Am Matterhorn zeigt ein Forscher, welche Auswirkungen der Klimawandel hat. Große Felsstürze, die früher nur alle 40 Jahre vorkamen, passieren nun jedes Jahr – eine Gefahr für Wanderer und Bewohner.
„Hier sieht man sehr eindrücklich, dass Eis und Schnee nicht mehr weiß sind und von der Sonne ganz massiv angegriffen werden“, erklärt Jan Beutel. „Wenn die Sonne auf das dunkle Material scheint, wird das einfach viel wärmer, als wenn es noch weiß wäre.“ Beutel steht an der Hörnlihütte und schaut auf das spektakuläre Panorama des Matterhorn. Im Vordergrund lag früher ein strahlend weißer Gletscher – heute eine grau-braune Eisfläche.
Beutel ist Professor für Technische Informatik an der Uni Innsbruck. Er untersucht seit 19 Jahren, wie sich der Klimawandel auf den Schweizer Berg auswirkt. Dunklere Oberflächen bedeuten mehr Wärme – und mehr Wärme bedeutet, dass noch mehr Schnee und Eis schmelzen.
Dieses warme Wasser könne unheimlich tief in Felsspalten eindringen und dort den Permafrost auftauen, erklärt Beutel. „Das ist, wie wenn man kochendes Wasser in seinen Tiefkühler reinkippt.“
Permafrost taut und lässt Fels instabil werden
Die Folge: Gesteinsschichten, die immer im Permafrost lagen, werden instabil. Dann reichen schon kleine Impulse, um sie zu lösen. Zum Beispiel von Wanderern. Wenn man statt über eine Eisdecke über lockere Felsen gehe, könne es leichter zum Steinschlag kommen, erklärt der Forscher. Das bedeute mehr Gefahr.
Neben kleinen Steinschlägen, die Wanderer gefährden, wächst auch die Gefahr von Hangrutschen und massiven Steinlawinen. Vor gut einem Jahr haben sich am Kleinen Nesthorn im Wallis riesige Felsen gelöst und sind auf den Birchgletscher gestürzt. Mehrere Millionen Kubikmeter Eis und Geröll haben das Dorf Blatten verschüttet, die Bewohner konnten zum Glück vorher in Sicherheit gebracht werden.
Solche Ereignisse werden häufiger, sagt Beutel. Deutlich häufiger. Während früher Abgänge von 10, 20 oder 30 Millionen Kubikmetern nur alle 40 Jahre vorgekommen wären, passierte das seit den 1990er-Jahren etwa alle zehn Jahre. „Mittlerweile haben wir das jedes Jahr“, so Beutel.
„Dann siehst du, wie klein der Mensch ist“
Auch auf der Südseite des Matterhorns sind vor zwei Wochen Felsen abgestürzt – zum Glück in unbewohntem Gebiet, in der Nähe eines Dorfes. Das sei ein spektakulärer Felssturz gewesen, mitten aus der Flanke des Berges, aus etwa 3.900 Metern Höhe, sagt Beutel. „Dort oben sind die Felsen seit Urzeiten dauerhaft gefroren. Wenn die Felswände ihre Stabilität verlieren, dann passieren solche großen Felsstürze.“
Beutel forscht seit 19 Jahren am Matterhorn. Solche Bilder – so scheint es – beeindrucken ihn noch immer: „Wenn du den Haufen siehst und das Dorf – dann siehst du, wie klein der Mensch ist.“
