„Ich hab gerade etwas auf TikTok gesehen, wofür ich wahrscheinlich in die Irrenanstalt kommen könnte. Ich sage nicht, dass es so ist. Schaut es euch selbst an und entscheidet, was ihr davon haltet.“ Mit Sätzen wie diesem beginnen derzeit Videos, die auf Facebook, TikTok und anderen Plattformen weitergereicht werden. Dann wird das Smartphone in Richtung Sonne gehalten, im Bild erscheint ein grüner oder türkisfarbener Lichtpunkt, und wer hineinzoomt, sieht darin eine regelmäßige Struktur aus einzelnen Punkten. Waben, sagen die Videos. Und dann kommen die Fragen: Warum hat die Sonne plötzlich eine Struktur? Warum sieht das aus wie eine Anordnung von LEDs? Warum passiert das bei einer Kerze nicht? Und könnte das mit einer „künstlichen Sonne“ zusammenhängen, für die es angeblich sogar ein Patent gibt?
Die Bilder sind echt, das Patent auch. Die Antwort auf die Kernfrage lautet trotzdem: Nein. Der grüne Punkt sagt nichts über die Sonne aus, er entsteht in der Kamera. Es handelt sich um ein bekanntes optisches Artefakt digitaler Kameras, und auch regelmäßige Strukturen darin sind technisch erklärbar. Interessanter als der Punkt selbst ist, wie aus einem Kameraeffekt Schritt für Schritt eine Geschichte über eine ausgetauschte Sonne wird – und wie diese Geschichte inzwischen verpackt ist.
Der Punkt, der mitwandert
Das Grundphänomen heißt Lens Flare, bei einem deutlich erkennbaren Zweitbild auch „Ghosting“ oder „reflective flare“. Starkes Licht fällt durch das Objektiv auf den Sensor, ein kleiner Teil davon wird an optischen Oberflächen reflektiert und landet nach weiteren Reflexionen noch einmal auf dem Sensor. Das Ergebnis ist ein grüner, blauer, violetter oder anders gefärbter Fleck, der scheinbar irgendwo neben der eigentlichen Lichtquelle schwebt. Sony beschreibt genau dieses Verhalten in der eigenen Kameradokumentation: Richtet man eine Kamera auf eine starke Lichtquelle, können helle Bereiche und kreisförmige Geisterbilder entstehen. Eine Fehlfunktion ist das laut Hersteller ausdrücklich nicht.
Aufschlussreicher für Smartphone-Videos ist eine wissenschaftliche Arbeit von Forschenden der Nanyang Technological University, die sich speziell mit reflektierten Flares bei Smartphone-Kameras beschäftigt. Untersucht wurden dort Aufnahmen unter anderem mit einem iPhone 13 Pro sowie Huawei- und Samsung-Geräten. Die Forschenden dokumentieren eine Eigenschaft, die man in den kursierenden Sonnenvideos hervorragend beobachten kann: Lichtquelle und Geisterbild stehen bei vielen Smartphone-Kameras in einer festen geometrischen Beziehung zueinander. Der Reflex liegt ungefähr spiegelbildlich zur Lichtquelle um das optische Zentrum der Kamera. Deshalb wandert der grüne Punkt mit, sobald das Smartphone bewegt wird – ein tatsächliches Objekt am Himmel würde sich nicht danach richten, wo die Sonne gerade auf dem Kamerasensor liegt.
Warum die Kamera Waben sieht
Das ist der Teil, der auf den ersten Blick tatsächlich erstaunlich aussieht. Bei starker Vergrößerung erscheint der grüne Fleck nicht immer gleichmäßig, teilweise sind einzelne helle Punkte, Raster oder wabenartige Strukturen zu erkennen. Daraus wird die entscheidende Suggestion: Wenn dort einzelne Punkte sind, könnten das doch einzelne Lampen sein. Genau hier führt die Aufnahme in die Irre.
Die Smartphone-Forschung zu reflektierten Flares beschreibt, dass ein Geisterbild Strukturen der ursprünglichen Lichtquelle wiedergeben kann. Die Autoren schreiben sogar, dass bei entsprechenden Lichtquellen Details einzelner LED-Elemente im reflektierten Flare sichtbar werden können; untersucht wurden deshalb unter anderem Reflexe von LED-Leuchten, Straßenlampen, Leuchtschildern und gewöhnlichen Lampen. Dass Punktraster in Flares grundsätzlich vorkommen, ist auch bei Profikameras dokumentiert: Der Kamerahersteller RED beschreibt regelmäßige Punktmuster beim Filmen der Sonne oder extrem heller Lichtquellen als optisches Artefakt des Optical Low Pass Filters vor dem Sensor und weist darauf hin, dass der Effekt auch bei anderen Digitalkameras mit einem Low-Pass-Filter oder anderen Strukturen vor dem Sensor auftritt. RED beschreibt ihn für stark abgeblendete Objektive; ob beim konkreten Smartphone-Video derselbe Reflexweg vorliegt, lässt sich von außen nicht sagen – dass strukturierte Muster in Kamerareflexen nichts Unerklärliches sind, aber sehr wohl.
