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Startseite»Politik»True Crime: Verzerrt die Lust am Verbrechen die Realität?
Politik

True Crime: Verzerrt die Lust am Verbrechen die Realität?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 10, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 10.08.2026 • 17:07 Uhr

True Crime, etwa in Podcasts, fasziniert viele Menschen und gibt ihnen das Gefühl, Gefahren besser einschätzen zu können. Doch bizarre Kriminalfälle können die Wahrnehmung von Risiken auch verzerren.

Nach einem Club-Besuch wird eine junge Frau mutmaßlich vergewaltigt, mitten in der Nacht auf dem Heimweg. Die Leiche wird in einem nahegelegenen Bach aufgefunden, im beschaulichen Aschau. Ein brutales Verbrechen, das sich im Oktober 2022 im 5.000-Seelendorf im oberbayerischen Landkreis Rosenheim ereignet.

Es ist einer jener Fälle, die gleich mehrfach in True-Crime-Formaten nacherzählt werden. Dazu gehören die Podcasts „True Crime 187“ von Teubig.Media, „Verbrechen von Nebenan“ von RTL+ oder „Im Visier“ von rbb, die zahlreiche Fans begeistern.

Ort eines zuletzt in mehreren True-Crime-Podcasts erzählten Verbrechens: Der Musikclub „Eiskeller“ im oberbayerischen Aschau.

Die ARD/ZDF Podcaststudie 2024 führt unter den Befragten die Genres Comedy/Satire und True Crime als beliebteste Podcasts auf. Spätestens mit der Verfilmung der Geschichte rund um den US-amerikanischen Serienmörder Jeffrey Dahmer bei Netflix ist die Begeisterung für True Crime auch in der Filmbranche angekommen.

Das Bedürfnis, Risiken einzuschätzen

Doch was fasziniert an den grausamen Taten? Die Universität Graz hat 2025 ein Forschungsprojekt zu den Motiven für True-Crime-Konsum durchgeführt und dafür 600 Personen befragt. Ein zentrales Motiv ist die menschliche Neugier nach gefährlichen oder bedrohlichen Situationen, die andere Menschen erlebt haben.

In der Studie ist dabei von „Morbid Curiosity“ die Rede, übersetzt also in etwa „morbide“ oder „krankhafte Neugier“. Wir interessieren uns demnach besonders für unangenehme Geschichten. Eine mögliche Erklärung: Das Gehirn versucht zu verstehen, in welche Situationen Gefahr droht. Laut Studie der Uni Graz wollen 75 Prozent der Befragten die Psychologie hinter den Taten verstehen.

Das Forscherteam schlussfolgert, dass es um das Bedürfnis geht, Unsicherheiten aufzulösen. Wer einen True-Crime-Podcast hört, verfolgt zum Beispiel Schritt für Schritt, wie ein Täter oder eine Täterin das Verbrechen plant und ausführt. Hörende versuchen, diese Verbrechen zu verstehen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

True-Crime-Verbrechen selten repräsentativ

Kriminalgeschichten vermitteln das Gefühl, die Bedrohung zu kennen und damit im Alltag besser darauf vorbereitet zu sein. Man fühlt sich vor solchen Taten besser geschützt.

Im Fall Kusel – Die letzte Jagd

Autor Lukas Baumann ist selbst True-Crime-Journalist und Host des ARD Podcasts „Im Fall Kusel – Die letzte Jagd„. Zusammen mit seiner Co-Host Nadine Thielen beleuchtet er Tathergang und gesellschaftlichen Zusammenhang des Polizistenmordes von Kusel aus dem Jahr 2022, bei dem zwei Polizisten von einem Wilderer brutal ermordet wurden.

True-Crime-Formate erzählen dabei selten von Kavaliersdelikten, zum Beispiel von einem Wohnungseinbruch ohne körperlichen Angriff oder von einem Diebstahl im Supermarkt von nebenan. Als Vorlage für die Formate dienen eher Fälle, die empörend wirken, besonders schrecklich oder sogar kaum vorstellbar sind.

Diese Taten kommen in Deutschland aber eher selten vor, meint Prof. Gina Rosa Wollinger von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen. Der Konsum von True-Crime-Podcasts berge die Gefahr, dass wir uns ein verzerrtes Bild von der Realität machen.

Die Kriminologin und Soziologin Gina Rosa Wollinger von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW.

Gefahr scheint größer, als sie ist

Dabei legt der Name „True Crime“ („wahre Verbrechen“) nahe, dass es sich bei den erzählten Geschichten um Reales handelt. Das Genre suggeriert, dass es viele grausame Fälle gibt. Doch in der Kriminalitätsstatistik sind solche Fälle eher selten.

Die meisten Fälle von Mord und Totschlag ereignen sich nicht nachts im Stadtpark, sondern in den eigenen vier Wänden, meint Kriminologin Wollinger. Selten sei der Täter ein Fremder, viel öfter der eigene Partner. Aber auch Verbrechen dieser Art kämen im Vergleich zu anderen Straftaten eher selten vor.

Unter die sogenannte Massenkriminalität fallen in Deutschland vor allem Eigentumsdelikte und andere Formen von Gewaltkriminalität. Für Konsumenten besteht daher das Risiko, dass sie durch True-Crime-Podcasts die Gefahr deutlich größer wahrnehmen, als sie wirklich ist.

True Crime besonders bei Frauen beliebt

Studien deuten darauf hin, dass vor allem Frauen fasziniert von True Crime sind, sagt Wollinger. Das liege vor allem daran, dass sich Frauen im Allgemeinen mehr für psychologische Themen interessieren und sie die Motive von Kriminellen verstehen wollen.

An diese Erkenntnis knüpft auch die Studie der Uni Graz an: Demnach konsumieren Frauen im Durchschnitt sieben Stunden in der Woche True-Crime-Formate; Männer lediglich vier.

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