John Ternus übernimmtApple macht Hardware-Mann zum Chef
Tim Cook machte Apple zur Geldmaschine. Nachfolger John Ternus muss nun zeigen, ob das alte Erfolgsrezept weiterhin funktioniert. Sein Fokus auf Hardware passt zu Apple – und könnte zugleich zum Problem werden.
Wenn Apple kommende Woche frische iPhones vorstellt, wird auch ein neuer Konzernchef seinen Einstand geben. John Ternus, mit 51 ein Jahr älter als Apple selbst, übernimmt am heutigen Dienstag den Spitzenjob. Er war bisher für Geräte zuständig. So ist es auch passend, dass zu seinen ersten Ankündigungen im neuen Job laut Medienberichten der Einstieg von Apple ins Geschäft mit faltbaren Smartphones gehören soll.
Ternus ist ein Mann für das Produkt, nicht für den Hype. Während Konkurrenten wie Microsoft und Google mit Künstlicher Intelligenz um sich werfen, bleibt der Nachfolger von Tim Cook auf dem Chefsessel von Apple ein pragmatischer Hardware-Purist. Seine Maxime lautet: Technologie ist nur ein Mittel, um gute Produkte zu schaffen. „Wir denken nie darüber nach, eine Technologie auf den Markt zu bringen“, sagte der 50-Jährige kürzlich in einem Interview. „Wir denken immer darüber nach, wie wir Technologie nutzen können, um fantastische Produkte zu liefern.“
Ternus gilt als kompetent, fokussiert und kreativer Problemlöser. Er ist ein Apple-Eigengewächs, das seit 25 Jahren im Unternehmen ist und intern hohes Ansehen genießt. Seine Philosophie erinnert an Gründer Steve Jobs: Das Kundenerlebnis steht über der reinen Technologie. Ternus wird als detailversessen und Perfektionist beschrieben. Er verantwortete bereits Erfolge wie das iPad und die AirPods. Seine größte Bewährungsprobe bestand er jedoch, als er die Umstellung der Mac-Computer von Intel-Chips auf Apples eigene Prozessoren leitete. Der Schritt beendete eine jahrelange Abhängigkeit und führte zu einem Leistungssprung, der die Verkäufe von Apple wieder ankurbelte.
Im Zusammenspiel mit der Software liegt ein zentrales Erfolgsrezept von Apple, das die Kunden zum Kauf immer neuer Geräte verleitet. Es ist eine Welt, die Ternus in den vergangenen zwei Jahrzehnten maßgeblich mit aufbaute. Im Silicon Valley freuen sich so einige, dass nach dem Lieferketten-Experten Cook nun wieder ein Hardware-Typ ans Ruder kommt.
„Völlig andere Herausforderung“
Sein Fokus auf das Produkt macht Ternus zu einem Bewahrer der Apple-Tradition in einer Zeit, in der der iPhone-Hersteller seinen Platz als wertvollstes Unternehmen der Welt an den Chip-Konzern Nvidia verloren hat. Die verspätete Einführung des überarbeiteten Sprachassistenten Siri und die Abhängigkeit von Google bei der zugrundeliegenden KI haben Analysten an der Strategie des Technologiekonzerns mit Sitz im kalifornischen Cupertino zweifeln lassen.
Nun muss er beweisen, dass er mit dieser produktzentrierten Strategie auch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz bestehen kann, in dem Konkurrenten wie Samsung und OpenAI ihre Chance wittern. „Die Frage ist, ob er den Appetit für die Art von mutigen, gelegentlich unbequemen Entscheidungen hat, die die Definition einer neuen Plattform erfordert“, sagte Francisco Jeronimo vom Analysehaus IDC. „Großartige Hardware zu bauen, ist ein klar definiertes Problem. Eine KI-Plattform aufzubauen, die Entwickler und Unternehmen wirklich annehmen, ist eine völlig andere Herausforderung.“
Ternus beerbt auf Apples Chefsessel Tim Cook, der den Posten vor ziemlich genau 15 Jahren vom todkranken Mitgründer Steve Jobs übernahm. Jobs ist die bestimmende Figur der Apple-Geschichte. In der Garage seiner Eltern lötete einst Mitgründer Steve Wozniak die Platinen der ersten Apple-Computer. Nach seiner Rückkehr ins Unternehmen entstanden unter Jobs‘ Regie der iPod-Player, das iPhone und das iPad. Cook wurde als Nachfolger der Tech-Legende zunächst skeptisch beäugt. In seinen Jahren an der Spitze wurde Apple aber – auch dank der Popularität der unter Ternus‘ Verantwortung entwickelten Geräte – zu einer beispiellosen Geldmaschine.
In der Cook-Ära stieg Apple ins Geschäft mit Smartwatches ein – und wurde aus dem Stand zur Nummer eins in dem Markt. Das gelang dem Konzern auch mit den AirPods-Ohrhörern. Die Daten-Brille Vision Pro wurde zwar nicht zum Verkaufsschlager – was auch dem Preis ab 3999 Euro geschuldet sein dürfte. Doch sie wird in Design und Medizin benutzt und kann eine Vorstufe zu leichten Brillen sein, die Nutzern Informationen in durchsichtige Gläser einblenden.
Bei der KI im Rückstand
Cook-Kritiker bemängeln gelegentlich, unter seiner Führung habe Apple kein derart revolutionäres neues Produkt wie einst das iPhone herausgebracht. Ein selbstfahrendes Elektroauto hätte vielleicht ein solcher großer Wurf sein können. Apple gab jedoch die Arbeit an der Technik zum autonomen Fahren nach Ausgaben von angeblich rund zehn Milliarden Dollar auf, unter anderem im Angesicht übermächtiger Konkurrenz der Google-Schwesterfirma Waymo.
Auf dem Chefposten wird sich Ternus allerdings der Frage stellen müssen, was Künstliche Intelligenz für das Apple-Geschäft bedeutet – und was die richtige KI-Strategie ist. Zum bisherigen Kalkül von Apple gehört die Annahme, dass Menschen weiterhin Geräte des Konzerns wie das iPhone und Mac-Computer nutzen werden, um auf Software mit Künstlicher Intelligenz zuzugreifen. Das Gegenargument lautet, für die neue Technik werde man radikal andere Geräte brauchen.
Im Zeitalter der KI hat Apple seinen Status als das Unternehmen verloren, das definiert, wie Verbraucher mit Geräten interagieren – ein Titel, den es 40 Jahre lang innehatte, vom Apple II bis zum iPhone. Das macht das Unternehmen anfällig für eine neue Generation von Geräten, die speziell für KI entwickelt wurden, an denen beispielsweise OpenAI und SpaceX arbeiten.
Das andere Problem, das über Ternus schwebt, ist Apples Abhängigkeit von China. Cook hat die Zölle von US-Präsident Donald Trump mit seinem geschickten politischen Taktieren größtenteils abgewehrt, und der langjährige Chef von Apple wird in seiner Rolle als Executive Chairman weiterhin die wichtigsten politischen Beziehungen pflegen. Das grundlegende Problem bleibt jedoch bestehen: Der Großteil der Lieferkette von Apple befindet sich in einem Land, das sich in einem Handelskrieg mit den USA befindet.