Warum zeigt dann ausgerechnet der Sonnenreflex dieses Punktmuster, Lampe und Kerze aber nicht? Die Helligkeit dürfte dabei die wesentliche Rolle spielen: Auffällige interne Reflexionen und Rasterartefakte treten vor allem bei sehr starken Lichtquellen auf, und die Sonne ist für eine Handykamera um ein Vielfaches heller als jede Lampe. Welches Bauteil im konkreten Smartphone die scheinbaren „Waben“ erzeugt, lässt sich aus dem veröffentlichten Screenshot allerdings nicht bestimmen. Mehrere Effekte kommen infrage – ein Geisterbild kann Strukturen der Lichtquelle wiedergeben, und bei Digitalkameras sind Rasterartefakte durch optische Strukturen vor dem Sensor dokumentiert. Dass Lampe und Kerze in den Vergleichsaufnahmen einen anders aussehenden Reflex liefern, widerspricht dem nicht: Helligkeit, Einfallswinkel, Belichtung und Aufbau der Lichtquelle unterscheiden sich erheblich. Für die Einordnung reicht das. Man muss das Bauteil nicht kennen, um festzustellen, dass das Muster bei der Aufnahme entsteht und nicht am Himmel – und dass sich aus seiner Form keine Waben- oder Lampenstruktur der Sonne ableiten lässt.
Objekt am Himmel oder Kameraartefakt?
Der Unterschied liegt nicht darin, wie etwas aussieht – sondern wie es sich bewegt.
Ein echtes Objekt am Himmel
Hat seinen eigenen Platz.
- Seine Lage zur Sonne wird von der Szene bestimmt, nicht von der Kamera
- Es wandert nicht spiegelbildlich zur Sonne um die Bildmitte
- Ein anderes Objektiv zeigt es anders groß – erzeugt aber keine an die Kamera gekoppelte Gegenbewegung
- Seine reale Position am Himmel hängt nicht davon ab, welches Kameramodul aktiv ist
Der grüne Punkt
Hängt an der Kamera.
- Liegt spiegelbildlich zur Sonne um das optische Zentrum
- Wandert gegenläufig mit, sobald das Smartphone bewegt wird
- Entsteht auch bei hellen Lampen und Straßenlaternen
- Ändert sich oder verschwindet beim Wechsel des Kameramoduls
Der Punkt verhält sich wie ein Reflex – nicht wie ein Objekt.
Diese Spiegelgeometrie wurde experimentell unter anderem mit Huawei P40, iPhone 13 Pro und ZTE Axon 20 5G überprüft. Welche Bauteilfläche das Punktmuster im konkreten Video erzeugt hat, lässt sich aus einem Screenshot nicht bestimmen.
„Bei meiner Lampe sieht es aber anders aus“
Ein Gegenargument aus den Kommentaren lautet, das Ganze passiere ja nur bei der Sonne. Das hält nicht. Solche Reflexe entstehen ausdrücklich auch bei künstlichen Lichtquellen; die Smartphone-Studie beschäftigt sich sogar überwiegend mit nächtlichen Aufnahmen und nennt Straßenleuchten, LED-Leuchten, Leuchtreklamen, Glühbirnen sowie runde und eckige Deckenleuchten. Auf Vergleichsaufnahmen mit einer Lampe lässt sich das unmittelbar nachvollziehen: Wird eine sehr helle Lampe mit dem Smartphone aufgenommen, erscheint ebenfalls ein grünlich-türkiser Reflex.
Seine Form sieht anders aus als beim Sonnenbild, und das ist völlig normal. Form, Farbe und Intensität eines Flares hängen von Lichtquelle, Einfallswinkel, Objektiv, Sensor und Belichtung ab. Verschiedene Lichtquellen und verschiedene Objektive erzeugen unterschiedliche Flare-Muster, und weil optische Komponenten verschiedene Wellenlängen unterschiedlich stark reflektieren, nehmen Geisterbilder unterschiedliche Farben an. Der Satz „Bei meiner Lampe sieht es anders aus“ widerlegt Lens Flare daher genauso wenig, wie zwei unterschiedliche Spiegelbilder beweisen würden, dass einer der beiden Spiegel keiner ist.
