Aktuell kursiert über soziale Netzwerke und Messengerdienste wieder ein Kettenbrief, der als freundliches „Bücherexperiment“ erscheint. Versprochen wird: ein Buch verschicken, später mehrere oder sogar bis zu 36 Bücher bekommen.
Ich bin auf der Suche nach Leuten, die bei einem Bücherexperiment mitmachen. Alles was du tun musst, ist dein Lieblingsbuch zu kaufen (nur 1!) und es an einen Fremden zu senden. Die genauen Details bekommst du von mir in einer privaten Nachricht. Machen viele mit, kannst du ein paar / bis zu 36 Bücher bekommen. Es sind die Lieblingsbücher Anderer. Es wird also ein super-spannender Mix werden. Mach‘ bitte nur mit, wenn Du das eine Buch auch ohne Gegenwert schenken würdest. Einfach für die Freude miteinander. Bist du interessiert, dann schick mir eine Nachricht mit „Dabei“
Text aus dem Kettenbrief
Dem sollte man nicht trauen. Es handelt sich nicht um einen normalen Büchertausch, sondern um einen Kettenbrief, der nach dem Schneeballprinzip abläuft. Damit einzelne Teilnehmende profitieren, müssen immer neue Personen nachrücken – und genau das bricht zwangsläufig irgendwann zusammen.
Die 36 Bücher entstehen nicht einfach so
Die Nachricht wirkt zunächst harmlos: Man soll nur ein Lieblingsbuch kaufen und an eine fremde Person senden. Danach soll man angeblich selbst Bücher von anderen erhalten. Die genaue Anleitung gibt es meist erst per privater Nachricht.
Der entscheidende Punkt steckt in der Zahl 36. Solche Ketten funktionieren typischerweise so, dass Teilnehmende weitere Personen anwerben. Wenn etwa sechs Menschen mitmachen und diese wiederum jeweils sechs weitere gewinnen, entsteht die versprochene Zahl. Für die nächste Runde müssten aber wieder deutlich mehr Menschen teilnehmen.
Das Problem ist mathematisch simpel: Nicht alle können mehr Bücher bekommen, als sie selbst verschicken. Die Bücher müssen von neuen Teilnehmenden kommen. Sobald zu wenige Menschen mitmachen, bleiben spätere Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf ihrem verschickten Buch sitzen.
Die Mathematik macht das Versprechen unrealistisch
Der Haken steckt nicht im Buch, sondern in der Vervielfachung. Im typischen Modell soll jede Person sechs weitere gewinnen. Dann wächst die Kette nicht langsam, sondern sprunghaft: Aus einer Person werden sechs, daraus 36, dann 216, später 1.296 und danach 7.776.
Genau deshalb kann das System am Anfang noch plausibel wirken. Frühe Teilnehmende können tatsächlich Glück haben, weil unter ihnen noch genug neue Personen nachrücken. Wer den Kettenbrief aber erst später erhält, kennt die entscheidende Information nicht: In welcher Runde befinde ich mich überhaupt?
Wer mitmacht, ist darauf angewiesen, dass zwei Ebenen unter ihm noch genügend neue Menschen teilnehmen. Reißt die Kette vorher ab, hat man zwar ein Buch verschickt, bekommt aber keines oder deutlich weniger zurück.
| Runde | Teilnehmer | Vergleich (ca.-Annahmen) |
|---|---|---|
| 2 | 6 | dein Freundeskreis |
| 3 | 36 | eine große Schulklasse |
| 5 | 1.296 | ein kleines Dorf |
| 7 | 46.656 | ein volles Stadion |
| 10 | 10.077.696 | etwas mehr als Österreich |
| 12 | 362.797.056 | das Vierfache Deutschlands |
| 14 | 13.060.694.016 | mehr als die Weltbevölkerung |
Die Tabelle zeigt den Kipppunkt. Schon nach wenigen Runden geht es nicht mehr um einzelne Freundeskreise, sondern um Zehntausende, Millionen und schließlich Milliarden Menschen. Im Idealmodell mit sechs neuen Personen pro Teilnehmer läge Runde 14 rechnerisch bereits bei mehr als 13 Milliarden Menschen – also über der Weltbevölkerung. Spätestens hier ist klar: Das System kann nicht für alle funktionieren.
