Nächster Eklat statt GesprächTreffen zwischen Linken-Chef und Vonovia platzt in letzter Minute

Im Mai vereinbaren der Wohnungskonzern Vonovia und die Linke, sich auf ein Gespräch zu treffen. Der Termin platzt an der Frage der Öffentlichkeit. Die Linke darf sowohl den Termin als auch sein Platzen als Erfolg verbuchen.
Die Ausgangslage hätte kaum konfliktreicher sein können: Linken-Chef Luigi Pantisano, dessen Partei den Immobilienkonzern Vonovia als „Mietenmafia“ bezeichnet, wollte sich an diesem Dienstag mit Vonovia-Vorstandschef Luka Mucic treffen. Dessen Unternehmen wäre von den Vergesellschaftungsplänen der Linken in Berlin massiv betroffen. Der Termin ist in letzter Minute geplatzt: Statt miteinander zu reden, haben die beiden sich auf ein Schwarze-Peter-Spiel verlegt.
Schon der Ort des Gesprächs war zwischen Linken und Vonovia bis zuletzt umstritten. Zunächst sollte das Treffen im Bundestag stattfinden. Das wollte die Linke dann doch nicht, weil Pantisano nicht in seiner Eigenschaft als Bundestagsabgeordneter auftrat, sondern als Parteivorsitzender. Also wurde Mucic ins Karl-Liebknecht-Haus eingeladen, die Berliner Parteizentrale der Linken. Das wiederum behagte Vonovia nicht. Das Unternehmen schlug am Montag ein Gespräch per Video vor, was den Linken zu wenig war.
Das Gespräch scheitert an einer Frage
Die Partei buchte daher kurzfristig einen Raum in einem neutralen Bürogebäude in Berlin-Mitte. Am Montagabend lud Mucic Pantisano daraufhin ins Berliner Hauptstadtbüro von Vonovia ein. Pantisano sagte zu – unter der Bedingung, dass ein Journalist teilnehmen würde. Daran scheiterte das seit Monaten verabredete Treffen: Vonovia lehnte diese Bedingung am Dienstagmorgen ab.
Beim Schwarze-Peter-Spiel zwischen Linken und Vonovia geht es vor allem darum, ob die Teilnahme des Journalisten abgesprochen war. Pantisano sagte, dies sei „von Anfang an“ Teil der Abmachung gewesen. Es gehöre nicht zum politischen Verständnis seiner Partei, „dass wir Hinterzimmergespräche mit Lobbyisten führen“.
Vonovia bestreitet diese Darstellung. „Einer journalistischen Begleitung des vertraulichen Gesprächs“ habe Vonovia „von Anfang an“ nicht zugestimmt, sagte Unternehmenssprecherin Nina Henckel ntv.de.
Bei dem Journalisten handelt es sich um den Verfasser dieses Artikels. Endgültiger Aufschluss über den Streit kann hier dennoch nicht gegeben werden: ntv.de war wegen des Treffens seit Juni im Gespräch mit der Linken, seit Ende September mit Vonovia-Sprecherin Henckel. Eine förmliche Zusage der Teilnahme von ntv.de durch Vonovia gab es in dieser Zeit nicht, allerdings auch keine Absage. Die erfolgte am späten Montagnachmittag telefonisch.
Linke haben „weit über 700 Fälle“ von Beschwerden gegen Vonovia gesammelt
Pantisano sagte am Montag, es sei schon ein Erfolg, „dass wir uns zusammensetzen“. Die Debatte zeige, „dass niemand an der Linken vorbeikommt beim Thema Miete“. Er freue sich darauf, Mucic „weit über 700 Fälle vorzulegen“ von Vonovia-Mietern, die sich mit ihren Problemen bei der Partei gemeldet hätten.
Solche Beschwerden sammelt die Linke bereits seit Monaten: Im Mai rief die Partei ein Meldeportal ins Leben, auf dem Vonovia-Mieter auf Missstände hinweisen können. Oder, wie die Linke es formuliert: auf „Miet-Abzocke“.
Die Fälle sind nicht unabhängig bestätigt; es können 700 Beschwerden sein, die allesamt einen echten Grund haben. Es könnte sich aber auch um Übertreibungen oder längst erledigte Fälle handeln. So stellt Vonovia es dar: „Viele Vorwürfe der Linken sind mehrere Jahre alt und längst geklärt“, sagte Mucic der Nachrichtenseite t-online im September. „Der Vorwurf, dass wir Siedlungen verkommen lassen, stimmt einfach nicht.“
Einladung kam im Mai
Vonovia ist für die Linke schon lange ein Feindbild, mit dem die Partei sehr erfolgreich operiert – erst recht, seit die Partei Mietenpolitik zum Schwerpunkt ihrer Kampagnen gemacht hat. „Wir werden Vonovia aufs Dach steigen“, kündigte der damalige Linken-Vorsitzende Jan van Aken an, als das Meldeportal vorgestellt wurde.
Wenige Tage später schickte Mucic van Aken die Einladung zu dem nun geplatzten Treffen, ntv erhielt damals eine Kopie der Einladung. Gegen Vonovia würden Vorwürfe erhoben, die pauschal, verkürzt und in Teilen nachweislich unzutreffend seien, hieß es darin. Mittlerweile hat Pantisano van Aken als Linken-Co-Chef abgelöst – deshalb wäre er es gewesen, der sich mit Mucic treffen sollte.