Das Kerzen-Experiment
Beliebt ist auch der Hinweis, bei einer Kerze sehe der Punkt anders aus oder zeige keine vergleichbaren „Waben“. Genau das ist auf den Vergleichsaufnahmen tatsächlich zu sehen – ein Reflex entsteht, nur eben ohne das Punktmuster. Ein Gegenbeweis ist das nicht. Eine Kerzenflamme hat eine völlig andere Helligkeit, Größe und Farbe als die Sonne oder eine starke LED-Leuchte, und das Smartphone passt Belichtung und Bildverarbeitung automatisch an die jeweilige Szene an. Welche Reflexe sichtbar werden und welche Strukturen sie zeigen, hängt deshalb von der konkreten Lichtquelle, dem Winkel, dem Kameramodul und den Aufnahmebedingungen ab. Darauf weisen sowohl Kamerahersteller als auch die Forschung hin.
„Sonne mit Waben, Kerze ohne Waben“ klingt zunächst wie ein kontrolliertes Experiment. Tatsächlich wurden dabei mehrere Größen gleichzeitig verändert. Dass zwei völlig unterschiedliche Lichtquellen verschiedene Kameraartefakte erzeugen, ist nicht überraschend, sondern zu erwarten.
Man muss das nicht glauben, man kann es ausprobieren
Eine sehr helle Lampe oder eine Straßenlaterne reicht. Die Kamera wird darauf gerichtet und langsam seitlich bewegt – der Reflex wandert mit und verändert seine Position entsprechend der Lichtquelle. Genau diese Symmetrie zum optischen Zentrum wurde experimentell untersucht: Die Forschenden testeten sie unter anderem mit Huawei P40, iPhone 13 Pro und ZTE Axon 20 5G und fanden eine lineare Beziehung zwischen der Position der Lichtquelle und jener des Reflexes.
Noch aufschlussreicher wird der Versuch beim Wechsel zwischen Hauptkamera, Ultraweitwinkel und Telekamera. Damit kommen andere Objektive und teilweise andere Sensoren zum Einsatz, und der Reflex kann anders aussehen, seine Lage ändern oder verschwinden. Eine künstliche Struktur an der Sonne sollte sich eher wenig dafür interessieren, welches Kameramodul eines Smartphones gerade in Verwendung ist.
Dann kommt ein Patent ins Spiel
In der Diskussion taucht schließlich ein vermeintlich besonders starkes Beweisstück auf. Zu sehen ist eine technische Zeichnung mit mehreren dicht angeordneten Lampen, darüber steht: „US20140307411A1 – Multi-Lamp Solar Simulator“. Dieses Patent existiert. Die Anmeldung stammt von The Boeing Company und wurde am 16. Oktober 2014 veröffentlicht, erteilt wurde das Patent 2016. Schon die erste Seite des Originaldokuments macht klar, worum es technisch geht: Beschrieben wird ein Solarsimulator aus mehreren Lampenmodulen, deren Licht optisch aufbereitet und auf eine sogenannte „target plane“, eine Zielfläche, projiziert wird. Es handelt sich also tatsächlich um eine Vorrichtung zur Erzeugung künstlicher Sonnenbeleuchtung – nur eben nicht um eine künstliche Sonne am Himmel.
Genau an dieser Stelle funktioniert die Erzählung besonders gut. Wer zuvor das vergrößerte grüne Punktmuster gesehen hat und anschließend diese Zeichnung bekommt, erkennt sofort eine visuelle Ähnlichkeit. Das ist aber noch kein Beleg für einen Zusammenhang. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob zwei Bilder ähnlich aussehen, sondern was die Zeichnung tatsächlich beschreibt.
Was im Boeing-Patent tatsächlich steht
Anmelder
The Boeing Company
Beispiel-Anordnung
19 Lampenmodule, dicht hexagonal angeordnet
Beispiel-Fläche
etwa 30 × 30 cm
Genannter Einsatzzweck
Tests von Solarzellen unter kontrollierten Laborbedingungen

Die 30 × 30 Zentimeter sind im Patent ausdrücklich nur ein Beispiel, kleinere und größere Flächen sind ebenso vorgesehen. Auch die Wabenanordnung ist nur eine Variante: Das Patent lässt ausdrücklich andere, auch unsymmetrische oder zufällige Anordnungen zu.
