Porträt
Kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt führt die AfD die Umfragen klar an. CDU-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Schulze versucht, dagegenzuhalten – vor allem mit seinem Image: bodenständig und nahbar.
Seit Januar 2026 ist Sven Schulze (CDU) der jüngste Ministerpräsident Deutschlands. Der 47-Jährige aus dem Harzrand-Dorf Heteborn soll am 6. September gegen die stärkste AfD-Fraktion in einem deutschen Landtag bestehen. Keine acht Monate hat er Zeit gehabt, um sich als Ministerpräsident zu bewähren.
Sven Schulzes Weg in die Politik ist ein Lehrstück in Parteikarriere: Junge Union, Gemeinderat, Kreistag, Landesvorsitz der Jungen Union, 2014 der Sprung ins Europaparlament. 2021 holt Reiner Haseloff den studierten Wirtschaftsingenieur zurück nach Magdeburg und baut ihm ein Superministerium aus Wirtschaft, Landwirtschaft, Tourismus und Forsten – im selben Jahr übernimmt Schulze auch den CDU-Landesvorsitz.
Was er in fast drei Jahrzehnten Parteiarbeit aufgebaut hat, ist ein Netzwerk. 5.000 Telefonnummern von Brüssel über Berlin bis in die Dörfer des Landes seien ihm zehnmal wichtiger als eine halbe Million Follower, sagte Schulze bei der Amtsübernahme.
Mittlerweile setzt aber auch er auf die Sozialen Medien, weil der Wahlkampf dort stattfindet. Denn was ihm noch fehlt: Bekanntheit. Ein Vierteljahr vor der Wahl kannte ihn nicht einmal die Hälfte der Sachsen-Anhalter. Haseloff kennen 94 Prozent. Jetzt holt Schulze auf – mit Terminen vor Ort und einer Stimme in und manchmal gegen Berlin.
Mit Hallervorden auf Wahlkampftour
Schulze muss sich emanzipieren. Von Berlin, das ihm nicht immer wohlgesonnen ist und immer wieder Probleme vor die Tür legt, die im eigenen Land gar nicht zu lösen sind, und von der AfD, die ihn treibt und die Themen allein durch ihre Präsenz in den Sozialen Medien setzt.
Und Schulze versucht den Befreiungsschlag – mit ungewöhnlichen Mitteln: Der Kabarettist und Schauspieler Dieter Hallervorden wird zum Wahlhelfer der CDU. Zum Unmut der Bundespartei und einiger Westverbände, weil der 90-Jährige, gebürtige Dessauer, in seinem Programm auch Bundeskanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius als „Kriegsminister“ scharf kritisierte.
Schulze sieht es als Eintreten für die Kunst und Meinungsfreiheit, während außerhalb von Sachsen-Anhalt die Partei auf Distanz geht.
Befreiungsschlag ist nötig
Der Befreiungsschlag ist jedoch nötig. Die Themen des Bundes, gerade nach der Reform der Rente und des Gesundheitswesens, treffen in Sachsen-Anhalt nicht auf Gegenliebe. Schulze kämpft zusammen mit den mitteldeutschen Ministerpräsidenten gegen die geplante Rentenreform, gerade weil er um den demografischen Schnitt seines Landes von 48,3 Jahren weiß. Die Kernwählerschaft der CDU ist älter und verzeiht der Partei weitere Einschnitte nicht.
Nicht zuletzt deswegen sehen sich die Wahlkämpfer im Land bestärkt, den Wahlkampf aus eigener Kraft zu bestreiten. Kommt politische Prominenz, dann ist es eher Markus Söder zu einem Wirtschaftsdialog in den Harz als Friedrich Merz auf einem Marktplatz. Letzterer wird Sachsen-Anhalt auch besuchen, aber dann zu sehr ausgewählten Terminen, am Rande des Wahlkampfes.
Die Spitzenkandidaten der anderen Parteien
Ein Kind der Wende
Schulze ist kein geschliffener Verkäufertyp wie sein Herausforderer aus dem AfD-Lager, eher bodenständig. Die Wende erlebte er als Zehnjähriger – mit Westfernsehen, heimlich unterm Dach, anschließend Ärger in der Schule, weil er davon erzählte. Die erste Westreise nach Schöppenstedt, für 100 Westmark Begrüßungsgeld, inklusive Besuch im Spielzeugladen. Weil die Mutter als Lehrerin in Aschersleben arbeitete, musste auch der Sohn dort zur Schule gehen.
