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Sicherheitsbehörden warnen vor Online-Netzwerken, in denen junge Täter Chatpartner zu Straftaten anstiften. Nach SWR-Informationen ermittelt nun in einem Fall die Bundesanwaltschaft: unter anderem wegen Terrorismus-Vorwürfen.
Anfang Januar beherrschen Meldungen über mysteriöse Autobrände die Lokalnachrichten in der US-amerikanischen Stadt Fort Worth im Bundesstaat Texas. Wenig später droht ein junger Mann in einem Video mit Anschlägen gegen Schulen. Er trägt eine Tarnfleckhose und eine gelbe Maske mit der Aufschrift „Please stop me“ (auf Deutsch: Bitte halte mich auf).
In der Hand hält er eine Waffe oder eine entsprechende Attrappe. Mit verzerrter Stimme sagt er: „Wir werden viele Kinder töten. Nach einer Explosion werden wir sofort mit dem Schießen anfangen.“
Als die Polizei von Fort Worth am 9. Januar einen 17-Jährigen aus der Gegend festnimmt, hat sie schnell einen Verdacht: Der junge Mann soll für die Taten verantwortlich sein. Und diese waren offenbar alles andere als dumme Jugendstreiche.
Der 17-Jährige soll Mitglied einer virtuellen Gruppe sein, die eine „nihilistisch nationalsozialistische“ Ideologie verfolge. Es gehe um Neonazismus und Satanismus. Das Ziel sei „extreme Gewalt“, um die westliche Gesellschaft zum Einsturz zu bringen. So steht es im Haftbefehl, den lokale Fernsehsender veröffentlichten. Eine Anfrage zu dem Fall ließen die Behörden in Fort Worth unbeantwortet.
Spur führt nach Deutschland
Nach SWR-Informationen führt eine Spur in diesem Fall jetzt nach Deutschland, ins Umland von Trier. Dort wurde im März ein heute 19-Jähriger festgenommen, der den Sicherheitsbehörden zuvor offenbar völlig unbekannt gewesen war. Er steht im Verdacht, andere Jugendliche zu Straftaten aufgefordert zu haben – auch im Fall der Brandstiftungen in Texas. Über international vernetzte Chats sollen sie in Kontakt gestanden haben.
Der Fall lässt sich wohl der Szene sogenannten Com-Netzwerke zuordnen. Das sind Online-Chatgruppen, in denen sich häufig sehr junge Menschen gegenseitig zu Straftaten anstacheln. Dem Mann aus Trier attestieren Ermittler eine führende Rolle.
Tötungsdelikt in Russland
Nach SWR-Informationen gibt es womöglich auch Bezüge zu einem Gewaltverbrechen in Russland. Dort tötete im Dezember ein 15-Jähriger mutmaßlich einen zehnjährigen Mitschüler mit einem Messer. Laut Ermittlern könnte die Tat aus einem Online-Netzwerk heraus angestiftet worden sein, in dem der jetzt beschuldigte Mann aus dem Raum Trier eine entscheidende Rolle gespielt haben soll. Er soll auch ein Video der in Russland begangenen Tat verbreitet haben.
Zudem soll der Mann aus dem Raum Trier eine junge Frau dazu gebracht haben, sich selbst zu verletzen und sich seinen User-Namen in die Haut einzuritzen: „Stalk“, so nannte sich der Beschuldigte offenbar im Netz.
Selbstverletzungen typisch für Szene
Insbesondere solche Anleitungen zur Selbstverletzung seien typisch für Com-Netzwerke, sagt Felix Neumann. Er ist Referent bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und beschäftigt sich intensiv mit der Szene. „Die Idee dahinter ist – und das ist extrem abscheulich: Du verletzt dich auf schlimmste Art und Weise und mein Name ist für ewig in deinen Körper eingeritzt, um eine Art Machtdemonstration zu zeigen“, so Neumann.