Der eigentliche Zweck steht in der Einleitung des Patents bemerkenswert eindeutig. Während Entwicklung und Herstellung von Solarzellen müsse deren Leistung getestet werden, erklärt Boeing; natürliches Sonnenlicht sei dafür aus verschiedenen Gründen oft nicht praktikabel. Deshalb seien Solarsimulatoren entwickelt worden, um Solarzellen in Innenräumen unter kontrollierten Laborbedingungen testen zu können. Auch die herumgereichte Lampenanordnung ist genauer beschrieben: FIG. 3 zeigt in einem Beispiel 19 Lampenmodule, von denen fünf in der Mitte Vollspektrum-Licht liefern und die übrigen bestimmte Farbbereiche ergänzen. Das Patent nennt diese Anordnung ein „closely packed hex pattern“ – und fügt unmittelbar an, dass auch andere, unsymmetrische oder zufällige Anordnungen möglich wären. Das erklärt die wabenartige Zeichnung, nicht die vermeintlichen Waben auf der Sonne.
Noch konkreter wird es bei der Zielfläche. Boeing nennt als ein mögliches Beispiel eine beleuchtete Fläche von ungefähr 30 mal 30 Zentimetern, weist aber sofort darauf hin, dass auch kleinere und größere Flächen möglich sind. Wenige Zeilen später nennt das Patent als Beispiel für die „target plane“ ausdrücklich die Oberfläche einer Solarzelle. Im Facebook-Thread wird das Dokument dennoch als Hinweis auf eine künstliche Sonne präsentiert.
Was „künstliche Sonne“ tatsächlich heißt
Das macht die Geschichte für Verschwörungserzählungen so praktisch: Der Begriff ist keineswegs erfunden. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt betreibt in Jülich die Forschungsanlage Synlight, die das DLR selbst als „größte künstliche Sonne der Welt“ bezeichnet. Dort stehen 149 Hochleistungsstrahler auf einer 14 mal 16 Meter großen Fläche, die in einer Forschungshalle auf kleine Versuchsanordnungen fokussiert werden und dort eine sehr hohe Strahlungsintensität erzeugen können. Entwickelt wurde die Anlage unter anderem für die Forschung an solaren Treibstoffen und Wasserstoff. Niemand versucht, Synlight geheim zu halten; das DLR veröffentlicht Fotos, technische Daten und Ansprechpartner.
„Künstliche Sonne“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Eine technische Anlage simuliert Sonnenstrahlung für Forschung und Materialtests. Daraus abzuleiten, dass unsere Sonne gegen einen gigantischen Scheinwerfer ausgetauscht worden sei, ist ungefähr so stichhaltig wie der Schluss vom Flugsimulator darauf, dass Passagierflugzeuge nicht existieren.
Vom grünen Punkt zur ausgetauschten Sonne
Besonders lehrreich ist der Verlauf der Diskussion. Aus einem Kameraartefakt werden zunächst Fragen. Danach berichten Nutzer von einer angeblich veränderten Sonne, andere vermuten künstliche Eingriffe, eine „Matrix“, eine Kuppel oder gleich eine ausgetauschte Sonne. Schließlich taucht das reale Patent auf und verleiht der Erzählung einen technischen Anstrich. In einem Kommentar heißt es ausdrücklich, China und Deutschland hätten eine „künstliche Sonne“, dazu gebe es ein Patent. Das Patent belegt davon nichts.
Wie aus einem Punkt eine Sonne wird
Jeder Schritt für sich wirkt harmlos. Die Behauptung entsteht dazwischen.
Grüner Punkt
Ein Kamerareflex neben der Sonne. Real, dokumentiert, erklärbar.
„Waben“
Beim Hineinzoomen erscheint ein Punktmuster. Auch das ist erklärbar.
„Wie LEDs?“
Eine Frage, keine Behauptung. Die Assoziation ist trotzdem gesetzt.
Ein echtes Patent
Ein Solarsimulator fürs Labor bekommt die Rolle des technischen Belegs.
„Künstliche Sonne“
Ausgesprochen wird es nicht. Angekommen ist es trotzdem.
Kein einziger Schritt beweist den nächsten. Zusammen erzeugen sie den Eindruck, es wäre so.
