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Politik

Ukraine-Krieg: Wie Forensiker den Toten ihre Namen zurückgeben

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 17, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Reportage

Stand: 17.08.2026 • 13:51 Uhr

Im Ukraine-Krieg sterben jeden Tag Menschen – was bleibt, sind oft nur Knochen. Ukrainische Forensiker versuchen, den Toten ihre Namen zurückzugeben und Angehörigen Gewissheit zu geben. Eine Arbeit, die zermürbt.

Susanne Petersohn

Vor Ihor Tytartschuk liegen die Knochen eines jungen Soldaten. Ein Schädel, Teile des Beckens, Rippen, Knochen von Armen und Beinen. Viel ist von ihm nicht geblieben. Seinen Namen kennt hier niemand.

Tytartschuk nimmt einen Knochen in die Hand und zeigt auf die Stellen, an denen sich das Alter des Toten abschätzen lässt. Es gebe kaum Verknöcherungen, erklärt der Gerichtsmediziner. „Das war ein junger Mann. Maximal 23 Jahre alt.“

Wer war er? Woher kam er? Wann genau starb er? Und wartet irgendwo eine Mutter, ein Vater, eine Partnerin darauf, dass er zurückkehrt? Es sind Fragen, die in der Gerichtsmedizin von Dnipro jeden Tag gestellt werden.

Zurückkommen oft nur zerfetzte Überreste

Die ostukrainische Millionenstadt liegt nur etwa hundert Kilometer vom Frontgebiet und den aktiven Kämpfen entfernt. Verwundete Soldaten werden hier in Krankenhäusern behandelt, Militärfahrzeuge gehören zunehmend zum Straßenbild. Und hierher gelangen viele der Toten aus den umkämpften Gebieten im Osten und Süden des Landes.

Manche werden kurz nach ihrem Tod geborgen. Andere liegen Wochen oder Monate auf dem Gefechtsfeld, bevor ihre Körper eingesammelt werden können. Wieder andere werden erst Jahre später gefunden oder im Rahmen von Austauschen aus Russland zurückgebracht. Selten kommen nahezu unversehrte Körper an. Oft zerfetzte Überreste. Manchmal nur einzelne Knochenfragmente oder Asche.

„Jeden Tag kommen Tote zu uns“, sagt Tytarshuk. „Denn die Kämpfe dauern an. Der Krieg macht keine Pause. Es gibt keine Wochenenden, keine Feiertage, keinen Urlaub.“

Tausende Fälle ungeklärt

Tytartschuk leitet eine der gerichtsmedizinischen Abteilungen in Dnipro. Seit Beginn des russischen Großangriffs im Februar 2022 ist die Identifizierung der Toten zu einer gewaltigen Aufgabe geworden. Rund 30.000 Fälle konnten offiziellen ukrainischen Angaben nach allein im vergangenen Jahr geklärt werden.

Doch die Zahl der Menschen, deren Schicksal ungeklärt ist, bleibt enorm. Mehr als 114.000 Menschen gelten nach Angaben des ukrainischen Innenministeriums – Stand Juli 2026 – als vermisst. Darunter sind vor allem Soldaten, aber auch Zivilisten. Zehntausende Familien leben in einer quälenden Ungewissheit: Ist ihr Verwandter tot oder in russischer Gefangenschaft?

Hoffnung, die in Wut umschlägt

Diese Hoffnung begleitet auch die Arbeit von Wiktorija Haraschtschenko. Die Laborassistentin ist bei den Forensikern in Dnipro für die Kommunikation mit den Angehörigen der Vermissten zuständig. Sie erlebt immer wieder, wie schwer es Angehörigen fällt, einen möglichen Tod zu akzeptieren. Selbst wenn erste Hinweise darauf hindeuten, dass ein Mensch unter den Toten sein könnte, klammern sich manche Familien an eine andere Erklärung.

