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Startseite»Politik»Wachsender Protest gegen Rechenzentren in den USA
Politik

Wachsender Protest gegen Rechenzentren in den USA

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 3, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 03.08.2026 • 07:12 Uhr

In den USA wächst der Widerstand gegen Rechenzentren – weil sie Lärm machen, viel Kühlwasser verbrauchen und oft die Luft verpesten. Häufig stehen die Anlagen in Wohngebieten, was die Anwohner nervt – über Parteigrenzen hinweg.

Carsten Kühntopp

Es ist ein Geräusch, das Hari Doue als „heulend“, als „hoch“ beschreibt. Es erinnert sie an ein Flugzeug – oder an eine Maschine, die pausenlos läuft. Das Geräusch kommt vom neuen Nachbarn der Familie, einem Rechenzentrum, das nur etwa 150 Meter entfernt steht. Vor rund einem Jahr nahm es seinen Betrieb auf.

Doch der örtliche Energieanbieter kann nicht genug Strom liefern für alle Rechenzentren, die in jüngster Zeit hier in Northern Virginia wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Deshalb läuft diese Anlage seitdem im Notbetrieb, ununterbrochen: Den Strom liefern die eigenen Gasturbinen. Und wenn es besonders heiß ist, springen zusätzlich Dieselgeneratoren an. Beides macht Lärm und schlechte Luft.

Ethan und Lucas, Hari Doues neunjährige Zwillinge, gehen jetzt nur noch selten zum Spielen raus. Der Lärm nervt sie. Und sie schlafen deswegen auch schlecht. Dabei ist ihr Viertel in Sterling, im Speckgürtel von Washington gelegen, eigentlich eine ruhige Wohngegend.

Blick auf ein Datenzentrum in Lowell im Bundesstaat Massachusetts – in direkter Nachbarschaft zu einem Wohngebiet.

Steigender Bedarf an Rechenleistung

Die Urlaubsfotos in der Cloud, das Surfen im Netz, das Online-Shopping: All das sorgt für einen stetig steigenden Bedarf an Rechenleistung. Dazu kommt Künstliche Intelligenz. Präsident Donald Trump will den KI-Wettlauf gegen China gewinnen. Er sperrt sich gegen strenge Regeln für die Technologie. Und wie Rechenzentren reguliert werden, ist ohnehin die Angelegenheit der Gemeinden und Bundesstaaten.

Überall im Land sind Rechenzentren geplant oder im Bau. Rund um Washington stehen so viele dieser Anlagen wie sonst nirgends in den USA, allein in Northern Virginia gibt es mittlerweile fast 600. Gleichzeitig rührt sich der Widerstand. Im Bundesstaat New York ist er so groß, dass sich die demokratische Gouverneurin Kathy Hochul Mitte Juli gezwungen sah, einen einjährigen Baustopp für Anlagen mit einem Verbrauch von mehr als 49 Megawatt anzuordnen.

Protest bringt unterschiedliche Lager zusammen

Gegen die Rechenzentren gehen längst nicht mehr nur Menschen aus dem linken politischen Spektrum auf die Straße. Meinungsumfragen zeigen: Auch unter Anhängern der Republikaner ist eine Mehrheit gegen den Bau dieser Anlagen in Wohngebieten.

Bei einem landesweiten Protesttag an einem Samstag fanden sich kürzlich in Frederick, einer Kleinstadt ebenfalls vor den Toren von Washington (US-Bundesstaat Maryland), etwa zwei Dutzend Menschen zu einer Demonstration ein. Viele der Teilnehmer wirkten eher bürgerlich und sahen nicht so aus, als würden sie regelmäßig mit Plakat und Megafon demonstrieren.