Er beobachte dieses Phänomen seit mehreren Jahren. Die Täter bauten zu ihren oft sehr jungen Opfern Vertrauens- oder gar Liebesverhältnisse auf und brächten sie in Abhängigkeitsverhältnisse, die schamlos ausgenutzt würden.
Hitler-Schwärmerei auf Telegram
Dem SWR liegen aus einem Com-Netzwerk Hunderte Chatnachrichten aus der zweiten Jahreshälfte 2025 vor. Der Berliner Thinktank „Center für Monitoring, Analyse und Strategie“ (CeMAS) hat die auf der Plattform Telegram geschriebenen Nachrichten gesichert. CeMAS beschäftigt sich intensiv mit der Szene, hat zu ihr vor einigen Monaten einen ausführlichen Report veröffentlicht. Nach SWR-Informationen ordnen Sicherheitsbehörden die Nachrichten dem Beschuldigten zu. Sie geben Einblick in die mutmaßliche Gedankenwelt von „Stalk“.
Schon der Name einer Chatgruppe, „1414“, fällt auf: Die Zahl „14“ gilt in rechtsextremen Kreisen als Code für den Schutz der vermeintlich überlegenen „weißen Rasse“. In dem Chat benutzt „Stalk“ mehrfach das N-Wort. Im Oktober 2025 nennt er in englischer Sprache gegenüber einem Chatpartner Adolf Hitler einen „guten Politiker“, der „großartige Reden“ gehalten habe. Juden seien „ein Problem“, Zionisten aber die „tatsächliche Bedrohung“.
Auch diese Analogien zum Rechtsextremismus sind laut Experten Neumann typisch für die Szene. „Gerade wenn wir von Netzwerken sprechen, wo die Personen sehr jung sind, da sehen wir das immer häufiger“, so Neumann. Es sei allerdings sehr schwierig auszumachen, ob es dabei um eine gefestigte Ideologie oder mehr um Tabubrüche und Schockmomente gehe.
Anwältin: Beschuldigter spielsüchtig
Auf Anfrage des SWR sagte die Anwältin des Beschuldigten, dieser sei auf der Gamer-Plattform Discord angesprochen worden, sich in den Chats zu beteiligen. Vor allem während der Corona-Zeit habe er sich immer mehr zurückgezogen und sei spielsüchtig geworden. Wegen der Sucht sei er bereits in therapeutischer Behandlung gewesen. Er habe seine Aktivitäten zunächst als „Spiel“ empfunden und sich davon nicht mehr lösen können. „Im realen Leben wäre das nie passiert“, so die Anwältin gegenüber dem SWR.
Inzwischen bereue ihr Mandant seine Taten und sei sehr reflektiert. Er sei kein Rechtsextremist, ihm sei es um Anerkennung gegangen. Zu den konkreten Vorwürfen äußerte sich die Anwältin nicht.
Bundesanwaltschaft hat Verfahren übernommen
Nachdem zunächst die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz in diesem Fall ermittelt hatte, hat inzwischen die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe den Fall an sich gezogen. Die Vorwürfe: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Das bestätigte die Behörde dem SWR auf Nachfrage.
Sicherheitsbehörden beobachten die Szene der Com-Netzwerke bereits seit längerem mit Sorge. Zunehmend ist sogar von einem eigenen Phänomenbereich die Rede: einem „nihilistisch gewalttätigem Extremismus“.
Die Szene war in jüngster Vergangenheit beispielsweise mehrfach Thema in der Ratsarbeitsgruppe Terrorismus der EU, wie aus internen Unterrichtungen hervorgeht, die dem SWR vorliegen. „Nihilistischer gewalttätiger Extremismus sei ein immer gefährlicher werdendes, eigenständiges Phänomen“, warnte etwa Europol im Dezember des vergangenen Jahres. „Gewalt sei hier das Ziel und nicht das Mittel. (…) Die Akteure würden sich jede Woche ändern.“


