Bei Dürre und Hitze kann Löschwasser knapp werden. Fachleute fordern für die Waldbrandbekämpfung deshalb neue wassersparende Methoden, bessere Ausrüstung und schnellere Unterstützung aus der Luft.
Jeder Liter zählt. Mitte August riefen die Kreiswerke Main-Kinzig die Bevölkerung dazu auf, möglichst wenig Wasser zu verbrauchen. Die Reserven wurden für die Bekämpfung eines Waldbrands im hessisch-bayerischen Grenzgebiet benötigt.
Ganz ohne Wasser wird die Waldbrandbekämpfung auch künftig nicht auskommen. Fachleute fordern jedoch, Löschwasser gezielter und sparsamer einzusetzen. Und es gibt bereits bewährte Methoden.
Für den aus Kalifornien stammenden Waldbrandexperten und Feuerwehrmann Lindon Pronto zeigt der Fall in Main-Kinzig, dass Deutschland seine Methoden überdenken muss. „Das tut mir wirklich weh, dass die Bürger auf persönliche Hygiene verzichten sollen, weil wir nicht genug Löschwasser haben. Und dann sehe ich, wie teils Kilometer entfernt von akuten Brandherden die Landschaft einfach vorsorglich bewässert wird. In die Richtung dürfen wir nicht weitergehen.“
Warum Löschwasser für Waldbrände knapp wird
Die Zeit drängt. „Was jetzt alle begreifen müssen, ist, dass sich die Lage in den letzten Jahrzehnten verändert hat“, erklärt Ulrich Cimolino, Experte für Vegetationsbrände und Leiter des Arbeitskreises Waldbrand im Deutschen Feuerwehrverband. Wasserknappheit sei nicht mehr ein Problem nur in besonders trockenen Regionen wie etwa Mitteldeutschland. Auch der Westen und Süden seien zunehmend betroffen.
Ein Trend, der sich fortsetzen dürfte: Laut aktuellen Studien soll durch den menschengemachten Klimawandel nicht nur die Zahl der Waldbrände zunehmen. Auch sorgt die Klimaveränderung für mehr Dürren und Trockenheit – und damit für akute Löschwasserknappheit.
Brände und Glutnester ohne Wasser ersticken
Feuerwehrmann Pronto, der in Kalifornien viel Erfahrung mit Waldbrandbekämpfung in trockenen Gebieten sammeln konnte, hält nicht nur die bisherigen Methoden zur Eindämmung von Waldbränden für problematisch. Statt das Umland zu befeuchten, damit sich Brände nicht ausbreiten, solle man mehr mit schützenden Schneisen arbeiten.
Ebenso müsse Deutschland bei der Nachbrandbekämpfung umdenken, also nach Abschluss der eigentlichen Löscharbeiten. Glutnester könnten beispielsweise in feuchter, sandiger oder mineralreicher Erde vergraben und dadurch erstickt werden, statt sie mit Wasser abzulöschen. Allerdings seien Feuerwehren dafür in Deutschland kaum ausgebildet, so Pronto.
Nachholbedarf bei Ausbildung und Ausrüstung
Einen großen Nachholbedarf in Sachen Ausbildung und Ausrüstung bei deutschen Brandbekämpfern sieht auch Ulrich Cimolino. Zwar gebe es in Deutschland ein flächendeckendes Netz aus leistungsfähigen Feuerwehren, doch häufig mangele es an geeigneter Ausrüstung wie beispielsweise Schutzkleidung.
Oft müssen Feuerwehrleute in Schutzanzügen arbeiten, die eigentlich für die Brandbekämpfung in Gebäuden entwickelt wurden und die laut Cimolino für das Arbeiten bei hohen Temperaturen im Freien völlig ungeeignet sind.
