Lettland will sich sprachlich stärker nach Europa orientieren – seit diesem Schuljahr darf Russisch an Schulen nicht mehr als Fremdsprache unterrichtet werden. Besonders populär wird stattdessen: Deutsch.
„Hallo! Guten Tag!“ – viel mehr Deutsch können die Fünftklässler an der Schule in Adazi bei Riga noch nicht. Erst seit ein paar Wochen lernen sie Deutsch als zweite Fremdsprache. Heute stehen die Farben auf dem Lehrplan.
Deutsch hat in Lettland zwar eine lange Tradition. Lange aber war Russisch als zweite Fremdsprache deutlich verbreiteter. Das ändert sich jetzt grundlegend.
Seit diesem Schuljahr darf Russisch an lettischen Schulen nicht mehr als Fremdsprache unterrichtet werden. Die Reform ist Teil einer Entwicklung, mit der sich Lettland stärker von Russland entfernen und zugleich stärker an Europa orientieren will.
Kompliziertes Verhältnis zur russischen Sprache
Lettland war bis 1991 Teil der Sowjetunion. Russisch wurde damals zur dominierenden Sprache in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. „Russisch war eigentlich nie unsere freie Wahl“, sagt Ieva Silina, stellvertretende Bildungsministerin Lettlands. „Wir waren 50 Jahre lang besetzt, und Russisch wurde uns einfach aufgezwungen.“
Jetzt wolle Lettland einen Schlussstrich ziehen. Das Land sei Teil Europas, und das solle sich auch im Bildungssystem widerspiegeln.
Doch bis heute spricht ungefähr ein Drittel der Menschen in Lettland zuhause Russisch: Auch im Alltag, bei Gesprächen in Cafés und Geschäften, ist die Sprache präsent.
Doch spätestens seit Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 versucht die lettische Regierung, sich maximal von allem zu distanzieren, was mit dem östlichen Nachbarland zu tun hat. Die Sorge ist groß, dass Russland in einigen Jahren versuchen könnte, auch das Baltikum zu überfallen.
Rund 57.000 Kinder lernen Deutsch
Von der Sprachreform profitiert vor allem Deutsch. Rund 57.000 lettische Kinder lernen laut Bildungsministerium inzwischen die Sprache. Knapp 600 Deutschlehrkräfte gibt es an den Schulen – doppelt so viele wie noch vor einigen Jahren. Auch andere europäische Fremdsprachen wie Französisch oder Spanisch werden angeboten. Deutsch aber hat besonders stark zugelegt.
An der Schule in Adazi unterrichtet allein Lehrerin Karina Della in diesem Schuljahr zehn Klassen. Die 38-Jährige hat einige Jahre in Deutschland gelebt. Für sie gibt es neben der politischen Entwicklung auch praktische Gründe für die Beliebtheit der Sprache.
Viele deutsche Unternehmen seien in Lettland aktiv, Deutschland sei einer der wichtigsten Handelspartner, erklärt sie. Zudem gebe es für viele Familien persönliche Verbindungen nach Deutschland, da vielen Letten dort arbeiteten, erzählt Della. „Somit besuchen dann die Kinder auch die Verwandten in Deutschland und haben mehr Motivation, Deutsch zu lernen.“ Deutschland sei für viele junge Letten deshalb kein Land, dessen Sprache sie nur für die Schule lernen.
Deutschland als Partner in Europa
Die 13-jährige Schülerin Evita sagt, sie könne sich vorstellen, später in Deutschland zu leben. Ihre Mutter habe ihr erzählt, dass man dort gut studieren könne. Außerdem sei Deutschland Teil der Europäischen Union. Auch Aleksandrs, ebenfalls 13, hat ein positives Deutschlandbild: „Sie haben viele coole Sachen erfunden, wie etwa Autos. Und es gibt viel gutes Essen, Kultur und Architektur.“
Das Goethe-Institut in Riga merkt den Deutsch-Boom in Lettland besonders. Es bietet Fortbildungen für Quereinsteiger als Deutschlehrer an – und die Kurse sind voll. Neue Deutschlehrer würden mancherorts in Lettland händeringend gesucht, sagt Jan Sprenger, Stellvertretender Leiter des Rigaer Goethe-Instituts.
„Für Deutschland besteht da eine Riesenchance, die EU zu leben“, so Sprenger. Sprache könne Verständigung und Austausch fördern und dadurch die Verbindung zwischen den Ländern stärken.
Mit der neuen Regel für seine Schulen verabschiedet Lettland sich ein Stück weiter von seiner sowjetischen Vergangenheit. Und eine neue Generation entdeckt Deutschland für sich – als Partner innerhalb Europas und für manche vielleicht sogar als möglichen Ort für die eigene Zukunft.