Die meisten wollten nicht glauben, dass die Person tot sei, sagt Haraschtschenko, sondern dass sie stattdessen noch irgendwo in Gefangenschaft lebe. Manchmal schlage diese Hoffnung in Wut um. „Sie fragen dann: ‚Warum hast du ihn so beschriftet? Das ist nicht er. Du hast einfach seinen Nachnamen hingeschrieben.'“

Häufig bleibt nur die DNA

Solange eine Identität nicht zweifelsfrei geklärt ist, bleibt die Möglichkeit, dass sie recht haben. Deshalb suchen die Forensiker nach jedem noch so kleinen Hinweis. Sie dokumentieren Tätowierungen und Narben, untersuchen Zähne, Kleidung und persönliche Gegenstände. Manchmal müssen die Spezialisten zunächst überhaupt herausfinden, welche Überreste zu welchem Menschen gehören.

Explosionen können Körper zerreißen. Feuer kann fast alles vernichten, was eine Identifizierung auf den ersten Blick ermöglichen würde. Dann bleibt häufig nur die DNA. Doch auch sie liefert nicht automatisch einen Namen. Damit eine Probe zugeordnet werden kann, braucht es Vergleichsmaterial – beispielsweise von Eltern oder Kindern eines Vermissten.

Fehlt eine solche Probe, kann ein DNA-Profil zwar gespeichert werden, wer der Mensch war, bleibt trotzdem offen. Mit jedem Kriegstag wächst die Zahl der Toten und damit die Menge der Spuren, Proben und ungeklärten Fälle.

Eine Mutter ruft bei ihrem toten Sohn an

Walerij Wjun erlebt diese Entwicklung seit Jahren. Er ist weit über 70 Jahre alt und könnte längst im Ruhestand sein. Doch in der Gerichtsmedizin fehlt Personal. Die Arbeit ist belastend, neue Mitarbeiter schwer zu finden.

An den ersten gefallenen Soldaten, deren Todesursache er während des Krieges feststellen sollte, erinnert Wjun sich bis heute. Vor ihm lag ein junger Mann. Während der Untersuchung begann plötzlich dessen Telefon zu klingen. Auf dem Display erschien immer wieder dieselbe Nachricht, schildert Wjun: „Mama ruft an, Mama ruft an, Mama ruft an.“ Er habe in diesem Moment gewusst, was die Frau am anderen Ende der Leitung noch nicht wusste: Ihr Sohn war tot.

Ihm ist die Erschütterung anzusehen, als er darüber spricht. „Ich weiß nicht, wie man das alles überstehen kann“, sagt er. „Er liegt da, und seine Mutter weiß noch nicht, dass er gestorben ist.“

„Das ist nicht normal“

Wenn Tytartschuk über seine Arbeit spricht, versucht er Distanz zu halten. Er spricht ruhig über Knochen, DNA und Identifizierung. Das gehört zu seinem Beruf. Doch es gelingt auch ihm nicht immer. „Wir alle wissen“, sagt er, „dass der Tod irgendwann auf uns wartet. Und für jeden sollte er zu seiner Zeit kommen. Aber die Menschen, die jetzt sterben, sterben viel zu früh.“ Er hält kurz inne, sammelt sich. „Wenn man die Geburtsjahre sieht – 2005, 2006 – dann versteht man: Das ist nicht normal. Überhaupt nicht.“

Für Tytartschuk ist die Identifizierung deshalb mehr als eine medizinische oder kriminalistische Aufgabe. Sie ist der letzte Schritt einer Heimkehr, die für die Lebenden anders endet als erhofft. Die Familien sollen erfahren, was geschehen ist. Sie sollen einen Menschen begraben können, um den sie vielleicht Monate oder Jahre gebangt haben. Der Tote soll nicht als Nummer, DNA-Profil oder Knochensatz in einem Labor bleiben. Jeder, sagt Tytartschuk, müsse am Ende nach Hause zurückkehren.

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Dr. Heinrich Krämer
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