Interessant ist auch die Reaktion des Verfassers des ursprünglichen Beitrags. Als ihm vorgeworfen wird, seine Fragen seien so gestellt, dass sie Verschwörungserzählungen nahelegen, antwortet er unter anderem mit dem Hinweis, der Kritiker könne ja weiter seinen „System Medien“ vertrauen. Spätestens hier bekommt die vermeintlich völlig ergebnisoffene Frage eine ziemlich klare Richtung.
„Ich sage ja nicht, dass es so ist“
Dieser Punkt ist wichtiger als die einzelne Geschichte über die Sonne. „Ich sage nicht, dass es so ist. Schaut es euch an und entscheidet selbst“ wirkt zunächst ausgesprochen vernünftig: Niemand behauptet etwas, niemand verlangt blinden Glauben, jeder soll selbst nachdenken. Rhetorisch wird trotzdem etwas transportiert. Schon die Auswahl der Fragen stellt eine Verbindung her – grüner Punkt, Waben, LED, künstliche Sonne, Patent. Die eigentliche Behauptung muss nicht ausgesprochen werden, sie entsteht im Kopf des Publikums. Und sobald Kritik kommt, steht der Rückzug bereit: „Ich habe das doch gar nicht behauptet. Ich stelle nur Fragen.“
Die Methode ist nicht neu, neu ist eher ihre Verpackung für TikTok, Reels und kurze Videos. In der Forschung wird diese Kommunikationsform seit Jahren als „just asking questions“ beschrieben. Eine Untersuchung von mehr als 25.000 Tweets zu Verschwörungserzählungen rund um das Zika-Virus stellte fest, dass Beiträge, die solche Erzählungen verbreiteten, signifikant häufiger rhetorische Fragen verwendeten. Der Autor beschreibt genau den Mechanismus: Durch suggestive Fragen lässt sich eine etablierte Erklärung angreifen, ohne selbst eine überprüfbare Alternative vorlegen zu müssen.
Noch bemerkenswerter ist ein experimenteller Befund aus der Kommunikationsforschung. In einer vorregistrierten Studie mit mehr als 1.000 Teilnehmenden erhöhten sowohl explizite als auch lediglich angedeutete Verschwörungsbotschaften die Zustimmung zu entsprechenden Vorstellungen. Man muss eine Behauptung also nicht einmal offen aussprechen, damit sie wirkt. Sätze wie „Ich sage ja nicht, dass es so ist“ machen einen Beitrag deshalb nicht automatisch neutral. Entscheidend ist, welche Vermutung unmittelbar danach ins Spiel gebracht wird.
Fragen sind erlaubt – der nächste Schritt entscheidet
„Man wird doch noch Fragen stellen dürfen“ ist im Kern selbstverständlich richtig. Wissenschaft beginnt ständig mit Fragen. Der Unterschied liegt in dem, was danach kommt. Wer ernsthaft wissen will, warum ein grüner Fleck auf einem Smartphone-Foto erscheint, kann eine überprüfbare Hypothese formulieren und testen: Ändert sich der Punkt mit dem Kamerawinkel? Erscheint er auch bei einer starken Lampe? Wandert er gegenüber der Lichtquelle? Ändert er sich beim Objektivwechsel? Diese Fragen lassen sich beantworten.
Eine Verschwörungserzählung funktioniert anders. Dort wird die unbeantwortete Frage selbst zum Beweisstück: „Warum sind dort Waben?“ wird gedanklich zu „Da müssen Lampen sein“, und ein Patent für einen Labor-Sonnensimulator dient anschließend als Bestätigung, obwohl sein Inhalt mit der Geschichte nichts zu tun hat. Das ist kein besonders kritisches Hinterfragen. Es ist eine Schlussfolgerung, bei der die Zwischenschritte fehlen.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, wenn jemand „nur fragt“
- Lässt sich das testen?Wandert der Punkt mit, taucht er auch bei einer Lampe auf, ändert er sich beim Objektivwechsel? Eine echte Frage hat einen Versuch, der sie beantwortet.
- Was steht im Beleg wirklich?Ein echtes Patent, ein echter Begriff – aber wofür? Die Überschrift eines Dokuments ist nicht sein Inhalt.
- Welche Vermutung folgt direkt nach der Frage?„Ich behaupte nichts“ schützt nicht davor, dass die Behauptung im nächsten Halbsatz mitgeliefert wird.
Sony
Stand: 20. Jänner 2026
Dai, Luo, Zhou, Li & Loy, Nanyang Technological University
2023
RED Digital Cinema
28. August 2024
The Boeing Company / Google Patents
2014
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt
Ohne Datumsangabe
Michael J. Wood, Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking
2018
Lyons, Merola & Reifler, Health Communication
2018