Und Schulze kennt das typische Landleben: „Meine Großeltern, die hatten immer Schweine. Die musste ich jeden Tag ausmisten“, sagte er im Frühjahr am Theater Magdeburg. Direkt nach der Wende wollten er und seine Freunde einen Fußballklub gründen. Die Älteren sagten: unmöglich, viel zu wenige Einwohner im 350-Seelen-Dorf. Sie gründeten trotzdem eine Großfeldmannschaft – der Bürgermeister war so beeindruckt, dass er den Teenager fragte, ob er nicht in den Gemeinderat wolle. Mit 19 Jahren saß Schulze drin, für die CDU.
Vom Rasenmäher zum EU-Abgeordneten
Schulze entschied sich für den Zivildienst auf dem Bauhof im benachbarten Hedersleben. „Montags die Müllkübel im ganzen Dorf leeren, freitags den Rasen auf dem Sportplatz mähen.“ Damit begründet er auch seine Forderung, dass Menschen, die Leistungen vom Staat bekommen, dafür etwas zurückgeben sollen, sagte er gegenüber mdr Sachsen-Anhalt mit Blick auf die Diskussion ums Bürgergeld.
Nach dem Abitur studierte er Wirtschaftsingenieurwesen in Clausthal-Zellerfeld und arbeitete sieben Jahre als Ingenieur und Vertriebsleiter bei Maschinenbauunternehmen im Harz – klassischen Automobilzulieferern. Er verweist später immer wieder darauf: Erfahrung genau dort, wo heute die Probleme des Landes zu lösen sind.
2014 zog er ins Europaparlament ein. Oder besser: Er holte sich selbst hinein – gegen den alteingesessenen Mandatsträger. Als der ihm in der Kampfkandidatur mangelnde Erfahrung vorwarf, konterte Schulze: „Ich stehe mitten im Leben.“
Schulze sucht den Konflikt
Schon 2009 forderte Schulze als Chef der Jungen Union seine Partei heraus: Die CDU im Land solle ihr „wirtschaftsliberales und wertekonservatives Profil schärfen“. 2014 gehörte er zur Gruppe „CDU 2017“ um Jens Spahn, die Parteichefin Angela Merkel zu einer Kursänderung drängte. Sie forderten eine wirtschaftsfreundlichere „Agenda 2020“, Reformen und ein transparentes Einwanderungsgesetz.
Später wurde Schulze Generalsekretär der Landes-CDU und übernahm nach dem Rauswurf von Innenminister Holger Stahlknecht aus dem Kabinett Haseloff auch dessen Landesvorsitz – schon damals mit der Option im Blick, eines Tages auf Haseloffs Stuhl zu sitzen.
Familie, Kinder, Karriere
Der bekennende Fußballfan ist auch leidenschaftlicher Radfahrer; schon als Wirtschaftsminister bereiste er das Land auf Sommertouren und behauptet, jede Straße zu kennen. Er ist Vater von drei Kindern. Der älteste Sohn aus einer früheren Beziehung macht derzeit eine Ausbildung. Mit seiner Frau Kati hat er zwei weitere, schulpflichtige Kinder, die während der Brüsseler Zeit mit dabei waren und als Kleinkinder fließend Französisch sprachen.
Koalition: Klare Worte – mit einer Lücke
Politisch betont Schulze immer wieder seinen klaren Kompass – der ihn im September vor Herausforderungen stellen wird. Eine Koalition mit AfD und Linkspartei schließt er aus: „In meinem Kabinett wird kein Minister der AfD und keine Ministerin der Linkspartei sitzen.“
Seine Aussage bei Markus Lanz zur Ministerpräsidentenwahl sorgte für Kontroversen: „Ich bin ziemlich sicher, wenn es zu einer solchen Situation kommen würde, dass es aus der Mitte keine Mehrheit gibt, dann wird es wahrscheinlich über den längeren Zeitraum erstmal keine Wahl des Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt geben.“
Am 6. September treffen zunächst die Wähler ihre Entscheidung. Danach zeigt sich, wie hoch die Wählergunst für Schulze ist – und was er aus der Summe seiner Erfahrungen für das Land macht.
