Ein Kandidat liegt vorne, die Stimmen werden laufend ausgezählt, alles scheint auf einen klaren Wahlausgang hinauszulaufen. Dann verändert sich das Ergebnis plötzlich. Innerhalb einer einzigen Aktualisierung erhält der andere Kandidat Zehntausende Stimmen zusätzlich, womöglich sogar genug, um die Führung zu übernehmen. In sozialen Netzwerken tauchen kurz darauf Screenshots der Wahlgrafik auf, begleitet von der Frage, woher diese Stimmen so plötzlich kommen.
Solche Bilder gehören seit der US-Präsidentschaftswahl 2020 zu den wiederkehrenden Motiven von Wahlbetrugserzählungen. In den USA werden sie häufig als Ballot Drops oder Ballot Dumps bezeichnet. Gemeint sind große Stimmenblöcke, die scheinbar unvermittelt in einer laufenden Auszählung auftauchen. Donald Trump und andere politische Akteure haben solche Entwicklungen wiederholt als verdächtig dargestellt.
Doch wie die US-Faktencheckorganisation Snopes anhand mehrerer Wahlen erklärt, haben diese auffälligen Sprünge meist ganz gewöhnliche Ursachen. Sie entstehen durch unterschiedliche Auszählungsverfahren, zeitversetzte Meldungen aus Wahlbezirken und gelegentlich auch durch Fehler bei der Datenübertragung. Eine Wahlgrafik zeigt schließlich, wann Ergebnisse veröffentlicht werden. Sie zeigt nicht automatisch, wann die einzelnen Stimmen abgegeben oder ausgezählt wurden.
Warum Wahlergebnisse nicht gleichmäßig wachsen
Wer eine Wahlgrafik betrachtet, könnte erwarten, dass die Stimmenzahlen beider Kandidaten kontinuierlich ansteigen. Tatsächlich funktioniert die Veröffentlichung von Wahlergebnissen in den USA häufig anders. Ergebnisse werden von lokalen Wahlbehörden gesammelt, zusammengeführt und in größeren Blöcken gemeldet. Zwischen zwei Aktualisierungen können daher mehrere Minuten oder auch deutlich längere Zeiträume liegen.
Wenn ein bevölkerungsreicher Bezirk seine ausgezählten Stimmen übermittelt, kann sich die Gesamtzahl innerhalb weniger Sekunden stark verändern. Besonders deutlich wird das, wenn dieser Bezirk überwiegend demokratisch oder republikanisch wählt. Dann erhält eine Partei auf einen Schlag wesentlich mehr Stimmen als die andere.
Das Election Integrity Partnership, ein Forschungsverbund, der sich mit Desinformation rund um US-Wahlen beschäftigt hat, untersuchte solche Grafiken bereits 2022. Die Forschenden erklärten, dass Stimmenzuwächse in großen Blöcken zum normalen Ablauf amerikanischer Wahlen gehören. Entscheidend ist, welche Wahlbezirke ihre Ergebnisse melden, wann sie das tun und welche Arten von Stimmzetteln gerade verarbeitet werden.
Ein plötzlicher Anstieg bedeutet deshalb zunächst nur, dass eine größere Zahl bereits ausgezählter Stimmen in der veröffentlichten Statistik sichtbar geworden ist. Über die Rechtmäßigkeit dieser Stimmen lässt sich allein aus dem Verlauf einer Kurve nichts ableiten.
Wisconsin 2020: Als Milwaukee auf einen Schlag 170.000 Stimmen meldete
Ein besonders bekanntes Beispiel stammt aus der US-Präsidentschaftswahl 2020. In Wisconsin lag Donald Trump während eines Teils der Auszählung vor Joe Biden. Am frühen Morgen des 4. November veränderte sich die Situation, als aus Milwaukee eine große Zahl von Briefwahlstimmen gemeldet wurde.
