Bis zu fünf Tassen Kaffee am Tag gelten für die meisten gesunden Erwachsenen als unbedenklich – möglicherweise sogar als gesund. Was die Forschung zu Herz, Diabetes und Pestizidrückständen zeigt.
Seit mehr als 150 Jahren werden Kaffee und seine Wirkung wissenschaftlich untersucht. Sein Ruf hat dabei mehrfach gewechselt: Mal galt Kaffee als ungesundes Laster, mal als möglicher Schutzfaktor. Jetzt hat die American Heart Association (AHA) den Forschungsstand neu bewertet – insbesondere zur Herzgesundheit.
Kaffee und das Herz-Kreislauf-Risiko
Für die meisten gesunden Erwachsenen ist demnach moderater Kaffeekonsum von bis zu 400 Milligramm Koffein nicht nur unbedenklich, sondern sogar mit einem niedrigeren Herz-Kreislauf-Risiko verbunden.
Das entspricht nach Rechnung der AHA drei bis fünf Tassen schwarzen Brühkaffees à rund 240 Milliliter. Die Tassenzahl ist allerdings nur ein Richtwert: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) rechnet mit etwa 90 Milligramm Koffein für 200 Milliliter Filterkaffee und etwa 80 Milligramm für 60 Milliliter Espresso.
Auch eine Auswertung einer britischen Gesundheitsdatenbank mit knapp 450.000 Menschen im Jahr 2023 kam zu ähnlichen Ergebnissen, ebenso stuft die EFSA bis zu 400 Milligramm Koffein täglich als sichere Größenordnung für gesunde Erwachsene ein.
Kaffeekonsum bei Schwangeren
Für Schwangere rät die EFSA zu einer niedrigeren Grenze von 200 Milligramm pro Tag. Und für Menschen mit Vorerkrankungen gilt: Krankheiten, Medikamente und die individuelle Reaktion auf Koffein können eine ärztliche Einschätzung erforderlich machen.
Körper kann sich an Kaffeekonsum anpassen
Koffein kann zwar kurzfristig Puls und Blutdruck erhöhen und bei dafür anfälligen Menschen Herzklopfen oder Unruhe auslösen. Langfristig zeige sich in Studien jedoch ein anderes Bild, so Omar Hahad vom Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz. Der Körper könne sich an regelmäßigen Konsum anpassen, damit würden auch diese kurzfristigen Effekte milder. Im Mittel habe Kaffee wahrscheinlich sogar Vorteile für Herz und Blutgefäße, fasst er zusammen. Wichtig ist hierbei: Viele Langzeitdaten stammen aus Beobachtungsstudien. Diese können immer nur Zusammenhänge aufzeigen, aber nie eine Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Gregory Marcus, Leiter der Autorengruppe des AHA-Statements, will die Ergebnisse deshalb nicht als „Kaffee auf Rezept“ für ein langes, herzgesundes Leben verstehen: Es gebe keine Empfehlung, die für alle passe, erklärt er. „Wie man Kaffee verstoffwechselt, ist individuell sehr unterschiedlich. Deswegen sollte man auf seinen Körper hören: Wenn man eine Tasse gut verträgt, sollte man sich nicht zwingen, drei zu trinken.“
Vorhofflimmern ist nach den aktuellen US-Leitlinien kein Grund, Kaffee generell zu meiden, weil übliche Koffeinmengen das Risiko im Mittel nicht erhöhen. Allerdings gibt es Daten, nach denen Kaffee Herzstolpern aus den Herzkammern verstärken kann – auch ein Thema im IQ-Podcast des BR. Deswegen gilt hier der Rat: Wer persönlich Herzklopfen oder Rhythmusstörungen nach Kaffee bemerkt, sollte reduzieren und das ärztlich besprechen.
Die Tasse Kaffee am Morgen
Auch der Zeitpunkt könnte für die gesunde Tasse Kaffee eine Rolle spielen: Eine 2025 veröffentlichte Studie mit mehr als 40.000 Erwachsenen aus den USA fand einen Zusammenhang zwischen niedrigerer Gesamt- und Herz-Kreislauf-Sterblichkeit vor allem bei Menschen, die ihren Kaffee morgens tranken.
Was außer Koffein im Kaffee steckt
Aber nicht nur das Koffein im Kaffee macht den morgendlichen Wachmacher so interessant für die Forschung: „Kaffee ist tatsächlich ein sehr komplexes Getränk“, sagt Hahad. Kaffee enthält Hunderte Substanzen, darunter sekundäre Pflanzenstoffe, Aromen, Röststoffe und Kaffeeöle. Koffein sei wahrscheinlich nicht allein für die beobachteten Gesundheitsvorteile verantwortlich, ordnet Hahad ein.
Geringeres Diabetesrisiko
„In sehr vielen Studien hat man beobachtet, dass die Personen, die regelmäßig Kaffee trinken, ein vermindertes Risiko haben, an Typ-2-Diabetes zu erkranken – im Vergleich zu Personen, die Kaffee sehr selten oder gar nicht trinken“, so Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke. Dieser Zusammenhang wurde auch bei entkoffeiniertem Kaffee beobachtet: Im Vergleich zu Kaffee-Abstinenz war das Diabetesrisiko bei sechs Tassen täglich statistisch um etwa 33 Prozent geringer.
„Das heißt, es ist wahrscheinlich nicht das Koffein, was hier wirksam ist“, so Schulze, sondern „andere Bestandteile, die mindestens genauso wichtig sind“. Chlorogensäuren und andere Pflanzenstoffe werden als mögliche Erklärung für diesen Effekt untersucht. Eine Übersichtsarbeit von 2021 diskutiert beispielsweise mögliche positive Wirkungen einiger Kaffee-Inhaltsstoffe auf Leber und Bauchspeicheldrüse.
Pestizidrückstände im Kaffee
Zuletzt sorgten Meldungen über Pestizide in Kaffee für Verunsicherung. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ordnet ein: „Der bloße Nachweis von bestimmten Pflanzenschutzmitteln in Kaffeebohnen ist nicht gleichzusetzen mit ‚Es ist eine Gefahr‘ oder ‚Es ist giftig für den Verbraucher'“, so Jens Schubert vom BfR. „Bei der Risikobewertung betrachtet man die Gefahr, die von einem Stoff ausgehen kann, in Abhängigkeit von der Menge, die der Verbraucher aufnimmt.“ Angesichts der vorliegenden Daten sei für Kaffee kein Risiko für die Verbraucher bekannt, so Schubert.
Bei rund zwei bis drei Prozent der untersuchten Rohkaffeeproben würden allerdings laut Lebensmittelüberwachung die jeweiligen Grenzwerte überschritten. Aber auch das heißt nicht automatisch, dass die Produkte gesundheitsschädlich sind. Dennoch wird die betroffene Ware in der Regel aus dem Verkehr gezogen.
Kaffee ist ein Genussmittel, kein Medikament
Für die meisten gesunden Erwachsenen spricht nach heutigem Forschungsstand nichts gegen moderaten Kaffeekonsum bis zu 400 Milligramm täglich. „Vorsorglich“ mit Kaffeetrinken anzufangen, um länger gesund zu bleiben, lässt sich daraus aber nicht ableiten. Hahad formuliert es so: „Kaffee ist wahrscheinlich in erster Linie ein Genussmittel für die meisten Menschen, kein Medikament oder Supplement.“ Kaffee kann also gut zu einem gesunden Lebensstil passen. Schlaf, ausgewogene Ernährung und Bewegung ersetzt er nicht.
