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Startseite»Nachrichten»Hatte Sepp Müller doch recht?: Sachsen-Anhalt-Rebell will neuer Chef werden
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Hatte Sepp Müller doch recht?: Sachsen-Anhalt-Rebell will neuer Chef werden

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 8, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Hatte Sepp Müller doch recht? Sachsen-Anhalt-Rebell will neuer Chef werden

Im Bundestag gehört Sepp Müller Mitglied der Kraftstoff-Taskforce an. In Sachsen-Anhalt will er CDU-Chef werden. (Foto: picture alliance/dpa)

Nach der verlorenen Landtagswahl beginnt in der CDU ein Umbruch. Noch-Ministerpräsident Schulze gibt den Landesvorsitz ab. Ein Nachfolger steht bereit – Sepp Müller, der gerade erst scharf von Merz gerügt wurde. Was in diesen Zeiten eher ein Vorteil ist.

Ist die Zukunft der CDU Sachsen-Anhalt 37 Jahre alt, 2,03 Meter groß und trägt Schuhgröße 50? Dieses Profil trifft auf Sepp Müller zu, der die Nachfolge von Sven Schulze antreten will – der bisherige Ministerpräsident kündigte gestern an, auch als Landes-Parteichef aufhören zu wollen.

„Ich kandidiere“, sagte daraufhin der hochaufgeschossene Müller, dem, Achtung Wortspiel, Schulzes Fußstapfen offenbar nicht zu groß sind. Sepp Müller ist bisher der Einzige, der in der CDU eine Antwort auf die einfache Frage gibt, die sich nun alle stellen. Sie lautet: „Und jetzt?“

Und jetzt, nach der heftigen Niederlage gegen die AfD, soll die AfD mal machen, sagt Müller. Sie habe nun den Regierungsbildungsauftrag, sagt er in Interviews. Einem Allparteien-Bündnis, um die AfD doch noch irgendwie von der Macht fernzuhalten, kann er nichts abgewinnen.

Das ist noch kein Alleinstellungsmerkmal. Mittlerweile sagt auch Schulze: „Wir sind jetzt Opposition“ und hat die Träume, im Amt zu bleiben, begraben. In der Tat wäre es kaum erklärbar, wenn jemand von der 17-Prozent-Partei CDU Ansprüche auf das höchste Amt im Bundesland erheben sollte, und jemand von der 43-Prozent-Partei AfD nicht.

Vor der Wahl ein Tabu gebrochen

Müllers Alleinstellungsmal ist ein anderes: Er hat das auch schon vor der Wahl gesagt. Denn seit Monaten deuteten Umfragen auf einen klaren AfD-Sieg hin. Nicht auf eine Brutal-Niederlage für die CDU, aber eben doch auf einen Wert um die 40 Prozent für den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund und die Seinen, mitsamt zweistelligem Vorsprung.

Drei Tage vor der Wahl sagte Müller in einem Podcast von „Politico“ etwas da noch Unerhörtes: Die AfD habe auch dann einen Regierungsauftrag, wenn sie nicht die absolute Mehrheit erreiche.

Indem er aussprach, was jetzt alle sagen, ließ er eine kleine Bombe platzen. Denn zu dem Zeitpunkt waren noch alle Hoffnungen intakt, die CDU könnte eine Minderheitsregierung mit Grünen und SPD bilden und sich von den Linken tolerieren, dulden oder sonst wie helfen lassen. So wie es in Thüringen und Sachsen bereits gemacht wird.

Ein Buch wie ein Molotow-Cocktail

Bei Lichte besehen, war Müller damit auf Parteilinie. Schließlich hat die CDU beschlossen, nicht mit AfD und Linken zusammenzuarbeiten. Das Thema ist vielen in der Partei ernst. Die Linke ist für viele in der CDU noch immer auch die Nachfolgepartei der SED, die Einheitspartei der DDR. Schulze hat daher auch immer betont, er werde sich „nicht abhängig machen“ von Linken oder AfD.

Müller, obwohl er dank später Geburt über keine eigene DDR-Erfahrung verfügt, ist ein Hardliner in der Frage. Als Gregor Gysi im vergangenen Jahr die erste Sitzung des neugewählten Bundestags als Alterspräsident leitete, legte er demonstrativ das Buch „Die Täter sind unter uns“ von Hubertus Knabe auf sein Pult. In der erzgediegenen Atmosphäre des Bundestags hat so etwas die Wucht eines symbolischen Molotow-Cocktails. „Die CDU braucht Glaubwürdigkeit“, sagte er bei ntv. Gerade in dieser Frage.

