Die USA verabschieden sich als Ordnungsmacht in Nahost. Um das Vakuum nicht anderen zu überlassen, haben die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan eine neue Allianz gegründet. Nun kam sie zum ersten Mal zusammen.
Das neue Bündnis hat jetzt einen offiziellen Namen: Die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan schließen sich zur „Mekka-Verteidigungsallianz“ zusammen, erklärte der türkische Außenminister Hakan Fidan am Montag in Istanbul.
In Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad soll ein Sekretariat entstehen, der erste Generalsekretär soll ein pakistanischer Vertreter werden. Was genau die drei Staaten in ihrem Abkommen, das die Staats- und Regierungschef Anfang August in Mekka unterzeichneten, vereinbart haben, ist aber nach wie vor nicht bekannt.
Mit einer Ausnahme: Pakistan, Saudi-Arabien und die Türkei wollen künftig einen Angriff auf einen der Vertragspartner als Angriff auf alle werten. Es ist eine Klausel, wie man sie aus der NATO kennt, wobei in beiden Fällen der Angriffsfall nicht direkt die Entsendung von Truppen durch die Vertragspartner bedeuten muss.
Das dürfte aber wohl die einzige Gemeinsamkeit der beiden Allianzen sein, meint Riccardo Gasco, Experte für türkische Außenpolitik am Istanbul Political Research Institute (IstanPol). Seiner Ansicht nach handelt es sich bei der Mekka-Verteidigungsallianz gar nicht um ein Bündnis, sondern um „eine Interessenausrichtung“. Es entstünde gerade nicht etwas, „das der NATO ähneln kann“.
Vorbeugen gegen neuen regionalen Hegemon
Zwar unterscheiden sich die Sicherheitsinteressen der drei Staaten im Detail, aber vor allem die Türkei und Saudi-Arabien teilen eine entscheidende Auffassung: Die USA sind nicht mehr die Ordnungsmacht im Nahen Osten.
Es soll kein Machtvakuum entstehen, in das ein möglicher neuer Hegemon wie Israel oder Iran stoßen könnte. Auch Saudi-Arabien ist im Iran-Krieg immer wieder Ziel iranischer Raketen und Drohnen. Die US-amerikanischen Basen im Land erscheinen immer weniger als Schutzschirm, sondern eher als Sicherheitsrisiko.
Die Türkei betrachtet das Vorgehen Israels in der Region, insbesondere in Syrien, als wachsende Bedrohung. Pakistan wiederum kann politische Rückendeckung gegenüber Indien brauchen sowie wirtschaftliche Unterstützung aus Saudi-Arabien.
NATO vs. Mekka?
Dass die Türkei durch die NATO bereits Teil eines Verteidigungsbündnisses ist, sei kein Widerspruch, so Außenminister Fidan. Es handele sich beim Mekka-Pakt um eine „Ergänzung zu diesen bestehenden Verpflichtungen und Strukturen“.
„Die NATO und der Mekka-Pakt dienen der Türkei für unterschiedliche Zwecke“, erklärt Experte Gasco. Die NATO bleibe für die Regierung in Ankara, die erst kürzlich ein Gipfeltreffen veranstaltet hat, die Basis der Verteidigung im euro-atlantischen Raum.
Das Bündnis sei aber „nicht wirklich dafür gemacht worden, jede Krise am Golf, am Roten Meer, am Horn von Afrika oder in Südasien zu managen“, so Gasco. „Der Mekka-Pakt gibt der Türkei deshalb ein flexibles Instrument, um direkt mit regionalen Partnern zusammenzuarbeiten.“
Trump zufrieden über Mekka-Pakt
Die NATO-Alliierten seien vorab von der Türkei über den Mekka-Pakt informiert worden, teilt ein Vertreter aus Brüssel auf ARD-Anfrage mit. Die Vereinbarung mit Saudi-Arabien und Pakistan ist über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren vorbereitet worden.
Die USA als wichtigster NATO-Partner der Türkei haben diesen Prozess wohlwollend begleitet. US-Präsident Donald Trump nannte den Mekka-Pakt einen „großen, kühnen und wichtigen ersten Schritt“. Er sei sehr glücklich, dass Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei „endlich“ unterzeichnet hätten.
Exportmarkt für türkische Rüstungsindustrie
Die Türkei bekommt mit der neuen Partnerschaft aber noch etwas: einen attraktiven Exportmarkt. Die türkische Rüstungsindustrie ist eine der am schnellsten wachsenden der Welt.
Laut der staatlichen Agentur für die Rüstungsindustrie (SSB) hat diese im vergangenen Jahr Güter im Wert von 10,05 Milliarden US-Dollar exportiert, 48 Prozent mehr als noch 2024. Exportschlager sind Drohnen der Firma Baykar.
Selçuk Bayraktar, Technik-Chef der Firma, spricht im ARD-Interview in Bezug auf den Mekka-Pakt selbstbewusst davon, dass „insbesondere der globale Anspruch, den unser Land in der Rüstungsindustrie entwickelt hat, auch solchen diplomatischen Bereichen den Weg öffnet“. Bereits jetzt verkauft Baykar Drohnen an Saudi-Arabien und produziert auch dort.
„90 Prozent unserer gesamten Einnahmen kommen aus dem Export. Hätten wir diese Technologie den befreundeten und brüderlichen Regionen nicht angeboten, hätten wir vielleicht nur ein Zehntel dessen erreichen können“, so Bayraktar. Auch Pakistan setzt bereits Baykar-Drohen ein und baut Kriegsschiffe nach türkischen Entwürfen.
Ziel: Erweiterung der Mekka-Allianz
Beim ersten Treffen des „Strategischen Politischen und Verteidigungsausschusses“ der Mekka-Allianz betonte der türkische Außenminister Fidan, das Bündnis sei schon mit dem Ziel gegründet worden, sich zu erweitern.
Es sei gegen keinen Staat gerichtet, es gehe darum, dass die Region selbst Verantwortung für ihre Probleme übernehme. Vorerst wollten die Vertragspartner aber zu dritt die „Gründungsphase abschließen“.
Beobachter gehen davon aus, dass die neue Allianz das Potential hat, die Sicherheitsarchitektur in der Region zu verändern, allerdings nicht zeitnah. Denn der Aufbau gemeinsamer Strukturen dürfte Jahre dauern.