Vorwürfe, die es in sich haben
In Vorbereitung des Treffens schickte Pantisano am 18. September einen sechsseitigen Fragenkatalog an Mucic, indem über das Meldeportal gesammelte Beschwerden aufgelistet waren. Die Fragen basieren auf Vorwürfen, die es in sich haben.
Nach Darstellung von Pantisano geht es in den Mieter-Beschwerden unter anderem um Mängel wie Schimmel in den Wohnungen, der nicht beseitigt werde; um Heizkostennachzahlungen, für die keine Belege vorgelegt würden; um Mieterhöhungen, die mit frei erfundenen Merkmalen begründet würden; um Nebenkostenabrechnungen, in denen Leistungen abgerechnet würden, die kaum oder nicht stattfänden, zudem um Nebenkosten, bei denen Tochterfirmen mit der Arbeit beauftragt worden seien, was zu intransparenten Abrechnungen führe.
Über all diese Punkte habe er mit Mucic sprechen wollen, sagt Pantisano ntv.de. Am häufigsten sei von Vonovia-Mietern der Punkt von illegalen, unbegründeten Mieterhöhungen genannt worden. Pantisano geht davon aus, dass der Konzern seine Mieter „vorsätzlich und systematisch mit illegalen Methoden abzockt“. Deswegen spreche er „von einer Mietenmafia mit systematischen Methoden, das Leben der Mieter schwer zu machen“.
Diese Rhetorik war der Grund, warum Vonovia mit den Linken ins Gespräch kommen wollte. „Ich bin überzeugt, dass Polemik und persönliche Angriffe niemandem weiterhelfen“, sagte Mucic dem „Handelsblatt“ in einem Interview, das Stunden vor dem ursprünglich geplanten Termin erschien. „Wir werden sehen, ob die andere Seite das auch so sieht.“ Dem Vonovia-Vorstand geht es dabei nach eigenem Bekunden auch um die Mitarbeiter. „Bei uns arbeiten allein 5000 Handwerker, die sich jeden Tag um die Wohnungen unter Mieterinnen und Mieter kümmern.“ Sie sind auch bei hier gemeint: „Der Vergleich von Herrn Pantisano von Vonovia mit der Mietenmafia hat viele von ihnen sehr empört.“ Der Satz, in einer kürzeren Version Teil des „Handelsblatt“-Interviews, findet sich in einer Entgegnung von Vonovia auf die Vorwürfe der Linken, die der Konzern am Dienstag veröffentlichte.
Alles nur Einzelfälle oder System?
Zudem verweist Mucic darauf, dass die Kundenzufriedenheit bei 77,5 Prozent liege; das ist sogar noch ein Punkt mehr als im Geschäftsbericht 2025, wo bereits „ein Allzeithoch“ in der Kundenzufriedenheit verkündet worden war. Die rund 700 Fälle belegen aus Sicht von Vonovia denn auch „kein strukturelles Fehlverhalten“, wie Sprecherin Henckel betont. Die Linke greife „überwiegend bekannte und bereits öffentlich beantwortete Einzelfälle auf und leitet daraus ein vermeintliches System ab“.
Dies wiederum weist Pantisano zurück. „Es handelt sich ausschließlich um aktuelle Fälle“, sagt er. Auch den Vorwurf, mit Begriffen wie „Mietenmafia“ überziehe die Linke, lässt der Linken-Chef nicht gelten. „Im Vergleich dazu, wie die Mieterinnen und Mieter über Vonovia sprechen, äußern wir uns sehr sachlich.“
Vonovia, Europas größter Immobilienkonzern, ist ein börsennotiertes Unternehmen mit 130.000 Wohnungen allein in Berlin. Mehr als 100.000 davon gehören dem ebenfalls börsennotierten Unternehmen Deutsche Wohnen, das sich seit 2021 mehrheitlich im Besitz von Vonovia befindet. Damit ist Vonovia das größte Vermietungsunternehmen in Berlin und steht schon deshalb in der Hauptstadt immer wieder in der Kritik.
Und dann ist da noch die geplante Vergesellschaftung
Neben den Vorwürfen gegen Vonovia hätte das Treffen einen weiteren Hintergrund gehabt: die Vergesellschaftungspläne der Linken in Berlin. Auch hier ist Vonovia das zentrale Feindbild. Die Kampagne für den Volksentscheid für eine „Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen“ aus dem Jahr 2021 hieß denn auch „Deutsche Wohnen & Co enteignen“.
Der Volksentscheid war damals erfolgreich, hatte aber nur Aufforderungscharakter. Den Berliner Abgeordnetenhauswahlkampf führte Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp vor allem mit der Ankündigung, sie werde 220.000 Wohnungen vergesellschaften. Dies würde den gesamten Bestand von Vonovia in Berlin betreffen – ein Viertel des Gesamtbestandes von Vonovia.
Was aus den Vergesellschaftungsplänen wird, ist noch offen, denn Linke, Grüne und SPD haben gerade erst mit ihren Sondierungen begonnen. Aber für Vonovia wäre eine Vergesellschaftung, sollte es dazu kommen und vor Gerichten Bestand haben, ein drastischer Verlust, zumal die Linke angekündigt hat, dass die Eigentümer weit unter dem Verkehrswert entschädigt werden sollen.
Mucic hätte den Linken dazu vielleicht ein Angebot mitgebracht. Im Interview mit dem „Handelsblatt“ deutete er an, dass eine Berliner Landesregierung Vonovia auch billiger unter Kontrolle bekommen könnte. „Eine Sperrminorität von 25 Prozent an Vonovia, mit der wichtige Entscheidungen blockiert werden könnten, wäre bereits für weniger als vier Milliarden Euro zu haben.“
