„Übermenschliche“ TechnologieKI erkennt Herzleiden innerhalb von Sekunden
Herzschwäche ist ein weitverbreitetes Problem. Ein britisches Forscherteam trainiert eine KI mit Millionen Herzkurven. Bis zu 90 Prozent der gefährdeten Patienten soll die Software anhand eines EKGs erkennen können.
Es ist eine der häufigsten Untersuchungen in der Medizin: das Elektrokardiogramm oder EKG. Es verrät, ob das Herz zu schnell, zu langsam oder genau im Takt schlägt. Um eine Herzschwäche oder undichte Herzklappen nachzuweisen, ist ein Ultraschall notwendig. Eine neue künstliche Intelligenz soll jedoch bereits am EKG erfolgreich Risikopatienten erkennen können – und das in gerade mal zwei Sekunden.
Ein britisches Team hat die Ergebnisse nun auf dem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München bekannt gegeben, wie der „Guardian“ berichtet. Das Modell wurde an Millionen EKG-Aufzeichnungen trainiert. In einer Untersuchung an 67.000 Patientinnen und Patienten in den USA erkannte die Software bis zu 81 Prozent der Menschen mit Herzschwäche und bis zu 90 Prozent derjenigen mit einer Herzklappenerkrankung.
Die Herzschwäche ist in Deutschland seit Jahren eine der häufigsten Einzeldiagnosen in Krankenhäusern. Allein 2023 starben hierzulande 37.645 Menschen an Herzinsuffizienz und 22.899 an Herzklappenerkrankungen.
Besonders dringende Fälle finden
Allerdings soll die KI den Ultraschall nicht ersetzen, sondern Ärzten lediglich Hinweise geben. Wer als Hochrisiko-Patient markiert wird, könnte sofort zum Echokardiogramm geschickt werden. Die von den Forschern in München vorgestellten Ergebnisse sind bislang nicht in einem begutachteten Fachjournal erschienen. Die Vorarbeiten derselben Gruppe zum Thema allerdings bereits im „European Heart Journal“ publiziert-
Hinter der Software steht eine Arbeitsgruppe am National Heart and Lung Institute des Imperial College London. Kardiologe Arunashis Sau beschrieb den Ansatz so: „Wir haben uns die EKGs angesehen, um herauszufinden, ob wir Dinge tun können, die übermenschlich sind, die kein Kardiologe leisten kann, egal wie erfahren.“
Fu Siong Ng, Professor für Kardiologie am Imperial College, sieht den praktischen Nutzen vor allem in der Priorisierung: Patienten warteten nach der Überweisung oft mehrere Monate auf einen Herzultraschall, sagte er dem „Guardian“. Die Technik könne jene herausfiltern, die besonders dringend untersucht werden sollten.
Krankheiten erkennen, nach denen keiner gesucht hat
Weil EKGs zudem aus allen möglichen Gründen erstellt werden, wie etwa wegen Brustschmerzen, bei Routinekontrollen oder zur Vorbereitung auf eine Operation, ließe sich die Software im Hintergrund über sämtliche EKG-Aufzeichnungen eines Krankenhauses laufen lassen. Ng spricht von der Möglichkeit, Herzschwäche und Klappenerkrankungen „opportunistisch“ bei Menschen zu diagnostizieren, bei denen niemand danach gesucht hat.
Und aus den Herzkurven eines EKGs kann mittels verschiedener KI-Modelle noch mehr herausgelesen werden: Bei Herzerkrankungen lag die Trefferquote zwischen 83 und 93 Prozent, bei anderen Erkrankungen wie Diabetes und Nierenleiden immerhin noch 70 bis 80 Prozent. Das Team hat seine Technologie inzwischen in das Unternehmen Cardiovolt.ai ausgegründet.
