Reportage
In Ceuta normalisiert sich die Lage nach dem Massenandrang, ganz anders sieht es im Nachbarort Fnideq aus. Die Menschen kehren erschöpft dorthin zurück, wo alles begann. Eindrücke aus einer Stadt im Ausnahmezustand.
Die Sirenen der Krankenwagen, die Pfiffe der Polizisten, das Geschrei der vielen jungen Männer, dazu der Geruch von Notdurft und verbrannten Autos – all das überlagert die Eindrücke an diesem Tag in Fnideq, dem Nachbarort von Ceuta an der Küste Nordafrikas.
Fnideq ist sonst ein beschaulicher Badeort mit Blick auf Ceuta, die spanische Stadt, die vergangene Woche das Ziel Zehntausender Migranten war. Heute ist Fnideq ein Ort im Ausnahmezustand: mit Absperrgittern an den Stränden und bewaffneten Kräften der Sûreté Nationale an jeder Ecke und auf jeder Klippe.
Der Traum vom Leben in Europa
Ein Polizist bedeutet dem 25-jährigen Hamza, vom Strand zu verschwinden. Aber die Stadt verlassen will der junge Mann aus Tanger auf keinen Fall. Fnideq, das bleibe für ihn das Sprungbrett in ein besseres Leben. Noch am Samstag habe er erneut versucht, von hier aus nach Ceuta herüberzuschwimmen. „Ich habe es nochmal versucht, aber bei der Ankunft haben mich die spanischen Soldaten geschlagen und die marokkanischen Polizisten auch“, sagt Hamza.
Er sei gezwungen worden zurückzuschwimmen. Die löchrige Hose des 25-Jährigen ist am Mittag immer noch nass. Sein Handy habe er im Meer verloren. Knie und Ellbogen sind verschrammt, aber er werde immer wieder versuchen, nach Ceuta zu schwimmen, trotz Wassersperren, Zäunen und Kontrollen.
Sein Verdienst in der Textindustrie sei lächerlich, ein Leben Europa sei nun einmal sein Traum: „Aber es wird immer schwieriger sowohl für die, die es schon bis Ceuta geschafft haben als auch hier“, sagt Hamza. „Die Polizei will, dass wir Fnideq verlassen, sie wollen die Stadt leeren, damit wir gar nicht erst nach Ceuta aufbrechen.“
„Wir wurden wie die Straßenkatzen behandelt“
Man habe sie gejagt, sie mit Schwertern bedroht, niemand habe ihnen Essen verkauft, sie hätten Hunger, erzählen einige der jungen Männer, die zu Hunderten, wenn nicht Tausenden die Klippen hinter dem mit NATO-Draht gespickten Zaun hochklettern. Sie alle kommen zurück aus Ceuta – dorthin, wo noch die Kleider am Strand von denen zeugen, die versucht haben hinüberzuschwimmen. Viele Menschen kamen dabei ums Leben, es könnten viele mehr werden, wenn das Meer sie wieder freigibt.
Marrokaner steigen nach dem gescheiterten Versuch, in die EU zu gelangen in der Stadt Findeq in Busse, die sie in ihre Heimat zurückbringen sollen.
Die junge Hajine aus Fès ist froh noch am Leben zu sein: Nie wieder werde sie so etwas versuchen, sagt sie, sie habe auf der Straße schlafen müssen. Die 21-Jährige Studentin ist mit ihrem Moped von Fès aus nach Fnideq gefahren und dann losgeschwommen.
In Ceuta traf sie Onkel und Schwester, die zu Fuß in der Menschenmenge über die Grenze kamen – sie alle hatten das Social-Media-Märchen geglaubt, dass die Stadt allen offenstünde. Hajine weint, während sie spricht – wie viele an diesem Tag wirkt sie traumatisiert, wie Menschen, die eine Naturkatastrophe überstanden haben. „Ich bin zurückgekommen, weil wir wie die Straßenkatzen behandelt wurden, es gab nichts zu essen und alle Läden waren dicht.“
Nun bevölkern zumeist junge Männer in großen Gruppen die wenigen schattigen Plätze in Fnideq, erschöpft, oft auch verzweifelt. Auch hier haben sie Probleme sich zu versorgen, selbst, wenn sie etwas Geld haben. Viele Cafés und Restaurants sind verrammelt – wie es heißt, aus Sorge vor Plünderungen durch die hungrige Menge. Andere Lokale betreiben eine strikte Einlasskontrolle, weisen die jungen Männer ab. Ohnehin können sie diesen kaum mehr als einen Espresso servieren, weil das Personal ebenfalls nach Ceuta aufgebrochen und noch nicht wieder zum Dienst erschienen ist.
Welche Rolle spielten Marokkos Behörden?
Die spanische Migrationsforscherin Beatriz Masa verfolgt seit vielen Jahren die Lage vor Ort, sie schildert Szenen, die Fnideq so noch nie erlebt habe: „Alle haben sofort alles stehen und liegen lassen als sie hörten Ceuta stünde ihnen offen. Die Leute im Hotel, Kellner, Köche, Bäcker, Lastwagen- und Taxifahrer – einfach alle sind losgezogen.“
Die meisten haben es nicht weit nach Hause. Alle anderen sollen nun mit Bussen zurück in ihre Heimatorte gebracht werden – wenn sie wollen – wahrscheinlich im Auftrag des Innenministeriums. Weder dieses Ministerium noch irgendein anderer amtierender Minister Marokkos hat bislang zu dem tödlichen Run auf Ceuta Stellung bezogen.
Dieser Run, sagen Beatriz Masa und andere Experten übereinstimmend, sei nur möglich gewesen, weil Marokkos Behörden ihn ermöglicht hätten als Folge einer politischen Krise zwischen Spanien und Marokko. Zankapfel sei wie immer die völkerrechtlich umstrittene Westsahara. „Diese Krise ist eine Neuauflage und schlimmer als die im Jahr 2021, und deswegen war auch die Mobilisierung größer, wir sprechen von mehr als 50.000 Menschen“, sagt Masa.
Humanitäre Folgen sind kaum bewältigt
Viele der Sommertouristen haben ihre Reise nach Fnideq inzwischen storniert, andere erkennen ihren Urlaubsort nicht wieder und wollen sich lieber nicht im Freien aufhalten. Die Folgen spürten die Geschäftsleute bereits, sagt mehr als ein Händler auf dem zentralen Markt, nicht weit entfernt vom Strand.
Die wirtschaftlichen und humanitären Folgen der Krise sind also noch kaum bewältigt. Die politischen Reaktionen sind ebenfalls noch unklar: In dieser Woche gibt es eine Sondersitzung der Innenminister der Europäischen Union, vielleicht auch, um sich zu einer gemeinsamen Haltung gegenüber dem Migrationspartner Marokko durchzuringen. Damit Ceuta und Fnideq in Zukunft solche Szenen wie in diesem Sommer erspart bleiben.

