Was einmal als Schaufenster deutscher Technik begann, ist heute Bühne für eine globale Industrie. Wer durch die IFA-Technikmesse geht, merkt schnell, dass sich die Gewichte verschoben haben: Die meisten Aussteller kommen aus China.
- IFA öffnet vom 4. bis 8. September für Besucherinnen und Besucher
- Größter Aussteller mit über 900 Unternehmen ist China
- Unternehmen präsentieren ganze Produktwelten – vom Smartphone bis Roboter
Als Willy Brandt auf der IFA 1967 nach einer 20 Minuten langen Rede einen roten Knopf drückte, war das Farbfernsehen in Westdeutschland gestartet [ndr.de]. Zumindest symbolisch: Tatsächlich hatte ein Techniker die Farbsignale schon kurz vorher freigeschaltet. Für die Besucherinnen und Besucher war es trotzdem ein Moment, der den Aufbruch in eine neue Fernseh-Ära markierte. Fast 60 Jahre später hat sich das Programm der Berliner Technikmesse deutlich verändert. Am Samstag tritt im Sommergarten die Rapperin Ikkimel auf – eine Künstlerin, deren Auftritt selbst Willy Brandt wohl die Sprache verschlagen hätte. Am Sonntag spielen Roboter Fußball beim RoboCup – keine Ahnung, was Willy Brandt dazu gesagt hätte. Die IFA verbindet inzwischen Technik, Popkultur und Entertainment. Und an kaum einem anderen Ort lässt sich so gut beobachten, wie sich die Welt der Technik verändert hat. Das gilt nicht nur für das, was auf den Bühnen und in den Messehallen gezeigt wird. Auch die Kräfteverhältnisse in der globalen Technologiebranche haben sich verschoben.
China rückt ins Zentrum
Der mit Abstand größte Aussteller kommt inzwischen nicht mehr aus Deutschland, Japan oder Südkorea – sondern aus China. 928 Unternehmen aus der Volksrepublik sind in diesem Jahr auf der IFA vertreten. Dazu kommen 84 Aussteller aus Hongkong. Aus Deutschland sind es 201. Und aus Japan? Gerade einmal fünf. Dabei waren japanische Konzerne wie Sony oder Panasonic früher prägend für die Unterhaltungselektronik. Diese stille Machtverschiebung ist auch dem Geschäftsführer der IFA aufgefallen: „China hat in den letzten vielen Jahren ganz gezielt darauf hingearbeitet, Innovationen nachhaltiger zu machen, hat auf Trends reagiert, hat verstanden, dass man auch Design und Langlebigkeit mit einbeziehen muss“, sagt Leif Lindner, CEO der IFA, dem rbb. „Und deshalb sind sie im Augenblick vorne.“ Ein besonders sichtbares Beispiel für den Aufstieg chinesischer Technologieunternehmen ist Xiaomi [heise.de]. Der Konzern ist in diesem Jahr erstmals mit einem eigenen großen Auftritt auf der IFA vertreten und will zeigen: Wir sind mehr als ein Smartphone-Hersteller.
Vom Smartphone zum Ökosystem
„Wir sind tatsächlich eine Tech-Firma“, sagt Hua Zeng, Leiter der PR-Abteilung von Xiaomi für Westeuropa. Der Konzern setzt auf ein digitales Ökosystem, das er „Human, Car, Home“ nennt. Menschen, Autos und das Zuhause sollen miteinander verbunden werden. Auf der IFA will Xiaomi deshalb nicht nur neue Smartphones zeigen. Der Konzern kündigt auch Roboter und ein neues Fahrzeug an. Für Zeng ist die Berliner Messe die perfekte Bühne, um Xiaomi in Europa neu zu präsentieren – nicht nur als Smartphone-Marke, sondern als Technologieunternehmen mit einem vernetzten Ökosystem. Der chinesische Hersteller steht damit beispielhaft für eine Entwicklung, die sich inzwischen in fast allen Hallen der IFA beobachten lässt. Chinesische Unternehmen präsentieren nicht mehr nur einzelne Geräte oder günstige Alternativen zu etablierten Marken. Sie zeigen ganze Produktwelten – von Smartphones über Haushaltsgeräte bis zu Autos und Robotern.
