Punkte, Spiegel, leuchtende Farben: Yayoi Kusama schuf eine unverwechselbare Welt. Die Kunst half ihr, mit psychischen Krisen umzugehen. Spät wurde sie zum Weltstar. Nun ist sie mit 97 Jahren gestorben.
Das Markenzeichen von Yayoi Kusama selbst: eine knallrote Perücke. Noch unverwechselbarer: ihre Kunst.
„Der Mond ist ein Punkt, die Sonne ist ein Punkt“, sagte die japanische Künstlerin einmal. Wahrscheinlich bestehe auch das Universum aus Punkten. „Inmitten all dessen habe ich versucht, meiner eigenen Existenz auf den Grund zu gehen.“ Seit ihrer Kindheit seien Punkte und unendliche Wellen die zentralen Themen ihrer Kunst gewesen.
Pünktchenmuster, Netze, Spiralen, grelle Farben, verspiegelte Räume – das war die Welt von Yayoi Kusama.
„Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht zeichne“
Die Kunst war für sie eine Überlebensstrategie. Schon als Kind litt sie unter Depressionen und Halluzinationen. „Ich wachte eines Morgens auf und sah, dass das Fenster mit einem Netz überzogen war“, erinnerte sie sich. Als sie zum Fenster gegangen sei und es berührt habe, sei das Netz auf sie übergesprungen und habe ihren ganzen Körper bedeckt.
Diese Episoden hingen auch mit Zerwürfnissen in ihrem Elternhaus zusammen, erzählte Kusama in ihrer Autobiografie. Ihre Mutter schickte sie los, um ihren Vater, einen Frauenheld, auszuspionieren. Den Zorn ließ die Mutter an ihrer Tochter aus. Sie versuchte, sie am Malen zu hindern. Aber Yayoi machte weiter.
Schon als Kind habe sie angefangen zu zeichnen, sagte Kusama später. Und dabei blieb es: „Auch heute noch vergeht kein Tag, an dem ich nicht zeichne.“
Yayoi Kusama posiert in der Tate Modern in London vor ihrem Gemälde „Love Arrives at the Earth Carrying with it a Tale of the Cosmos“.
Die Kunst rettete ihr Leben
In den vergangenen 50 Jahren lebte die Japanerin freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio. In einem Interview sagte sie, dass ihr das ermöglicht habe, jeden Tag weiter Kunst zu machen. Das habe ihr Leben gerettet. Ihr Atelier lag direkt gegenüber der Psychiatrie.
„Ich werde kämpfen, bis ich sterbe“, sagte Kusama über ihre Kunst. Auch nach ihrem Tod sollten die Menschen den Sinn ihrer Werke sowie ihre Hoffnung und ihre Leidenschaft für die Kunst verstehen können.
Von der Außenseiterin zum Popstar der Kunst
Der weltweite Durchbruch gelang ihr erst spät, in hohem Alter. Lange Zeit sei Kusama nicht anerkannt worden, erklärt der japanische Kunstkritiker Fumio Nanjo. Doch nach und nach habe sich die Einschätzung verändert. „Vielmehr holten die Zeit und die Gesellschaft ihre Kunst erst im Nachhinein ein.“ Dadurch sei es möglich geworden, das zu interpretieren, worüber man zuvor nur gesagt habe: „Was soll das denn?“
Im Zeitalter von Instagram und Co. gingen Kusamas leuchtende, psychedelische Installationen und Malereien viral. Auch bei jungen Menschen waren ihre Werke plötzlich angesagt. Besonders ihre verspiegelten Räume wurden zu begehrten Fotomotiven.
Kusama sei in ihrer Altersgruppe und auch bei Jüngeren ein „Hype-Ding“, sagte eine junge Besucherin einer Ausstellung. Besonders auf TikTok seien ihre Arbeiten sehr präsent, ihre Räume würden zu Orten für Selfies und Fotos. Eine andere Besucherin beschrieb den Reiz so: „Du bist einfach von der Kunst umgeben, als nur so ein Bild einfach anzugucken.“ Das mache etwas anderes mit einem.
Besucher gehen im Museum Ludwig in Köln durch die Installation „Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe“ von Yayoi Kusama.
Kusama-Austellung bringt Besucherrekord
Kusama kooperierte mit Modemarken wie Louis Vuitton, brachte Kollektionen mit Veuve Clicquot heraus. Ihr teuerstes Werk wurde für mehr als zehn Millionen US-Dollar verkauft. Ihre Ausstellung kürzlich in Köln bescherte dem Museum Ludwig einen Besucherrekord.
Kusama könne man durchaus „in eine Kategorie wie Taylor Swift packen“, sagte Stephanie Kleine-Klausing, Geschäftsführerin von Köln Tourismus – wenn auch in einem anderen Kontext. Mehr als 450.000 Tickets seien verkauft worden, die Ausstellung sei seit Langem ausverkauft gewesen. Kusama habe mit ihrer Kunst „einen großen Erfolg für Köln hinterlassen“.
Gemalt bis in ihrer letzten Tage
Kusamas Kunst bleibt. Die Erinnerungen an ihre knallrote Perücke und ihr Markenzeichen auch: Punkte.
Sie habe bis in ihre letzten Tage hinein gemalt, teilte ihr Unternehmen in Tokio mit. Kusama habe „ihren Pinsel nie beiseite“ gelegt und unbeirrt an ihrer lebenslangen Überzeugung festgehalten, dass Liebe die Welt retten könne.
Man wolle Kusamas Wünsche weiterführen und den Menschen auf der ganzen Welt durch die Kunst auch künftig „Hoffnung und Kraft für die Zukunft schenken“.
Yayoi Kusama starb im Alter von 97 Jahren an multiplem Organversagen in Tokio.

