Bayern-Profi Musiala bricht erneut zusammen, ist für mehrere Sekunden außer Gefecht gesetzt. Damit wird öffentlich über eine bisher weitgehend unbekannte Erkrankung gesprochen: Absencen. Was steckt dahinter?
Erneut ein Schreckmoment: Zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen klappt der 23-jährige Bayern-Stürmer Jamal Musiala auf dem Spielfeld zusammen. Nach kurzer Behandlung verlässt der Nationalspieler in medizinischer Begleitung den Platz. Er selbst spricht wenig später auf Instagram von einer gut behandelbaren neurologischen Dysfunktion – also von einer Nervenstörung.
Andreas Schulze-Bonhage, Leiter des Epilepsiezentrums der Uniklinik Freiburg beschreibt das Symptom so: „Absencen ist eine Form von epileptischen Anfällen, bei denen hauptsächlich das Bewusstsein kurzzeitig gestört ist, während es sonst zu relativ wenigen Symptomen kommt. Es kann sein, dass der Muskeltonus etwas sinkt und man dann eben zusammensinkt.“ Das sind die äußerlich wahrnehmbaren Symptome, die auch bei Musiala auftraten.
Betroffene müssen per EEG regelmäßig ihre Gehirnströme messen lassen, damit Medikamente richtig eingestellt werden können.
Was geschieht im Gehirn?
Der Freiburger Neurologe Schulze-Bonhage beschreibt die Vorgänge im Gehirn bei einem solchen Anfall so: „Normalerweise haben wir Milliarden von Nervenzellen, die ihre Einzeltätigkeit machen und zum Beispiel sensorische Informationen verarbeiten oder unsere Motorik steuern – also zum Beispiel steuern, dass man sich hinter einem Ball herbewegt. Bei einer solchen epileptischen Entladung ist es so, dass diese Nervenzellen nicht mehr einzeln für sich ihren Aufgaben nachgehen, sondern in einem nicht normalen Rhythmus zusammen entladen.“
Das könne dann im ganzen Körper zu einer Art Verkrampfung führen, so Schulze-Bonhage und zu einer vorübergehenden Trübung oder zum Verlust des Bewusstseins.
Absencen
Mediziner sprechen bei Absencen von einer besonderen Form epileptischer Anfälle. Das Bewusstsein ist dabei für Sekunden gestört, der Muskeltonus sinkt ab. Betroffene haben kurze, oft unbemerkte Aussetzer, bei denen sie sekundenlang abwesend wirken.
Professor Andreas Schulze-Bonhage vom Epilepsiezentrum der Uniklinik Freiburg erklärt das Phänomen im Gehirn: Normalerweise arbeiten Milliarden Nervenzellen unabhängig voneinander – etwa um unsere Motorik und die Ballbewegung zu steuern. Bei einem solchen Anfall entladen sich diese Zellen plötzlich in einem unnatürlichen Rhythmus gemeinsam. Das führt zu Bewusstseinsverlust oder Trübung.
Möglichkeiten der Behandlung
Natürlich könne er ohne eine genaue Untersuchung mittels EEG keine Diagnose stellen, so der Leiter des Freiburger Epilepsie-Zentrums. Aber im Normalfall könne man bei etwa „85 Prozent der Patienten durch Medikamente vollständige Anfallsfreiheit erzielen. Das heißt, dass diese Patienten überhaupt nie wieder Absencen haben – über viele, viele Jahre.“ Wo dieser vollständige Erfolg nicht möglich sei, könne man aber meist erreichen, dass die Anfälle nur sehr selten aufträten.
Laut Schulze-Bonhage gibt es die häufigsten Manifestationen im frühen Kindesalter und im hohen Lebensalter. Aber sie können in jedem Lebensalter auftreten. „Etwas atypisch wäre, wenn eine Hobsons-Epilepsie im engeren Sinne sich jetzt im Alter von 23 Jahren neu manifestiert. Also es kann eben sein, dass Musiala vielleicht doch früher schon so eine Epilepsie gehabt hat. Das ist aber gar nicht an die Öffentlichkeit gedrungen, weil sie eben perfekt behandelt war.“ Möglicherweise müsse man jetzt einfach diese Behandlung verbessern, sodass er dann wieder anfallsfrei ist.
Epilepsie ist längst kein Tabu mehr
Musiala spielt seit 2020 bei Bayern und ist Stammspieler in der Nationalmannschaft. Der offensive Mittelfeldspieler gilt vielen als herausragendes Talent. Und die Frage drängt sich auf, ob diese – wie er es nennt „neuronale Dysfunktion“ – nicht doch seine Fähigkeiten als Topspieler beeinträchtigt.
Schulze-Bonhage gibt Entwarnung: Er ist überzeugt, „dass eben zwischen diesen Anfällen die Hirnfunktion und alles eigentlich völlig normal ist. Das heißt also, dass man ganz normal seinem Beruf nachgehen kann, insbesondere auch Sportler sein kann.“ Und damit befände sich Musiala tatsächlich in bester Gesellschaft.
Es gibt bei Spitzensportlern weitere Beispiele für Betroffene dieser Nerven-Fehlsteuerung, so der Freiburger Neurologe Schulze-Bonhage: „Bei den Fußballern ist das berühmteste Beispiel vielleicht Ronaldo, bei dem auch eine Epilepsie mit allerdings schwereren Anfällen als jetzt bei Musiala aufgetreten ist. Und der ist ja trotzdem auch einer der großen Stars geworden.“ Ein prominenter Fall, der zeigt: Epilepsie ist längst kein Tabu mehr und gut behandelbar, selbst im harten Alltag des Profifußballs.