Dazu kommt: Das Modell bricht schon vorher ein, wenn nicht jede Person sechs neue Menschen findet. Wer nur vier statt sechs Personen überzeugt, erzeugt nicht 36 mögliche Rücksendungen, sondern 16. Bei drei neuen Personen wären es neun, bei zwei nur vier. Schon kleine Ausfälle lassen das Versprechen also deutlich schrumpfen.
Für Teilnehmende bleibt deshalb die wichtigste Frage unbeantwortet: Wie viele machen wirklich weiter? Und sind die zwei Runden unter mir überhaupt noch gefüllt? Genau das sieht man nicht. Man sieht nur die Nachricht einer vertrauten Person, nicht aber die Größe und den Zustand der gesamten Kette.
Späte Teilnehmende tragen das Risiko
Angenommen, jemand steigt in Runde 5 oder Runde 7 ein und verschickt sein Buch. Dann passiert zuerst genau eine Sache mit Sicherheit: Das Buch kommt an. Es geht an eine Person, die zwei Runden weiter oben steht und früher eingestiegen ist. Diese Übergabe ist der einzige Teil des Systems, der zuverlässig funktioniert.
Alles andere ist an Bedingungen geknüpft. Damit Bücher zurückkommen, müssten die eigenen sechs Geworbenen jeweils wieder sechs Menschen finden, die tatsächlich ein Buch kaufen und verschicken. Erst deren Sendungen wären die eigene Ausbeute.
Wer spät einsteigt, wirbt zudem oft in einem Umfeld, das den Aufruf bereits gesehen hat. Die eigenen Kontakte sind häufig dieselben, über die man selbst angeschrieben wurde. Die Werbewirkung sinkt also genau dann, wenn man sie am dringendsten bräuchte.
Und selbst wer in einer späten Runde tatsächlich ein oder zwei Bücher erhält, hat damit keinen Beleg dafür, dass das System insgesamt funktioniert. Diese Bücher wurden von Menschen bezahlt, die noch später eingestiegen sind und ihrerseits warten.
Der Warenfluss läuft in einer solchen Kette immer in dieselbe Richtung: nach oben.
Kein klassischer Phishing-Betrug, aber riskant
Der Kettenbrief ist nicht mit einem klassischen Phishing-Angriff gleichzusetzen. Es geht nicht vorrangig darum, Passwörter, Bankdaten oder Zugangsdaten zu stehlen. Trotzdem ist das Ganze nicht harmlos.
Für den Versand eines Buches muss mindestens eine Adresse weitergegeben werden. Je nach Variante können auch Name, E-Mail-Adresse oder Kontaktdaten anderer Personen verlangt werden. Genau darin liegt ein reales Risiko: Persönliche Daten können bei Menschen landen, die man nicht kennt und deren Umgang damit nicht überprüfbar ist.
Wer eine solche Kette startet oder die Anleitung per privater Nachricht verschickt, sammelt nach und nach bestätigte Namen und Postanschriften – von Menschen, die diese Daten freiwillig herausgeben, weil sie eine Gegenleistung erwarten. Was mit einer solchen Liste geschieht, können Teilnehmende nicht überprüfen.
Auch das „Better Business Bureau“ warnt vor solchen „Book Exchange“-Beiträgen und beschreibt sie als Pyramidensystem. Der britische „Independent“ ordnete ähnliche Beiträge ebenfalls als irreführend ein: Einzelne könnten zwar Bücher erhalten, das Versprechen funktioniere aber nicht für alle, weil die Kette ständig wachsen müsse.

