Wirtschaftlich ist „Die Odyssee“ ein voller Erfolg. Doch mit seinem Film hat Christopher Nolan auch Diskussionen über internationale Politik ausgelöst – und wird selbst für einen kontroversen Drehort kritisiert.
Dieser Film hallt nach, vor allem im Ohr. Weltweit haben Gitarristen und Bassisten eine neue Lieblingsbeschäftigung, dank Ludwig Göransson, dem Filmkomponisten von „Die Odyssee“. Auf Instagram kursieren zahlreiche Videos, wie Menschen ihre Instrumente so besaiten wie Odysseus seinen Jagdbogen.
Und eine weitere Klangsequenz aus „Die Odyssee“ trendet: Sie ertönt, bevor Odysseus einen Probeschuss abgibt, um seine Feinde zu warnen und für faire Kampfbedingungen zu sorgen. Zahlreiche Musiker spielen sie auf Digitalplattformen nach. Zu den Klängen von Odysseus Bogen werden auch Mülltüten über Mülleimer gespannt. Und Bettlaken über Betten.
Mit „Die Odyssee“ hat der britisch-amerikanische Regisseur Christopher Nolan seinen bisher größten Filmerfolg gelandet.
Zwar gibt es Memes immer, wenn etwas erfolgreich ist. Doch mit eingespielten 1,1 Milliarden US-Dollar, wie das Branchenblatt Deadline berichtet, hat die Homer-Adaption schon nach einem Monat Nolans bisher erfolgreichsten Film, „The Dark Knight Rises“, überholt. Erfolgreicher war 2026 bislang nur „Spiderman: Brand New Day“.
Odysseus als Kriegsverbrecher
Grund dafür könnte sein, dass sich der Regisseur bewusst von der klassischen Geschichte Homers löst. Der neue Odysseus ist kein gewitzter Held, sondern ein Kriegsverbrecher, der mit seinen Taten in Troja hadert. Ein Krieg, der nur vordergründig dazu gedient habe, die schöne Helena zurückzuholen. Eigentlich wollte der griechische König Agamemnon die Trojaner für die Blockade von Handelsrouten bestrafen. So behauptet es Odysseus im Film.
Ein Modell für das trojanische Pferd aus „Die Odyssee“ war zur Bewerbung des Films bereits auf dem Londoner Trafalgar Square zu sehen.
Das trojanische Pferd: ein Tabubruch
Das Center for Security Studies der ETH Zürich kommt in einer aktuellen Analyse zu dem Ergebnis, man lerne in „Die Odyssee“ ganz neu über internationale Politik nachzudenken. Dabei bezieht sich Autorin Sabina Stein auf das „Gesetz des Zeus“: Fremde soll man demnach gastfreundlich behandeln, weil sie Götter sein könnten. Diese für die Griechen so wichtige Zivilisationsregel bricht Odysseus mit dem trojanischen Pferd. Ein Gastgeschenk wird zur Kriegslist, zum Instrument für einen Massenmord.
Und ausgerechnet ein Mann hat diese Kriegslist eingefädelt, der vor dem Kampf sonst Warnschüsse abgibt, um für faire Bedingungen zu sorgen. Sabina Stein von der ETH Zürich ist überzeugt: Die Architekten der heutigen Welt sollten sich dieses Beispiel zur Warnung nehmen.
Kritik an Trump, China und Russland?
Der Film sei eine Allegorie auf die westliche, regelbasierte Ordnung, schreibt ähnlich der britische Abgeordnete der Labour Partei, Peter Swallow, im Guardian. Seine These: Das „Gesetz des Zeus“ werde auch heute wieder gebrochen. „Das betrifft die Souveränität von Staaten mit Blick auf Russland“, schreibt Swallow, „das internationale maritime Recht, das China untergräbt, und Donald Trumps Verachtung für die globale, multilaterale Zusammenarbeit“.
Auch der Regisseur selbst hat in zahlreichen Interviews betont, für wie aktuell er das „Gesetz des Zeus“ hält. Es sei das „Rückgrat der Zivilisation“, gerade mit Blick auf Völkerrecht und Menschenrechte, so Nolan gegenüber der BBC.
Regelverstöße führen zu Verrohung
Wer die regelbasierte Ordnung bricht, riskiere den Zusammenbruch der Zivilisation, glaubt auch ETH-Expertin Stein. Wegen der Verbrechen der Griechen in Troja verroht in „Die Odyssee“ auch die eigene Gesellschaft, daheim in Ithaka. Dort brandschatzen und morden egoistische Freier in Odysseus‘ altem Zuhause. Viele Fans sehen in dem Film deshalb eine Kritik an westlichen Doppelstandards.
Elon Musk kritisiert „Die Odyssee“
Doch Kritik richtet sich auch gegen die Botschaft des Films. Tesla-Chef Elon Musk wettert seit Wochen gegen „Die Odyssee“. Zunächst kündigte er an, er werde mithilfe seines KI-Videogenerators „Grok Imagine“ eine „historisch akkurate Version“ des Films produzieren lassen.
Später kommentierte Musk, er wolle dem konservativen Regisseur Mel Gibson 100 Millionen Dollar zur Verfügung stellen, um eine neue „Odyssee“ zu produzieren.
Menschenrechtsverstöße ignoriert?
Ebenfalls in der Kritik: Nolans Produktion. Denn Teile aus „Die Odyssee“ wurden in der von Marokko annektierten Westsahara gedreht. Das kritisiert zum Beispiel der US-Thinktank Carnegie Endowment for International Peace, eine der weltweit bedeutendsten außenpolitischen Denkfabriken.
Das Western Sahara International Filmfestival habe Nolan gebeten, die Dreharbeiten aufgrund der Menschenrechtsverletzungen vor Ort zu stoppen, kritisiert der Thinktank. Also noch eine Abkehr vom „Gesetz des Zeus“? Regisseur Nolan selbst hat sich dazu bislang noch nicht geäußert.
