda. Laut sowjetischen Angaben schoss sie am 22. März 1943 einen deutschen Bomber ab und wurde dann von sechs eskortierenden Bf 109 angegriffen, von denen sie einen abschoss. 15 Minuten kurvte und kämpfte sie mit den deutschen Maschinen, bis sie sich lösen konnte. Litwjak erlitt schwere Verletzungen in diesem Luftkampf. Dennoch brachte sie ihre Maschine nach unten.

So wie ihn die Propaganda erzählte, klang der Kampf noch dramatischer: Ein Mädchen, das Kleider aus den Fallschirmen der abgeschossenen Piloten nähte, attackierte sechs deutsche Maschinen – darüber berichteten selbst amerikanische Zeitungen. Wieso Litwjak die „Weiße Lilie von Stalingrad“ genannt wurde, ist nicht ganz klar. Vermutlich wegen ihres Spitznamens Lilja, der übersetzt Lilie heißt. Nun wurde sie auch an der Front geachtet und befördert. Kurz darauf stürzte ihr Geliebter bei der Ausbildung eines neuen Fliegers ab und starb.

Abgestürzte Maschine wird nicht gefunden

Litwjaks ohnehin kühner Stil wurde immer aggressiver. Immer wieder wurde sie verwundet, einmal musste sie aus der brennenden Maschine aussteigen. Vermutlich hatte sie keine Wahl. Im Jahr 1943 war die Luftwaffe noch nicht besiegt. Im Westen nicht und schon gar nicht im Osten. Am 1. August 1943 wurde Litwjak während eines Begleiteinsatzes von deutschen Jagdflugzeugen überrascht. Dann verschwand sie vom Himmel und von der Welt. Ihre Kameraden konnten die abgestürzte Maschine nicht finden, daher galt Litwjak als vermisst.

Inna Pasportnikowa hat sie nie vergessen. Sie wusste, dass bösartige Gerüchte, ihre Freundin sei desertiert, nicht wahr sein konnten. Solche Zweifel verhinderten, dass Litwjak den höchsten Titel der Sowjetunion bekam. Diese Ungerechtigkeit ließ Pasportnikowa keine Ruhe, ihr ganzes Leben lang suchte sie ihre Kommandantin. Sie ging jeder Spur nach und entdeckte nach eigenen Angaben 90 unbekannte Absturzstellen und grub dabei viele Piloten aus. Nur von Litwjak gab es keine Spur.

1979 ließ Pasportnikowa schließlich die sterblichen Überreste einer Frau exhumieren. Sie war überzeugt, ihre Freundin gefunden zu haben – 36 Jahre nach deren Verschwinden. Doch die Behörden hatten immer noch keine Eile. Erst 1988 wurde Litwjak von „vermisst“ zu „im Einsatz getötet“ umgestuft. Zwei Jahre später verlieh Michail Gorbatschow ihr postum den Titel „Heldin der Sowjetunion“. Fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Verschwinden hatte Pasportnikowa ihr Ziel erreicht.

Dieser Text erschien in einer längeren Version zuerst bei stern.de.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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