Nach den von Snopes angeführten Berichten wurden gegen 3.30 Uhr rund 170.000 Briefwahlstimmen aus Milwaukee in die Ergebnisübersicht übernommen. Die Stadt ist stark demokratisch geprägt. Entsprechend erhielt Biden aus diesem Stimmenblock deutlich mehr Stimmen als Trump und übernahm dadurch die Führung in Wisconsin.
Für Menschen, die lediglich den zeitlichen Verlauf der Wahlgrafik betrachteten, konnte das wie eine plötzliche Veränderung des Wahlergebnisses aussehen. Tatsächlich spiegelte der Sprung die Veröffentlichung eines großen, zuvor ausgezählten Stimmenblocks wider.
Hinzu kommt eine Besonderheit des Wahlrechts in Wisconsin: Die Verarbeitung von Briefwahlstimmen darf dort erst am Wahltag beginnen. Briefwahlstimmen benötigen außerdem zusätzliche Arbeitsschritte, etwa die Überprüfung der Unterlagen. Dadurch können ihre Ergebnisse später veröffentlicht werden als andere Stimmen.
Die Entwicklung in Wisconsin wurde dennoch zu einem prominenten Bestandteil der Erzählung, Biden habe durch plötzlich aufgetauchte Stimmen gewonnen. Der dokumentierte Ablauf in Milwaukee liefert jedoch eine nachvollziehbare Erklärung für den auffälligen Anstieg.
Auch in Georgia sorgten große Städte für auffällige Sprünge
Ein ähnliches Muster zeigte sich bei der US-Senatswahl 2022 in Georgia. Dort verbreitete der Unternehmer und Trump-Unterstützer Mike Lindell Grafiken, die angeblich ungewöhnliche Stimmenzuwächse für den demokratischen Kandidaten Raphael Warnock zeigten. Lindell deutete die Ausschläge als Hinweise auf Wahlmanipulation.
Doch auch hier spielte die geografische Herkunft der gemeldeten Stimmen eine wesentliche Rolle. Wie PolitiFact berichtete, ließ sich ein auffälliger Anstieg zugunsten Warnocks durch die Veröffentlichung eines großen Stimmenblocks aus Fulton County erklären. Zu diesem Bezirk gehört Atlanta, eine bevölkerungsreiche Region mit vielen demokratischen Wählerinnen und Wählern.
Die politische Zusammensetzung der einzelnen Regionen beeinflusst damit auch den zeitlichen Verlauf der veröffentlichten Ergebnisse. Werden zuerst kleinere, überwiegend republikanische Bezirke gemeldet und später große demokratisch geprägte Städte, kann sich die Stimmenverteilung erheblich verändern. Der umgekehrte Verlauf ist ebenfalls möglich.
Eine Grafik, die ausschließlich den Anstieg der Stimmenzahlen darstellt, enthält diese geografischen Informationen oft nicht. Ohne sie lässt sich ein auffälliger Sprung leicht falsch interpretieren.
Die Briefwahl kann das Bild zusätzlich verändern
Eine weitere Ursache liegt in den unterschiedlichen Regeln zur Briefwahl. In den USA bestimmen die einzelnen Bundesstaaten weitgehend selbst, wann Briefwahlunterlagen vorbereitet, überprüft und ausgezählt werden dürfen.
Manche Bundesstaaten erlauben es, Briefwahlstimmen schon vor dem eigentlichen Wahltag zu verarbeiten oder auszuzählen. Die Ergebnisse dürfen allerdings erst nach Schließung der Wahllokale veröffentlicht werden. Dadurch kann unmittelbar nach dem Ende der Abstimmung bereits ein großer Stimmenblock in der Ergebnisübersicht erscheinen.
Andere Bundesstaaten beginnen mit der Verarbeitung wesentlich später. Dort kann es länger dauern, bis die Briefwahlstimmen in die veröffentlichten Ergebnisse einfließen.
