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Angriffe über queere Datingplattformen | tagesschau.de

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 18, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Exklusiv

Stand: 18.08.2026 • 12:39 Uhr

Junge Männer organisieren sich in Gruppen, um über queere Dating-Apps Gewalt auszuüben. Sie vernetzen sich etwa auf Discord-Servern und teilen Aufnahmen ihrer Taten – wie eine Recherche von team.recherche zeigt.

Von Amelie Borggrefe, Tasnim Rödder, Kim Stoppert, SR

„Da ging meine kleine Hölle los“, sagt Lukas, der eigentlich anders heißt. An einem Sommertag wartet der 35-Jährige auf sein Date, mit dem er sich auf einem Parkplatz verabredet hatte. Doch statt seiner Verabredung kommen mehrere junge Männer, die ihn aus dem Auto zerren, filmen und erniedrigen. „Ich sollte tanzen und ich sollte sagen, dass ich Sex mit Minderjährigen haben wollen würde“, sagt Lukas. Dabei ging er davon aus, dass er sich mit einer erwachsenen Person treffen würde.

Lukas wurde Opfer eines Fake-Dates, und damit ist er nicht allein. team.recherche zählte mehr als 70 angezeigte Fälle der Dating-Masche deutschlandweit in den letzten zehn Jahren. Insgesamt hat sich die Zahl der queerfeindlichen Straftaten laut Bundeskriminalamt in den letzten 15 Jahren nahezu verzehnfacht. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Laut einer repräsentativen Umfrage der EU-Grundrechtsagentur von 2024 zeigt einer von zehn Betroffenen solche Fälle an.

Täter sind online vernetzt

Lukas‘ Täter nannten sich selbst „Pedo-Hunter“ – das sind Menschen, die Selbstjustiz an vermeintlich Pädokriminellen betreiben. Sie geben sich als Jungen oder Mädchen aus und verabreden sich mit Personen, denen sie Pädophilie zuschreiben. Bei den persönlichen Treffen greifen „Pedo-Hunter“ Betroffene teilweise gewaltsam an.

Doch warum wurde Lukas, der sich mit einer erwachsenen Person treffen wollte, Opfer von selbsternannten Pedo-Huntern? Das team.recherche will wissen, wer hinter den Taten steckt, und schleust sich in eine Discord-Gruppe ein. Auf der Plattform können Benutzer unter anderem Nachrichten, Bilder und Videos verschicken.

Wochenlang verfolgen die Autorinnen und Autoren die Chats der rund 1.500 User auf dem Server. Darin tauschen sich vor allem junge Männer über Gewaltfantasien und Angriffe auf vermeintlich Pädophile aus. Immer wieder teilen User auch queerfeindliche Aussagen. Ein User schreibt: „Die homo pedos wie mein onkel; Hab mein onkel nur die knie scheibe raus geschlagen; Der ist jetzt geh behindert.“ [sic]

Es scheint, als würde unter den Usern Homosexualität teils mit Pädophilie gleichgesetzt. Der Verfassungsschutz Baden-Württemberg bestätigt das: „Insbesondere hierbei wird oft der Schutz des vermeintlich gefährdeten Kindeswohls in den Vordergrund der queerfeindlichen Agitation gestellt.“

Rechtsextremer Content auf Discord-Servern

Zudem wird auf dem Discord-Channel immer wieder betont, dass die Bewegung unpolitisch sei. Gleichzeitig werden Nachrichten wie diese gepostet: „Ich kämpfe aktiv für das Deutsche Reich, also zum Beispiel gegen lgbtq“. Außerdem kursiert rechtsextreme Symbolik in den Chats.

Zu Verknüpfungen in die rechte Szene bestätigt ein Sprecher des Verfassungsschutzes Hessen, dass „Pedo Huntings“ „ein hohes Maß an Mobilisierungspotential für rechtsextremistische Jugendliche und junge Erwachsene“ beinhalte. Rechtsextreme werben also mit vermeintlichem Kinderschutz junge Menschen an und vermischen dabei teilweise Homosexualität mit Pädophilie. Das Resultat: Übergriffe gegen queere Männer unter dem Deckmantel von Kinderschutz.

team.recherche nimmt Kontakt mit einem der Betreiber des Discord-Channels auf. „Es geht halt einfach nur darum, dass man sich für etwas einsetzt und probiert, dieses Ziel zu erreichen“, sagt Marcel (Name geändert). Er erklärt, für ihn sei das Ziel der Schutz vor Pädokriminellen. Gegen eine Radikalisierung anderer User auf seinem Server könne er grundsätzlich nichts tun. team.recherche konfrontiert ihn mit antisemitischen und rechtsextremen Inhalten, die er auf dem Server teilt. „Ich spiele einfach gerne mit dem Feuer“, sagt er und ordnet sich als unpolitisch ein.

Mehr Schutz für queere Menschen gefordert

Die Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, fordert eine bundesweite Meldestelle für queerfeindliche Übergriffe, um diese besser zu erfassen. Die ist aktuell nicht geplant, aber das Innenministerium habe eine „Handreichung“ für Polizeidienststellen erstellt. Die soll dazu beitragen, dass queerfeindliche Straftaten einheitlicher erfasst werden können. „Selbst,wenn es vielleicht nicht oberste Priorität ist bei allem, was gerade ansteht, muss auch diese Bundesregierung zeigen, dass sie die Interessen queerer Menschen ernst nimmt und vor allen Dingen, dass sie die Community schützt“, sagt Koch.

Erst im März 2026 beschloss Bundesfamilienministerin Karin Prien, dass „Vielfalt“ kein staatliches Förderkriterium mehr sei. Wie passt das mit dem Schutz queerer Menschen zusammen? Ein Sprecher des Innenministeriums teilt mit, dass die Neuausrichtung der Förderprogramme keine Abkehr vom Engagement gegen Queerfeindlichkeit sei. Man wolle „innerhalb des Kinder- und Jugendplans neue Schwerpunkte setzen – insbesondere bei der mentalen Gesundheit oder der Bekämpfung von Einsamkeit“.

Die Täter des Übergriffs gegen Lukas sind mittlerweile verurteilt. Er möchte trotz seiner schlechten Erfahrung weiterhin queere Dating Apps nutzen. „Aus dem Grund, dass die Hoffnung zuletzt stirbt und dass es noch Menschen gibt, die Gutes tun“, sagt Lukas.

Hinweis: Die team.recherche-Doku „Jagd auf Schwule – Wer steckt hinter den Fake-Dates?“ im Auftrag des SR können Sie hier in der ARD-Mediathek sehen.

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Dr. Heinrich Krämer
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