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Erfolg mit und ohne Staat
Der Wirtschaftsexperte Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft erkennt durchaus an, dass chinesische Unternehmen technologisch aufgeholt haben. Sie hätten gute Ideen, investierten massiv in Forschung und Entwicklung und seien bei Innovationen oft schneller und effizienter. Auch der Staat investiere viel in Forschung und Bildung und bilde Jahr für Jahr große Zahlen von Ingenieurinnen und Ingenieuren aus. Doch Matthes sieht den Erfolg chinesischer Unternehmen nicht nur als Ergebnis von Können und Talent. Bei Elektroautos sind staatliche Subventionen in China gut dokumentiert. Für die Unterhaltungselektronik gibt es solche direkten Nachweise nicht. Matthes verweist aber auf andere staatlich geprägte Wettbewerbsvorteile: günstige Kredite staatlicher Banken, billigere Vorleistungen und subventionierte Rohstoffe. „Jeder, der in China produziert, zahlt zu wenig für wichtige Produktionsfaktoren und Vorleistungen und kann so billiger anbieten als europäische Firmen“, erklärt Matthes. Zugleich verweist Matthes auf einen anderen Punkt: Die westlichen Industrieländer hätten die Unterhaltungselektronik schon vor 20 oder 30 Jahren weitgehend verloren. „Wenn wir hier Produkte aus China kaufen, ohne dass wir in diesen Bereichen selber noch produzieren, dann können wir billig einkaufen, dann können wir die Subventionen mitnehmen“, sagt er. Problematisch werde es aus seiner Sicht dann, „wenn heimische Produktion durch unfaire Wettbewerbsverzerrung unter Druck gesetzt wird“.
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Wenn der Heimatmarkt nicht mehr reicht
Die starke Präsenz chinesischer Unternehmen hat aber auch mit Problemen auf ihrem Heimatmarkt zu tun. Dort hat sich die Nachfrage abgeschwächt. Gleichzeitig bleibt die Produktion hoch. Chinesische Hersteller suchen deshalb stärker nach Kundinnen und Kunden im Ausland. „Der globale Technologiemarkt bewegt sich in einem komplexen Umfeld“, sagt Carine Chardon, Managing Director des Branchenverbands GFU Home & Consumer Electronics. Chinesische Hersteller breiten sich wegen der nachlassenden Nachfrage im eigenen Land verstärkt international aus. Die Branche spricht deshalb über Überkapazitäten in China. Wirtschaftsexperte Matthes warnt allerdings davor, den Begriff zu einfach zu verwenden. Auch Deutschland produziere in vielen Branchen mehr, als im eigenen Land verbraucht werde. Für die IFA bedeutet das zunächst vor allem: mehr chinesische Unternehmen, mehr neue Marken – und deutlich mehr Konkurrenz. Aber auch das könnte sich wieder ändern, sagt IFA-Geschäftsführer Lindner. Die technologischen Machtzentren hätten sich immer wieder verschoben. Vor 20 oder 30 Jahren sei Japan prägend gewesen, später Südkorea. Jetzt komme ein großer Teil der Innovationen aus China. „Das wechselt immer“, sagt Lindner. Und dieser Wandel lässt sich vielleicht kaum besser erkennen als auf der IFA selbst. Früher stand hier Willy Brandt vor dem Farbfernseher und drückte einen roten Knopf. Am Samstag tritt im Sommergarten Ikkimel auf und am Sonntag kicken die Roboter.
Sendung: rbb|24, 04.09.2026, xx:yy Uhr Audio: rbb|24, 04.09.2026, Efthymis Angeloudis