Mitorganisatorin Elyse Wilson glaubt, dass dieses Thema parteiübergreifend alle auf die Palme bringe. Charles Zitrick, ein Lehrer, pflichtet ihr bei. Zitrick wohnt in einer kleinen Gemeinde mit nur 35 Häusern. Dort gebe es eingefleischte Linke und Konservative, die ihre Trump-Fahnen raushängen. In Sachen Rechenzentren seien alle einer Meinung: „Das hat uns miteinander ins Gespräch gebracht, seit Jahren zum ersten Mal.“

Aus Sicht von Paula D’Amico Hollewa geht es um das Recht aller Menschen, gut leben zu können, ohne eine gesundheitliche Beeinträchtigung durch Rechenzentren. Diese dürften nicht in Wohngegenden hingestellt werden, sondern besser entlang von Highways. Hollewa beschreibt sich als Anhängerin der Republikaner.

Auch in Kalifornien erzürnt der Bau neuer Rechenzentren die Menschen.

Konservative Gruppe mobilisiert

Zu diesem landesweiten Protesttag aufgerufen hatte „Humans First“, eine noch recht junge Organisation, die Amy Kremer führt. Kremer ist eine rechtsgerichtete Graswurzel-Aktivistin und seit vielen Jahren treue Anhängerin von Präsident Trump. Am 6. Januar 2021 redete auch sie auf der Kundgebung in Washington, auf der Trump seine Lüge vom großen Wahlbetrug verbreitete, bevor sich Tausende dann in Gang setzten, um das Kapitol zu stürmen. Da war Kremer jedoch nicht mehr dabei.

Mit „Humans First“ will Kremer vor allem konservativ eingestellte Menschen gegen die Rechenzentren mobilisieren, obwohl, wie sie sagt, auch sonst jeder eingeladen sei, mitzumachen. In ihren Widerstand gegen Rechenzentren mischen sich tiefe Skepsis und großes Unbehagen. Der Aufstieg von Künstlicher Intelligenz geht ihr viel zu schnell, schließlich ließen sich die Risiken schwer absehen.

Und auf die Tech-Konzerne ist sie ohnehin nicht gut zu sprechen. Denn die seien es einst gewesen, die nicht nur Trump, sondern auch Aktivisten wie sie von sozialen Online-Plattformen verbannt hätten: „Für diese Unternehmen gelten keine Vorschriften. Selbst der Straßenverkauf von Hot Dogs in New York ist strenger geregelt.“ Das müsse sich ändern.

Die Bosse der amerikanischen Tech-Riesen nennt Kremer „Oligarchen“, die nicht im Interesse der Amerikaner handelten, sondern nur Macht und Kontrolle wollten.

Unmut über Rechenzentren erreicht die Politik

Die Protestwelle gegen die Rechenzentren, die durch die USA schwappt, erinnert Kritiker an das NIMBY-Phänomen: Not in my backyard, will sagen: Selbst diejenigen, die viel im Internet unterwegs sind, sind strikt dagegen, dass Rechenzentren errichtet werden, die die nötige Rechenleistung dafür erbringen.

Doch immer mehr Politiker im Land nehmen die Sorgen der Menschen ernst: Die Anlagen verbrauchen viel Wasser und Strom, machen häufig Lärm und verpesten die Luft. Und sie können für eine enorme Steigerung der Energiepreise für Privatverbraucher sorgen. Bei den Vorwahlen in diesem Jahr hat das manchen Befürwortern der Ansiedlung von Rechenzentren bereits die Aufstellung für die Wiederwahl gekostet.

Trump will Tech-Unternehmen viel Freiraum lassen

Präsident Trump will den amerikanischen Tech-Unternehmen so viel Freiraum wie möglich geben, um den Vorsprung der USA bei der Künstlichen Intelligenz zu sichern. Aber auch er scheint zu spüren, dass sich der Wind in der Wählerschaft gedreht hat.

Seine Antworten auf die Sorgen der Menschen überzeugen kaum. So spricht Trump mittlerweile davon, dass die Rechenzentren künftig bevorzugt selbst die Energie produzieren sollten, die sie verbrauchen. So ließe sich auch eine Überlastung des überalterten Stromnetzes verhindern.

Doch Hari Doue und ihre Familie in Sterling erfahren es jeden Tag am eigenen Leib, wozu das führen würde: Noch mehr Rechenzentren würden einfach auf Notstrom umschalten, die eigenen Gasturbinen anwerfen – und die Nachbarschaft mit Lärm und Abgasen belasten.

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Dr. Heinrich Krämer
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