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Politik

Studie: Aufmerksamkeit kann Juckreiz lindern

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 21, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 21.08.2026 • 09:54 Uhr

Juckreiz ist unangenehm und lästig. Viele versuchen sich daher abzulenken – wie etwa nach einem Mückenstich. Was aber passiert, wenn man das Gegenteil macht? Eine neue Studie liefert Antworten.

„Nicht dran denken, wenn etwas juckt“ – diese Alltagsweisheit stellt eine neue Studie infrage. Wer seine Aufmerksamkeit bewusst auf eine kleine Hautentzündung – wie man sie etwa nach einem Stich oder Allergietest spüren kann – richtet, kann sie möglicherweise abschwächen und verkürzen.

Ein Forschungsteam um die Neurowissenschaftlerin Liron Rozenkrantz von der Bar-Ilan-Universität hat mit einem einfachen Hautmodell gearbeitet: einem Histamintest ähnlich, wie man ihn aus der Allergiediagnostik kennt. Histamin sorgt dafür, dass sich die Gefäße weiten und Flüssigkeit aus dem Blut in das Gewebe tritt: Es bilden sich eine kleine Quaddel und eine Rötung. „Es ist ein bisschen wie ein Mückenstich. Es brennt ein bisschen, es juckt, und zwar ziemlich“, beschreibt Rozenkrantz das Gefühl.

Sie spricht von einer akuten Entzündungsreaktion der Haut, weil dieser Histamin-Reiz Rötung und Schwellung auslöst, was klassischen Entzündungsmerkmalen entspricht und sich innerhalb von 20 bis 30 Minuten wieder zurückbildet.

In drei Experimenten mit insgesamt 57 gesunden Freiwilligen lösten die Forschenden eine solche kleine Immunreaktion aus. Die Teilnehmenden durchliefen sie jeweils zweimal: Sie sollten sich mit einfachen Aufgaben auf einem Bildschirm ablenken oder ihre Aufmerksamkeit bewusst auf die Empfindungen an der Stelle mit der Entzündungsreaktion richten.

„Wir wollten wissen, ob Aufmerksamkeit nicht nur beeinflusst, wie stark etwas sich anfühlt, sondern auch die Entzündungsreaktion im Körper“, sagt Rozenkrantz im Gespräch mit der ARD-Wissenschaftsredaktion.

„Den Geist dahin bringen, wo es passiert“

Die Auswertung fiel eindeutig aus: Bei rund 90 Prozent der Teilnehmenden war die Entzündungsreaktion – also die Größe der Quaddel und der Rötung über die Zeit – etwa anderthalb Mal schwächer, wenn die Teilnehmenden bewusst hinspürten. „Die Entzündungsreaktion war begrenzter, besser reguliert und heilte schneller“, sagt Rosenkrantz. „Und insgesamt brauchte der Körper weniger Ressourcen.“

Für die Psychoneuroimmunologin Eva Peters, Dermatologin und Professorin an der Charité, ist das ein bemerkenswerter Befund: „Das ist ein großer signifikanter Effekt. Wir haben zum Beispiel früher Experimente in Tieren gemacht, da sehen wir, dass Stress eine Verdoppelung der Entzündung macht. Also anderthalbfach weniger ist extrem viel.“

Juck-Signale sind mehr als nur lästig

Auf den ersten Blick wirkt das paradox. Aufmerksamkeit macht Juckreiz subjektiv meist eher schlimmer. Warum sollte sie die Entzündungsreaktion gleichzeitig bremsen?

Die Vermutung von Rozenkrantz: Unangenehme Empfindungen seien nicht nur störende Warnsignale. Sie sollen dem Gehirn Informationen darüber liefern, was im Körper passiert. „Meine Interpretation ist: Das Gehirn braucht diese Informationen, diese subjektive Erfahrung, um die Immunantwort zu regulieren“, so Rosenkrantz.

Peters erklärt: „In der Haut haben wir Nervenfasern, die mit den Immunzellen reden. Manche starten eine Entzündung, andere helfen, dass sie wieder stoppt. Das Gehirn steuert über diese Nervenfasern mit, wie empfindlich die Haut an einer Stelle reagiert.“

Eine Entzündungsreaktion sei grundsätzlich wichtig, um Schäden zu begrenzen. Eine „gute“ Entzündung ist aber nicht die größte, sondern die effizienteste, die genau so lange läuft, wie sie gebraucht wird. „Wir betrachten eine Entzündung als eine Art Abweichung von einem Zustand, zu dem der Körper zurück möchte“, sagt Rozenkrantz. „Die Frage ist: Wie schnell kann er wieder dorthin zurückkehren?“

Betäubungscreme schwächt den Effekt

Um besser zu verstehen, was genau die Entzündungsreaktion beeinflusst, nutzte das Team in einem weiteren Experiment eine Betäubungscreme – und das Juckreizempfinden war stark gedämpft.

„Sie haben zwar aufmerksam gefühlt, aber die Sinnesinformationen waren praktisch nicht mehr da“, sagt Rosenkrantz. Der Effekt der Aufmerksamkeit auf die Entzündung wurde deutlich kleiner. Das deutet darauf hin, dass zwei Faktoren zusammenspielen: Das Jucken selbst ist wichtig und aber auch die Art, wie wir unsere Aufmerksamkeit verteilen. Letztere beeinflusst zusätzlich, wie effizient diese Signale genutzt werden.

Dass Gehirn und Immunsystem auf diese Weise zusammenarbeiten, vermuten Forschende seit Jahrzehnten. „Das ist kein innovativer Gedanke, das ist ein ‚Asbach-uralter‘ Gedanke“, sagt Peters. „Die haben das aber zum ersten Mal sehr schön gezeigt, sehr konzentriert nur auf die Frage: ‚Aufmerksamkeit, wenn ich die lenke, macht die was?‘“

Was bedeutet das im Alltag?

„Als Wissenschaftlerin würde ich sagen, wir können das natürlich nicht einfach auf alles übertragen“, betont Rosenkrantz. Niemand solle Schmerzmittel weglassen oder auf jeden Schmerz starren. “Aber als Person lenke ich mich nicht mehr sofort von unangenehmen Empfindungen ab. Und als Mutter: Wenn mein Kind hinfällt, neigen wir dazu, es sofort abzulenken: ‚Schau mal, der schöne Vogel!‘ Das mache ich inzwischen nicht mehr ganz so schnell.”

Für Peters ist die wichtigste Botschaft, dass Ablenkung nicht immer automatisch die beste Lösung ist. „Wir haben ja oft dieses ‚Denk einfach nur nicht an dein Problem, dann wird es schon nicht da sein‘ – und es stimmt offensichtlich nicht“, sagt sie. „Denke genau an dein Problem, und es löst sich schneller – ist die Antwort, die wir aus diesem Paper lesen können.“

Die Studie, die jetzt im Fachjournal Nature Human Behaviour erschienen ist, sagt nicht aus, dass man Entzündungen „wegdenken“ könnte. Aber sie legt nahe: Aufmerksamkeit beeinflusst nicht nur, was wir spüren. Sie könnte auch mitbestimmen, wie unser Körper auf kleine Entzündungen reagiert, zumindest in solchen akuten Hautmodellen, wie sie hier untersucht wurden.

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