Reportage
Starker Regen hat Teile des Gazastreifens überschwemmt. Laut dem Gesundheitsminister haben eine Million Vertriebene kein Dach mehr über dem Kopf. Hilfsorganisationen befürchten eine humanitäre Katastrophe.
Die Videos aus dem Gazastreifen zeigen das ganze Ausmaß der Katastrophe. In einem Video aus Nusserat – im zentralen Teil des Küstenstreifens – sieht man das Wasser knöcheltief unter den Zeltplanen. Ein Mann versucht, mit Behältern, die Fluten nach draußen zu schaffen. Der Schlamm ist überall.
In Gaza-Stadt in der Al Jalaa-Straße, die früher einmal eine der großen Verkehrsachsen war, steht Mohammed Badwi unter seiner Zeltplane, auf die der Regen prasselt. Überall tropft das Wasser hinein. Am Boden völlig durchnässte Kinderkleidung. Draußen versucht jemand, einen Kanal zu graben, um die Wassermassen umzuleiten.
„Ihr seht, das ist das Ergebnis des Sturms“, sagt Badwi. „Das gesamte Areal ist überflutet – die Schlafunterlagen, die Decken, einfach alles. Und unsere Habseligkeiten. Das Zelt ist völlig zerfetzt; unsere Sachen und Decken sind ruiniert. Wir haben so viel durchgemacht, besonders mit den kleinen Kindern.“ Dann spricht er über seine Kinder, die völlig durchnässt sind, und fragt in die Kamera, ob jemand ihm mit einem ordentlichen Zeit helfen könnte.
Minister: Mehr als eine Million Vertriebene betroffen
Es sind nur die ersten schweren Regenfälle – weitere werden in den kommenden Monaten folgen. Für Majed Abu Ramadan, den Gesundheitsminister der palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah, die auch die Lage im Gazastreifen im Blick hat, zeichnet sich eine humanitäre Katastrophe ab: „Berichten zufolge sind mehr als 70.000 Zelte unbewohnbar geworden, wodurch die Menschen, die darin Schutz gesucht hatten, nun dem Regen und den Stürmen schutzlos ausgeliefert sind“, sagt der Minister.
„Das bedeutet, dass mehr als eine Million Vertriebene, die in diesen Zelten lebten, nun vor dem Nichts stehen und keinen anderen Schutz mehr haben als den freien Himmel“, sagt Ramadan. „Der Zusammenbruch der Infrastruktur – darunter Wasserversorgung, Straßen, Wohnraum und natürlich das Gesundheitswesen – ist gravierend.“
Sorge vor Krankheiten
Pat Griffiths, Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Jerusalem, geht sogar noch weiter. Er sagt dem ARD-Studio Tel Aviv, die gesamte Bevölkerung im Gazastreifen, mehr als zwei Millionen Menschen, seien von den Wetterbedingungen betroffen. Nicht nur die, die in Zelten leben. Beschädigte Gebäude, in denen Menschen Schutz suchen, sein einsturzgefährdet. Er rechnet damit, dass sich Krankheiten ausbreiten dürften.
„Das macht unglaubliche Probleme“, erklärt Griffiths. Es gebe viele Herausforderungen in Sachen Gesundheit und Hygiene im Winter. „Und dann sehen wir eine Ausbreitung von Krankheiten, die vermeidbar wäre. Wir sehen den Tod von Menschen wegen Krankheiten, die aus dem Wasser kommen, die vermeidbar wären.“
Auch COGAT hat sich heute zur Lage im Gazastreifen geäußert. Die israelische Behörde, die zum Verteidigungsministerium gehört, kontrolliert, was in den Gazastreifen an Hilfsgütern hineinkommt. COGAT erklärte, man beobachte die Lage, ein Winter-Plan sei in der Umsetzung, mehr als 91.000 Zelte seien schon in das Gebiet gelassen worden. Der Wiederaufbau von Gaza werde aber erst beginnen, wenn die Hamas vollständig entwaffnet sei.
Keine schnelle Besserung in Sicht
Olfat el-Magdoub hat bisher nicht viel von besagtem Winterplan. Die alleinerziehende Mutter lebt mit ihren vier Kindern in einem Zelt in Gaza-Stadt, und sagte der Nachrichtenagentur Reuters schon am Samstag: „Dies ist der erste Tag, an dem es regnet, und natürlich sind wir bereits überschwemmt. Was passiert, wenn es am nächsten Tag erneut regnet?“, fragt sie.
„Dies ist erst der erste Tag und wir sind bereits überwältigt“, erzählt el-Magdoub. „Vor zwei Wochen, als es regnete, habe ich, ich schwöre es bei Gott, vier Tage lang auf Decken geschlafen, die auf dem Boden ausgebreitet waren, weil das Regenwasser die Bettwäsche überschwemmt hatte, und jetzt sind die Matratzen nass, sodass wir auf dem Boden schlafen.“
Es sieht so aus, als werde ein weiterer Winter die Menschen im Gazastreifen hart treffen. Und da sich die Regierungsbildung in Israel hinzieht und die Hamas weiter nicht entwaffnet ist, sind schnelle Verbesserungen nicht zu erwarten.