Auch die politische Zusammensetzung der Briefwählerschaft spielt eine Rolle. Bei vergangenen US-Wahlen nutzten demokratische Wählerinnen und Wähler die Briefwahl häufig stärker als republikanische. Je nachdem, wann diese Stimmzettel ausgezählt und gemeldet werden, können sich die Zwischenstände zunächst zugunsten einer Partei entwickeln und später wieder verändern.
Wer solche Unterschiede nicht berücksichtigt, könnte eine ganz normale Verschiebung im Zwischenstand als manipuliertes Wahlergebnis missverstehen.
Michigan: Ein zusätzliches Nullzeichen sorgte für einen gewaltigen Fehler
Nicht jeder ungewöhnliche Ausschlag in einer Wahlstatistik lässt sich durch große Wahlbezirke oder Briefwahl erklären. Manchmal handelt es sich tatsächlich um einen Fehler. Allerdings ist auch das für sich genommen noch kein Beweis für Wahlbetrug.
Bei der Präsidentschaftswahl 2020 wurde im Shiawassee County im US-Bundesstaat Michigan zunächst eine falsche Stimmenzahl für Joe Biden veröffentlicht. Statt 15.371 Stimmen waren plötzlich 153.710 Stimmen ausgewiesen. Durch ein zusätzliches Nullzeichen war die Zahl versehentlich auf das Zehnfache angewachsen.
Der Fehler wurde nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP rasch korrigiert. Donald Trump gewann den Bezirk schließlich. Trotzdem kursierte die fehlerhafte Zahl als vermeintlicher Beleg dafür, dass Stimmen für Biden künstlich hinzugefügt worden seien.
Der Fall zeigt, warum bei auffälligen Wahlgrafiken zwischen den offiziell ausgezählten Stimmen und den veröffentlichten Zwischenständen unterschieden werden muss. Ein Eingabefehler kann in einer laufend aktualisierten Darstellung einen enormen Ausschlag erzeugen. Wird er anschließend korrigiert, sieht die Grafik möglicherweise so aus, als wären Stimmen wieder verschwunden.
Die Existenz eines solchen Fehlers ist überprüfbar. Daraus folgt allerdings noch nicht, dass die eigentliche Wahl manipuliert wurde.
Illinois 2022: Eine Million zusätzliche Stimmen durch eine falsche Ziffer
Ein besonders anschauliches Beispiel dokumentierte AFP bei der Senatswahl 2022 in Illinois. In einer Ergebnisdarstellung erschien plötzlich ein Stimmenzuwachs von ungefähr einer Million für die demokratische Senatorin Tammy Duckworth.
Der Ausschlag wurde ebenfalls als vermeintlicher Beweis für Betrug verbreitet. Tatsächlich lag nach Angaben von Edison Research ein Fehler bei der Übertragung von Wahldaten vor. Bei der Stimmenzahl aus Rock Island war versehentlich eine 9 an den Anfang gesetzt worden.
Rob Farbman, Vizepräsident von Edison Research, erklärte gegenüber AFP, dass dieser Eingabefehler innerhalb weniger Minuten korrigiert wurde. Die fehlerhafte Veröffentlichung hatte keinen maßgeblichen Einfluss auf das Wahlergebnis.
Besonders problematisch ist bei solchen Fällen, dass Screenshots der falschen Zwischenstände weiterhin verbreitet werden können, obwohl die zugrunde liegenden Daten längst berichtigt wurden. Wer nur das ursprüngliche Bild sieht, bekommt von der Korrektur unter Umständen überhaupt nichts mit.
Warum eine auffällige Kurve noch keine Beweisführung ist
Die Beispiele aus Wisconsin, Georgia, Michigan und Illinois haben unterschiedliche Ursachen. Gemeinsam ist ihnen, dass einzelne Veränderungen in Wahlgrafiken aus ihrem Zusammenhang herausgelöst und als verdächtig dargestellt wurden.