Gutgläubige Weiterleitung ist möglich
Nicht jede Person, die diese Nachricht verschickt, will andere täuschen. Viele leiten solche Kettenbriefe vermutlich weiter, weil sie die Idee sympathisch finden: Bücher teilen, jemandem eine Freude machen, vielleicht selbst neue Lieblingsbücher entdecken.
Gerade das macht die Nachricht glaubwürdig. Sie klingt nicht wie ein aggressiver Betrugsversuch, sondern wie eine nette private Aktion. Der Haken liegt nicht im Buch selbst, sondern in der Struktur: Aus einem einfachen Tausch wird ein System, das immer neue Teilnehmende braucht.
Ein seriöser, direkter Büchertausch wäre klar und überschaubar: Eine Person verschickt ein Buch und erhält eines zurück. Sobald aus „ein Buch geben“ das Versprechen „bis zu 36 Bücher bekommen“ wird, ist Vorsicht angebracht.
Sollte man mitmachen oder weiterleiten?
Man sollte den Kettenbrief nicht weiterverbreiten. Wer mitmacht, kann zwar im Einzelfall ein Buch erhalten. Verlässlich ist das aber nicht. Spätestens später eintretende Personen tragen das Risiko, nichts zurückzubekommen.
Besonders problematisch ist die Weitergabe von Adressen an unbekannte Teilnehmende. Auch Kontaktdaten von Freunden oder Bekannten sollten nicht ohne deren ausdrückliche Zustimmung weitergegeben werden.
Wer Bücher teilen möchte, sollte besser eine direkte, transparente Variante wählen: mit Freunden tauschen, eine öffentliche Bücherbox nutzen, an eine Bibliothek oder soziale Einrichtung spenden oder einen klar geregelten Büchertausch organisieren.
Bewertung: Irreführend. Der Kettenbrief wirkt wie ein freundliches Bücherexperiment, beruht aber auf einem pyramidenförmigen System und kann zur Weitergabe persönlicher Daten führen.
FAQ zum Bücherexperiment-Kettenbrief
Ist das Bücherexperiment ein Betrug?
Es ist kein klassischer Phishing-Betrug, bei dem direkt Passwörter oder Bankdaten abgegriffen werden. Die Masche ist aber irreführend, weil sie mit einem unrealistischen Versprechen arbeitet. Wer ein Buch verschickt, hat keine verlässliche Garantie, später mehrere oder sogar 36 Bücher zu erhalten.
Warum sollen angeblich bis zu 36 Bücher zurückkommen?
Die Zahl entsteht meist durch ein Schneeballprinzip: Teilnehmende sollen weitere Personen anwerben, die wiederum neue Menschen einbeziehen. Nur wenn diese Kette nahezu perfekt weiterläuft, können einzelne Personen viele Bücher erhalten. Für alle kann das System aber nicht funktionieren.
Warum ist das System problematisch?
Problematisch ist, dass spätere Teilnehmende das Risiko tragen. Sie verschicken ihr Buch sicher, bekommen aber nur dann etwas zurück, wenn unter ihnen noch genügend neue Menschen einsteigen. Sobald die Kette abreißt, profitieren einige frühere Teilnehmende, während spätere leer ausgehen.
Sollte man den Kettenbrief weiterleiten?
Nein. Durch das Weiterleiten werden weitere Menschen in ein System gezogen, das nicht zuverlässig funktionieren kann. Außerdem verbreitet man damit ein Versprechen, das für viele Teilnehmende nicht eingelöst wird.
Ist es gefährlich, seine Adresse anzugeben?
Das kann riskant sein. Für den Versand müssen Namen und Adressen weitergegeben werden, oft an fremde Personen. Man sollte persönliche Daten nicht leichtfertig in privaten Kettenbriefen oder Gruppen weiterreichen.
Better Business Bureau
28. Januar 2022
The Independent
13. Januar 2022
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