Doch in der CDU kam seine Interview-Äußerung drei Tage vor der Wahl nicht gut an. Sie wurde als Foulspiel empfunden – zum Beispiel von Kanzler Friedrich Merz. Der sprach am Montag von einem stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion im Bundestag, ohne Müller namentlich zu nennen. Dieser sei Schulze kurz vor der Wahl in den Rücken gefallen, sagte Merz, das habe niemand verstanden.

In normalen Zeiten wäre seine Karriere vorbei

Fraktionschef Thorsten Frei sagte, das sei „in höchstem Maße problematisch gewesen.“ Schulze selbst sagte, er habe das Thema in der Landesvorstandssitzung am Montagabend ähnlich wie Merz angesprochen und Applaus dafür bekommen.

In der Tat ist es eine Todsünde in der jeder Partei, die Geschlossenheit im Wahlkampf zu untergraben. Tut man nicht, gehört sich nicht, ein Tabubruch. In normalen Zeiten wäre Müllers Karriere wohl erstmal vorbei.

Doch die Zeiten sind nicht normal – und Müller sprach das aus, was viele gedacht haben dürften. Koalitionen mit Parteien links der CDU scheinen die AfD nur stärker gemacht zu haben. Sie stellen die Glaubwürdigkeit ja gerade auf die Probe. So wie bei der Bundestagswahl. Die CDU versprach CDU pur und hebelte dann kurz nach der Wahl die Schuldenbremse aus. Was zwar gut begründet war, aber anders angekündigt.

In diesen Zeiten von Merz getadelt zu werden, ist fast wie geadelt zu werden. Zumindest im Osten. Dort sind nur sieben Prozent zufrieden mit der Arbeit des Bundeskanzlers, wie das jüngste Trendbarometer von Forsa für RTL und ntv zeigt. In derselben Umfrage steht die CDU bei 21 Prozent, bundesweit. Wäre die Umfrage eine Sirene, sie würde laut heulen und rot blinken.

Partei-Veteran mit Erfahrung

Müller ist keiner, der sich aus der Deckung wagt, weil die Sterne der Altvorderen sinken. Obwohl erst 37, ist er ein Partei-Veteran. Mit 20 zog er in den Stadtrat seiner Heimatstadt Gräfenhainichen ein. 2017 wurde er Bundestagsabgeordneter, indem er das Direktmandat im Wahlkreis Dessau-Wittenberg mit 35,2 Prozent der Stimmen direkt gewann. 2021 holte er fast das gleiche Ergebnis und schlug den AfD-Herausforderer deutlich – was nebenbei das beste Erststimmenergebnis der CDU im Osten war.

2025 verbesserte er sein Erststimmenergebnis noch einmal um rund 11.000 Stimmen, unterlag aber dennoch dem AfD-Kandidaten, der von einer massiv gestiegenen Wahlbeteiligung profitierte. Mit 29,5 Prozent lag Müllers Ergebnis aber immer noch rund acht Punkte über dem Partei-Resultat. Die Zahlen zeigen, was persönliche Auftritte bestätigen: Müller weiß, wie man in Sachsen-Anhalt das gewinnt, was der CDU flächendeckend verloren gegangen ist: Vertrauen der Menschen.

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„Die Täter sind unter uns“ – als Linken-Politiker Gregor Gysi die erste Sitzung des Bundestags nach der Wahl im vergangenen Jahr eröffnete, hatte Müller dieses Buch dabei. (Foto: picture alliance/dpa)

Sollte er beim voraussichtlichen Landesparteitag im Dezember auch die Delegierten überzeugen, muss er noch erklären, wie das überhaupt gehen soll, eine Landespartei ohne Landtagsmandat zu führen. Wie er den Hardcore-Konservativen in den eigenen Reihen erklärt, dass er mit einem Mann verheiratet ist. Und ob er auch Fan von Bayern München ist, wie sein Vater, der ihn nach Torwart Sepp Maier benannte.

Aber viel wichtiger ist eine andere Frage: Ob es ihm gelingt, mit einem neuen Kurs zu überzeugen – den Spieß umzudrehen und fortan die AfD vor sich her zu treiben.

Quelle: ntv.de

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