Angriffe auf Stahlwerke oder Schiffe mit Getreide – Russland nutzt seine Luftüberlegenheit, um die ukrainische Wirtschaft zu zerstören. Hauptproblem der Ukraine: Die Abhängigkeit vom US-Luftabwehrsystem „Patriot“.
Russland terrorisiert die Menschen in der Ukraine systematisch mit Drohnen und Raketen. Beinahe täglich gibt es Todesopfer. Gleichzeitig zerstört es auch immer effektiver die Wirtschaft des Nachbarlandes. Beobachter schlagen Alarm: Viele Unternehmen müssten schon bald mit erheblichen Einbußen rechnen.
Der Ökonom Andrij Dlihatsch, der einen Zusammenschluss von Unternehmerverbänden berät, nennt erschreckende Zahlen. Seine Analyse zeigt, für jedes Unternehmen bestehe in den kommenden zwölf Monaten eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent, getroffen zu werden. „Wir beziehen in die Berechnung ein, wie viele ballistische Raketen Russland herstellt und dass wir sie nicht abfangen können“, so Dlihatsch gegenüber der ARD.
Bisher gilt nur das „Patriot“-System als effektiv
Der ukrainische Militärgeheimdienst GUR geht davon aus, dass Russland monatlich mindestens 60 ballistische Raketen produziert. Die Ukraine ist diesen Angriffen derzeit weitgehend schutzlos ausgeliefert. Schon im Juli konnte sie nach eigenen Angaben nur jede siebte ballistische Rakete abfangen. Inzwischen hat die Armee aufgehört, die Abfang-Statistik zu veröffentlichen. Beobachter meinen, dies diene dazu, das Ausmaß der Hilflosigkeit nicht offensichtlich werden zu lassen.
Die Lage ist deshalb so bedrohlich, weil sich in der Ukraine bisher nur das US-System „Patriot“ als effektiv erwiesen hat, um ballistische Raketen abzufangen. Die Ukraine verfügt inzwischen über eine Reihe von Anlagen des Systems. Aber sie kann in diesem Jahr deutlich weniger Abfangraketen dafür kaufen.
Laut Präsident Wolodymyr Selenskyj werden es bis Jahresende 264 sein, darunter auch solche von der weniger effektiven Variante PAC-2. Im vergangenen Jahr seien es noch 364 Abfangraketen gewesen. Bei einer Zusammenkunft der Ukraine-Unterstützerländer am Montag bekam die Ukraine zwar neue Zusagen, aber nur über „ein paar“ Raketen, wie Selenskyj sich ausdrückte.
Nullwachstum oder sogar ein Schrumpfen wahrscheinlich
Dies habe die Ukraine bereits empfindlich gespürt, so der Ökonom Dlihatsch. In diesem Jahr hätten weitreichende russische Waffen bereits etwa doppelt so viel Schaden in der Wirtschaft angerichtet wie in den gesamten knapp vier Kriegsjahren zuvor. Nicht berücksichtigt bei dieser Zahl seien die Schäden, die durch Kampfhandlungen in Frontnähe entstünden. Dort seien fast alle Unternehmen weitgehend zerstört.
Andere Beobachter sehen die Lage ähnlich dramatisch. Die britische Wirtschaftszeitschrift The Economist titelt: „Russische Angriffe fügen der ukrainischen Wirtschaft großen Schaden zu“. Expertinnen und Experten korrigieren ihre Wachstumsprognosen für die Ukraine nach unten. Die Regierung selbst geht nur noch von 1,4 Prozent aus, Experten halten ein Nullwachstum für wahrscheinlicher und ein Schrumpfen für möglich.
Direkte Angriffe auf Schiffe
Russland greift dabei die ukrainischen Schlüsselindustrien an – auch die Stahlproduktion. Im August beschädigten Raketen Hochöfen in Saporischschja und Krywyj Rih, berichten Medien.
Vor allem aber die Angriffe am Schwarzen Meer seit Juli seien schmerzhaft, sagte Olena Bilan, Chefökonomin des Investmentfonds Dragon Capital in einem Podcast. Während Russland die Hafeninfrastruktur seit langem regelmäßig beschieße, seien die direkten Angriffe auf Schiffe neu. Deshalb liefen fast keine Schiffe mehr die Häfen im Großraum Odessa an, so Bilan.
„Das wird sich stark auf die Wirtschaft auswirken“, so die Expertin. Denn 90 Prozent des landwirtschaftlichen Exports liefen über Schwarzmeerhäfen, 60 Prozent des Stahlexports und die Hälfte des Exports von Erz. Der Export lasse sich nur teilweise umlenken, so Bilan.
Experte fordert staatliche Maßnahmen
Vor allem für die Landwirtschaft droht eine Katastrophe. Nach Schätzungen möchte die Ukraine in diesem Jahr noch mehr als 50 Millionen Tonnen Getreide ausführen. Sie könnte einen Teil davon einlagern, aber Russland greife auch die Silos an, so der Ökonom Dlihatsch.
Nach Ansicht von Dlihatsch müsse der Staat nun zumindest das tun, was möglich ist – aus seiner Sicht günstige Kredite für Unternehmen fördern. Mit ihrer Hilfe könnten Unternehmen Produktion und Logistik in westlichen Regionen wieder aufbauen, in kleinere Einheiten aufteilen oder sogar unter die Erde verlegen. Dass sie mit Extremsituationen umgehen können, hätten die ukrainischen Unternehmer bewiesen. Allerdings seien auch sie durch den langen Krieg erschöpft, sagt Dlihatsch.

