Jeden Samstag protestieren Ultraorthodoxe vor einem Café in Jerusalem, das auch am Sabbat geöffnet hat. Säkulare Israelis halten dagegen. Der Streit zeigt, wie tief der Konflikt um Religion und die Zukunft des Landes reicht.
Seit Wochen spielt sich samstags vor dem Café Basimta in Jerusalem dasselbe Bild ab: Die Polizei stellt Absperrgitter auf und versucht, zwei Gruppen voneinander zu trennen.
Auf der einen Seite stehen ultraorthodoxe Juden, sogenannte Haredim. Sie protestieren dagegen, dass das Café am Sabbat geöffnet ist. Auf der anderen Seite versammeln sich säkulare Israelis, die demonstrativ kommen, um dort einen Kaffee zu trinken.
Eine von ihnen ist Laura Wharton. Ihr geht es um das Recht säkularer Juden, ihren Alltag auch am jüdischen Ruhetag selbst bestimmen zu können. „Wir wollen sicherstellen, dass diese Freiheit erhalten bleibt“, sagt Wharton.
Es sei völlig legal, samstags auszugehen und einen Kaffee zu trinken. Säkulare Juden machten einen erheblichen Teil der israelischen Gesellschaft aus und müssten ihren Lebensstil frei ausüben können.
Für die Betreiber geht es mittlerweile um mehr als nur den Betrieb des Cafés.
Geht um mehr als den Betrieb eines Cafés
Von den Auseinandersetzungen auf der Straße ist im Café selbst nicht viel zu spüren. Basimta liegt in einem Hinterhof im Jerusalemer Viertel Nachlaot. Betrieben wird es von Menschen, die der Organisation „Juden für Jesus“ verbunden sind. Die Bewegung verbindet eine jüdische Identität mit dem christlichen Glauben an Jesus als Messias.
Adel Ben David, die aus Berlin stammt, führt das Café gemeinsam mit ihrem Mann Yoel Ben David. Die Proteste seien belastend und jedes Wochenende schwer vorhersehbar, sagt sie. Trotzdem wolle sie nicht nachgeben. „Wenn wir jetzt zumachen würden, würden die Haredim wissen, dass sie früher oder später alle Plätze zum Schließen bringen können“, sagt Ben David. Für sie geht es deshalb längst um mehr als den Betrieb eines Cafés.
Auch für Laura Wharton steht der Streit um Basimta stellvertretend für einen größeren gesellschaftlichen Konflikt. Die zentrale Frage sei, wie stark religiöse Gruppen das öffentliche Leben in Israel bestimmen dürfen – und welchen Raum säkulare Lebensweisen behalten.
Das Café sei für viele Jerusalemer inzwischen zu einem Symbol geworden, sagt Wharton. Es gehe nicht nur darum, an einem Samstag Kaffee trinken zu können. „Wir wollen eine Regierung, die sich an liberale, demokratische Grundwerte hält“, sagt sie.
Adel und Yoel Ben David befürchten, dass ein Nachgeben die Demonstranten nur ermutigen würde.
Konflikt gewinnt an Bedeutung
Der Konflikt zwischen religiösen und säkularen Israelis ist nicht neu. Doch er gewinnt an Bedeutung, weil sich die Bevölkerungsstruktur Israels verändert. Ultraorthodoxe Juden machen heute mehr als 14 Prozent der Bevölkerung aus. Wegen ihrer hohen Geburtenrate könnte ihr Anteil bis 2050 auf rund ein Viertel steigen.
Für viele säkulare Israelis ist das nicht nur eine demografische Entwicklung, sondern auch eine politische Frage. Haim Omri ist deshalb an diesem Samstag ebenfalls zum Café Basimta gekommen. Er will zeigen, dass er sich gegen einen wachsenden religiösen Einfluss auf das öffentliche Leben stellt.
Die ultraorthodoxe Gemeinschaft wachse sehr schnell, sagt Omri. Viele säkulare Juden fragten sich deshalb, wie ihr Leben in Zukunft aussehen werde. „Es ist nicht sicher, ob wir in ein oder zwei Generationen noch so leben können wie heute“, sagt er.
Kritik auch aus ultraorthodoxen Kreisen
Rabbi Yitzchak Goldstein leitet eine religiöse Schule in der Altstadt von Jerusalem. Inhaltlich kann er nachvollziehen, dass ultraorthodoxe Juden gegen die Öffnung des Cafés am Sabbat protestieren. Die Art der Proteste kritisiert er jedoch.
Den Konflikt zwischen religiösen und nichtreligiösen Israelis gebe es schon lange, sagt Goldstein. Manche religiöse Gruppen wollten staatliche Regeln stärker an religiösen Gesetzen ausrichten. Dabei dürfe aber niemand glauben, stark genug zu sein, um anderen seine Lebensweise aufzuzwingen. „Ich glaube, auch das ist falsch“, sagt Goldstein.
So ist das kleine Café in einer Jerusalemer Gasse zu einem Schauplatz für eine viel größere Auseinandersetzung geworden. Vordergründig geht es um Öffnungszeiten am Sabbat. Dahinter steht die Frage, die Israel immer stärker beschäftigt: Wie religiös soll der Staat sein – und wer entscheidet darüber?

