Die Zahl der Menschen, die Israel verlassen, übersteigt mittlerweile die Zahl derjenigen, die zuziehen. Ein Grund: der wachsende Einfluss ultraorthodoxer Parteien. Ökonomisch könnte der Trend zum Auswandern heikel werden.
In den vergangenen Wochen hat Noah Avgar viele Kisten gepackt. Der 62-Jährige wird Israel mit seiner Familie verlassen. In wenigen Tagen ziehen sie nach Zypern.
Der Abschied fällt ihm schwer. Avgar sagt, er habe Angst und sei in Panik. Er habe das Gefühl, mit seiner Familie nicht einfach auszuwandern, sondern zu flüchten. Er verlasse Israel nicht, weil er das wolle, sondern weil er die Zukunft seiner Kinder nicht aufs Spiel setzen möchte.
Sorge vor ultraorthodoxen Kräften
Dabei geht es ihm nicht um die Sicherheitslage oder die Frage, wie sich die Konflikte mit der Hisbollah im Libanon und der Hamas im Gazastreifen entwickeln.
Avgar will Israel wegen des wachsenden Einflusses ultraorthodoxer Juden verlassen. Ultraorthodoxe Parteien sind Teil der Regierungskoalition, zugleich steigt ihr Anteil an der Bevölkerung seit Jahren deutlich.
Avgar befürchtet, dass ultraorthodoxe Kräfte in der Regierung immer mehr Einfluss gewinnen und Israel sich dadurch in Richtung eines religiös geprägten Staates entwickeln könnte. Er wolle nicht, dass seine Kinder unter solchen Bedingungen aufwachsen – insbesondere seine Tochter, sagt er.
Zahl der Auswanderer deutlich gestiegen
Avgar ist mit seinen Sorgen nicht allein. Aktuelle Daten belegen, dass immer mehr Menschen Israel verlassen. Im vergangenen Jahr waren es etwa 90.000.
Die Gründe sind unterschiedlich: Manche gehen wegen der Sicherheitslage, andere wegen der hohen Lebenshaltungskosten. Wieder andere sind wie Avgar unzufrieden mit der Regierung von Benjamin Netanjahu, die von rechtsradikalen und ultraorthodoxen Parteien getragen wird.
Vor allem gut Ausgebildete gehen
Itai Ater von der Universität Tel Aviv hat gemeinsam mit Kollegen die neuesten Daten analysiert. Demnach ist die Zahl der Menschen, die Israel jährlich verlassen, im Vergleich zum Durchschnitt vor einem Jahrzehnt um etwa 50 Prozent gestiegen.
Ater sieht darin einen besorgniserregenden Trend. Israels wirtschaftliche Stärke und Sicherheit hingen entscheidend von den Menschen ab, die im Land leben, arbeiten und sich beteiligen. Dass besonders viele gut ausgebildete Menschen Israel verließen, sei deshalb eine Gefahr für die Zukunft des Landes.
Tatsächlich wandern besonders viele gut ausgebildete Israelis aus – darunter Ärzte, Ingenieure und Beschäftigte aus der Tech-Industrie.
Auswandern kein gesellschaftliches Stigma mehr
Gary ist Softwareentwickler und denkt ebenfalls darüber nach, Israel zu verlassen. Eigentlich wolle er nicht weg, sagt er. Doch er sehe langfristig keine gute Perspektive, vor allem mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung bei den Ultraorthodoxen.
Auch die Wahlen Ende Oktober spielten für seine Entscheidung eine Rolle. Sollte es danach keine grundlegende Veränderung geben, sieht Gary kaum noch Hoffnung auf eine andere Entwicklung.
Lange war es in Israel gesellschaftlich verpönt, das Land zu verlassen. Das ändert sich inzwischen. Professor Ater hält es für möglich, dass die Zahl der Auswanderer künftig noch schneller steigt. Entscheidend könnte auch sein, wie die Wahlen ausgehen.