Auch sollten ihm zufolge bei der eigentlichen Brandbekämpfung zukünftig sogenannte D-Schläuche eingesetzt werden. Die wassersparenden Schläuche haben einen geringeren Durchmesser als herkömmliche Feuerwehrschläuche und können die einzelnen Brandherde zielgenau bekämpfen. Der Deutsche Feuerwehrverband bemühe sich bereits jetzt intensiv um Aus- und Fortbildungen der Einsatzkräfte auch in Sachen wasserreduzierter Brandbekämpfung.
Wasser aus der Luft: Bei Waldbränden zählt jede Minute
Besonders wichtig bei der Waldbrandbekämpfung ist der möglichst frühe Einsatz von Löschhubschraubern und Flugzeugen. Sie können einen Brand rasch eindämmen, bevor er sich zu einem Großfeuer entwickelt. Doch genau hier sorgen laut Ulrich Cimolino oft umständliche und lange Anforderungswege für unnötige Verzögerungen.
So müsse der Einsatz etwa von Polizeihubschraubern zur Waldbrandbekämpfung in vielen Bundesländern erst geprüft und genehmigt werden. Auch sind Hubschrauber nicht immer gleich verfügbar und müssen vor dem Einsatz umgerüstet werden. Oft sind deshalb die extrem wichtigen Brandbekämpfer aus der Luft erst Stunden später am Einsatzort.
Im Harz gibt es das erste Feuerwehr-Löschflugzeug
Dieses Problem hat der Landkreis Harz nach einem Großbrand auf dem Brocken im Jahr 2022 auf eigene Faust gelöst. Er verfügt als einziger in den Sommermonaten über ein eigenes Löschflugzeug – die „Hexe“. Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse ist stolz auf diesen in Deutschland bislang einzigartigen Vorstoß: „Unser System lebt davon, dass wir, wenn wir das Feuer erkannt haben, möglichst schnell handeln und das entsprechend eindämmen.“
Rund 260.000 Euro kostet der Flieger pro Saison. Er wird von einem polnischen Unternehmen betrieben, das auch die Piloten stellt. Doch die Rechnung für Löschhubschrauber und Flugzeuge kann bei einem großen Waldbrand schnell in die Millionen gehen. Gerade in den oft schwer zugänglichen Gebirgsregionen im Harz ist die „Hexe“ für Kai-Uwe Lohse eine Art Brandschutzversicherung: Sie kann nach dem Auslösen des Alarms schon nach 20 Minuten vor Ort mit der Waldbrandbekämpfung beginnen.
Brandhemmer sparen große Mengen Löschwasser
Das eigene Löschflugzeug ist nicht der einzige neue Weg zur Waldbrandbekämpfung, den die Harzer Feuerwehrleute gehen. Sie mischen dem Löschwasser auch ein sogenanntes Retardant hinzu, einen nach Herstellerangaben biologisch abbaubaren Brandhemmer.
Er bildet auch nach dem Abtrocknen des Wassers eine Art Schutzschicht, die die Ausbreitung des Feuers unterdrückt. Im trockenen Süden Europas ist der Einsatz solcher Mittel schon seit Jahrzehnten Standard. Laut Ulrich Cimolino steht eine Verwendung in Deutschland allerdings noch ganz am Anfang.
Warum man im Harz weiter auf die „Hexe“ setzt
Für Kai-Uwe Lohse ist die „Hexe“ ein voller Erfolg. Seit ihrer Beschaffung gab es im Harz keinen großen und lang andauernden Brand wie den im Jahr 2022 mehr. Sein Resümee nach vier Jahren „Hexeneinsatz“: „Wenn man da vernünftig und schnell draufhaut von oben, dann kann man es zumindest beherrschbar halten. Alles andere hat sich ja, wenn man die Berichte liest, in Deutschland nicht bewährt.“
Wasser gezielter einsetzen, Brände möglichst früh eindämmen und Luftunterstützung schneller verfügbar machen: Nach Einschätzung der Fachleute muss sich die Waldbrandbekämpfung stärker auf trockene Sommer in einem immer heißer werdenden Deutschland einstellen.
