Mehr Haarwachstum und weniger Haarausfall – das versprechen Koffein-Shampoos. Doch was ist dran an den Versprechen? Experten stehen dem Trend skeptisch gegenüber und erklären, warum.
In Drogeriemärkten und Apotheken boomt das Geschäft mit Koffein-Shampoos, die das Haarwachstum ankurbeln und Haarausfall stoppen sollen. Die Versprechen der Kosmetikindustrie klingen verlockend. Doch was taugt der Koffein-Kick aus der Tube tatsächlich?
In der medizinischen Fachwelt werden Koffein-Shampoos eher skeptisch gesehen. Unabhängige Dermatologen warnen vor falschen Hoffnungen und betonen, dass Verbraucher oft viel Geld für eine Wirkung bezahlen, die wissenschaftlich kaum haltbar ist.
Millionen-Umsätze: Der globale Hype in Zahlen
Wie gigantisch der Markt für die vermeintlichen „Haar-Wachmacher“ inzwischen geworden ist, zeigen aktuelle Geschäftszahlen der Bielefelder Dr. Wolff Group, die unter anderem die Marken Alpecin und Plantur vertreibt. Die Nachfrage nach den Produkten ist über die Jahre regelrecht explodiert. Während die Marke Alpecin im Jahr 2005 noch einen weltweiten Umsatz von 26,3 Millionen Euro verzeichnete, lag der Umsatz im vergangenen Jahr bereits bei rund 115 Millionen Euro.
Einen vergleichbaren Erfolg gibt es bei Produkten für Frauen: Die Marke Plantur, die Ende 2005 mit einem „Coffein-Phyto-Complex“ für Frauen in den Wechseljahren eingeführt wurde, übertraf laut Unternehmensangaben von Beginn an alle Erwartungen und führte nach dem Start von TV-Kampagnen sogar zu kurzzeitigen Lieferschwierigkeiten. Heute setzt die Marke weltweit 71,8 Millionen Euro im Jahr um. Die Hersteller sprechen von einem der weltweit besten „Vorbeugekonzepte gegen Haarausfall“.
Studien von Unternehmen selbst finanziert
Doch am tatsächlichen Effekt von Koffein-Shampoos gibt es aus wissenschaftlicher Sicht Zweifel, denn die Datenlage ist dünn. Zwar werben die Hersteller offensiv mit ihren Laborergebnissen, doch diese halten einer unabhängigen Überprüfung meist nicht stand. „Bezüglich der Koffein-Shampoos ist einfach das Problem, dass es keine richtige unabhängige Studie gibt“, erklärt der Münchener Dermatologe Dr. Christoph Liebich. Er betont: „Alle Studien, die bisher (…) eine Wirksamkeit zeigen, sind (…) von den Herstellern selbst finanziert. Und sonst ist eigentlich in vergleichbaren Studien minimal bis gar keine Wirkung nachgewiesen.“
In Laborversuchen schwimmen isolierte Haarfollikel oft stundenlang in einer hochkonzentrierten Koffein-Nährlösung. Beim täglichen Duschen hingegen bleibt das Shampoo in der Regel nur kurz auf der Kopfhaut – zu kurz, als dass der Wirkstoff in nennenswerten Mengen bis tief an die Wurzel vordringen könnte.
Shampoos bekämpfen nicht die Ursache für Haarausfall
Ein weiteres Kernproblem der kosmetischen Behandlung: Ein Shampoo bekämpft höchstens ein unspezifisches Symptom, nicht aber die Ursache. Die Dermatologin Prof. Natalie Garcia-Bartels betont die Komplexität: „Haarausfall kann sehr viele Ursachen haben. Das reicht von Nebenwirkungen von Medikamenten über das Symptom bei inneren Erkrankungen bis hin zu Mangelzuständen oder auch verschiedenen genetischen Ursachen.“ Wer ohne Diagnose zum Koffein-Produkt greife, so die Professorin, riskiere eine ernsthafte Grunderkrankung zu übersehen.
Die Bandbreite der Auslöser erfordere differenzierte Blickwinkel, mahnt die Expertin. Unter hormonelle Faktoren fällt etwa die androgenetische Alopezie. Haarwurzeln reagieren überempfindlich auf das Hormon Dihydrotestosteron DHT. Ein kosmetisches Shampoo kann diesen hormonellen Prozess im Körper nicht stoppen.
Mangelerscheinungen, wie etwa ein akuter Eisenmangel oder ein Defizit an Vitaminen, führen häufig zu diffusem Haarausfall. Hier hilft nur eine gezielte Supplementierung, betont Garcia-Bartels. Organische Erkrankungen, wie Fehlfunktionen der Schilddrüse oder Autoimmunerkrankungen, greifen oft direkt den Haarzyklus an. Und eine weitere mögliche Ursache: Viele gängige Arzneimittel, etwa Betablocker gegen Bluthochdruck, haben Haarausfall als nachgewiesene Nebenwirkung.
„Daher ist es wichtig, in erster Linie die Ursache zu klären, um dann ganz gezielt eine Therapie dagegen zu entwickeln“, erklärt Garcia-Bartels.
Alternativen aus der Apotheke
Wenn es um die medizinische Behandlung von erblich bedingtem Haarausfall (androgenetische Alopezie) geht, setzen Dermatologen auf klinisch erprobte Arzneistoffe.
Als wissenschaftlich am besten untersucht gelten die Wirkstoffe Minoxidil und Finasterid. Beide Präparate können den Haarausfall nachweislich stoppen und bestehendes Haar stärken, müssen dafür allerdings dauerhaft angewendet werden. Und sie können, je nach Wirkstoff, Nebenwirkungen wie Juckreiz, Ausschlag oder Libidoverlust haben.
Stress und UV-Licht als Beschleuniger
Neben Genetik und inneren Erkrankungen spielen auch äußere Belastungen eine oft unterschätzte Rolle für die Vitalität der Haare. Wer unter permanentem Druck steht oder seine Kopfhaut ungeschützt Umwelteinflüssen aussetzt, schadet den Haarwurzeln.
„Stresssituationen sind immer schlecht, nicht nur für den Körper, sondern auch für das Haar. Haarausfall kann damit beschleunigt werden. Auch UV-Strahlung sollte man nicht direkt auf die Haare bekommen, weil damit der Haarausfall (…) beschleunigt wird“, sagt der Dermatologe Christoph Liebig. Gegen diese Stressfaktoren hilft kein Shampoo – hier sind Sonnenschutz und Stressreduzierung wichtig.
Wann Haartransplantationen sinnvoll sind
Wenn der Haarausfall fortgeschritten und die Haarwurzeln verkümmert sind, kann sie kein Wirkstoff wiederbeleben. Aus diesem Grund boomt seit Jahren ein ganz anderer Trend: die Haartransplantation. Dabei werden körpereigene, kräftige Haarwurzeln vom Hinterkopf gelöst und an den kahlen Stellen wieder eingepflanzt. Der chirurgische Eingriff hat jedoch seinen Preis: In Deutschland müssen Patienten mehrere tausend Euro bezahlen.
Dieser Kostenfaktor hat zu einer Art Medizintourismus geführt. Länder wie die Türkei haben sich auf Haartransplantationen spezialisiert und bieten die Eingriffe oft deutlich günstiger an. Dennoch raten Experten zur Vorsicht: Vorab sollten hygienische Standards und die Qualifikation der Ärzte gründlich geprüft werden.