Für eine verlässliche Bewertung müsste man zunächst wissen, aus welchem Wahlbezirk die gemeldeten Stimmen stammen, welche Wahlregeln dort gelten und ob möglicherweise ein Fehler in der Datenübertragung vorliegt. Auch die ursprüngliche Datenquelle ist entscheidend. Eine Grafik eines Medienunternehmens oder eines Drittanbieters muss nicht in jeder Phase mit den offiziellen Daten der Wahlbehörde übereinstimmen.
Das Election Integrity Partnership verwies in seiner Untersuchung darauf, dass grafische Darstellungen häufig einen wissenschaftlichen Eindruck vermitteln. Zahlen, Kurven und technische Begriffe können überzeugend wirken, selbst wenn die Interpretation der dargestellten Daten methodisch nicht haltbar ist.
Die Forschenden warnten deshalb davor, aus einer bloßen Betrachtung auffälliger Diagramme weitreichende Behauptungen über Wahlbetrug abzuleiten. Eine ungewöhnliche Kurve kann Anlass für Nachfragen sein. Ob tatsächlich eine Unregelmäßigkeit vorliegt, lässt sich erst durch die Überprüfung der zugrunde liegenden Daten und Abläufe beurteilen.
Am Wahlabend stehen die endgültigen Ergebnisse noch gar nicht fest
Ein weiterer Punkt wird in der öffentlichen Diskussion häufig übersehen: Die Ergebnisse, die während einer US-Wahlnacht im Fernsehen oder im Internet erscheinen, sind vorläufig.
Die zuständigen Wahlbehörden müssen die gemeldeten Zahlen anschließend überprüfen und miteinander abgleichen. Dabei wird unter anderem kontrolliert, ob alle gültigen Stimmen berücksichtigt wurden und die dokumentierten Zahlen zusammenpassen. Je nach Bundesstaat und Wahlverfahren kommen zusätzliche Prüfungen oder Nachzählungen hinzu.
Erst mit der offiziellen Bestätigung durch die zuständigen Behörden wird aus dem vorläufigen Zwischenstand ein verbindliches Wahlergebnis. Auch die US Election Assistance Commission weist ausdrücklich darauf hin, dass die in der Wahlnacht veröffentlichten Zahlen noch keine endgültig bestätigten Ergebnisse sind.
Wenn Fernsehsender oder Nachrichtenagenturen bereits einen Wahlsieger ausrufen, handelt es sich um eine auf den verfügbaren Daten beruhende Prognose. Die rechtlich maßgebliche Feststellung des Ergebnisses erfolgt durch die Wahlbehörden.
Was auffällige Wahlgrafiken tatsächlich aussagen
Die US-Zwischenwahlen 2026 könnten alte Erzählungen über angebliche Ballot Dumps erneut in Umlauf bringen. Die entsprechenden Behauptungen sind seit der Präsidentschaftswahl 2020 bekannt und wurden auch während der Zwischenwahlen 2022 verbreitet.
Wer künftig einen Screenshot sieht, auf dem die Stimmenzahlen plötzlich stark ansteigen, sollte deshalb zuerst nach der Herkunft der Daten und dem Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung fragen. Besonders aufschlussreich ist, welche Bezirke gerade gemeldet wurden und ob Briefwahlstimmen im betreffenden Bundesstaat erst spät ausgezählt werden durften.
Ein auffälliger Stimmenzuwachs lässt sich nicht automatisch als Betrug bewerten. Umgekehrt wäre es ebenso falsch, jede denkbare Unregelmäßigkeit grundsätzlich auszuschließen. Die dokumentierten Fälle zeigen vielmehr, dass die Erklärung häufig im tatsächlichen Ablauf der Auszählung liegt und sich durch überprüfbare Informationen finden lässt.
Eine Wahlgrafik kann sichtbar machen, wie sich ein Ergebnis verändert. Weshalb es sich verändert, muss man gesondert recherchieren.
U.S. Election Assistance Commission
30. Juli 2026
Election Integrity Partnership
13. November 2022
AFP Fact Check
Ohne Datumsangabe
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Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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