Der Krieg im Jemen bedroht nicht nur eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt, sondern auch die lokale Wirtschaft. Viele Existenzen sind bedroht, die mögliche Teilung des Landes in Nord und Süd wird diskutiert.
Kurz vor Sonnenuntergang sei Mukalla der schönste Ort der Welt, sagen die Fischerbrüder Jamal und Mubarak bin Aaidan. Dann spiegeln sich die rotsandigen Berge in der Bucht am Golf von Aden. Für die Brüder ist es die Zeit, hinauszufahren und Netze auszuwerfen, wie schon Generationen ihrer Familie vor ihnen.
Doch das Meer, von dem sie leben, ist gefährlicher geworden. Die Huthi greifen seit 2023 immer wieder internationale Handelsschiffe an. Sie wollen damit vor allem Israel, die USA und Saudi-Arabien unter Druck setzen. Die Meerenge Bab al-Mandab, durch die ein erheblicher Teil des Welthandels verläuft, ist ein strategischer Engpass.
„Wir brauchen das Meer“
Aabed al-Thawer, Militärberater des Huthi-Verteidigungsministeriums, droht gegenüber der ARD mit einer Ausweitung der Blockade: „Wir haben Bab al-Mandab für Saudi-Arabien gesperrt. Sollte ein anderes Land in den Konflikt eingreifen, müssten wir die Meerenge für alle schließen.“
Für den Fischer Jamal bin Aaidan geht es nicht um Weltpolitik, sondern um den Lebensunterhalt seiner Familie. „Wir brauchen das Meer. Es ernährt unsere Kinder. Wenn wir nicht mehr hinausfahren können, ist es für uns vorbei.“
Wichtige Absatzmärkte sind weggebrochen
Auch im Landesinneren bestimmt der Krieg den Alltag. Auf dem Mittwochsmarkt in Wadi Doan werden getrockneter Fisch, Gewürze und Honig angeboten. Unter einem Baum drängen sich die Menschen allerdings um andere Waren: Gewehre, Dolche und Messer. Viele wollen vorbereitet sein, falls die Kämpfe näher rücken.
Der Jemen ist nicht nur ein Land der Waffen. Er ist auch für seinen Sidr-Honig bekannt, der als besonders hochwertig gilt. Honighändler Faisal Baeesa lebt vom Verkauf, doch wichtige Absatzmärkte sind weggebrochen. „Es gibt keinen Export mehr in die Golfstaaten“, sagt er. Saudi-Arabien habe alles gestoppt. „Der Krieg trifft uns alle.“
Die Frontlinien reichen damit weit über die Kampfgebiete hinaus. Wenn der Handel stockt, verlieren auch Menschen ihr Einkommen, die selbst keine Waffe tragen.
Ein Land, zwei Staaten?
Der Krieg verschärft auch die Frage, wie der Jemen künftig aussehen soll. Im Süden wehen in Mukalla die Flaggen separatistischer Gruppen. Viele Menschen wollen sich vom Norden lösen und einen eigenen Staat gründen.
Faisal Baeesa gehört dazu. Er lehnt die Huthi ab, sieht aber auch den Einfluss Saudi-Arabiens kritisch. Einen gemeinsamen Staat hält er nicht mehr für die Lösung: „Definitiv zwei Jemen – Nord und Süd. Dort die Huthi, hier bei uns der Süden. Zwei Länder.“
Andere wollen die Einheit bewahren. Jumaa Haatroush lebt an der Küste und arbeitet dort, wo viele Männer wegen des Krieges fehlen. Sie gehört zu den Frauen, die Salz gewinnen, um ihre Familien durchzubringen.
Der Verdienst ist gering, die Arbeit hart. Trotzdem will sie nicht, dass das Land auseinanderbricht: „Wir sind ein Volk, ohne Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Menschen. Es braucht Frieden.“
Regierung ruft Bevölkerung zur Mobilisierung auf
Während im Süden über Unabhängigkeit gestritten wird, rückt die Front in anderen Landesteilen näher. Die Huthi kontrollieren weiterhin große Gebiete im Norden. Regierungstruppen und mit ihnen verbündete Kräfte versuchen, deren Vormarsch aufzuhalten. Die international anerkannte Regierung hat die Bevölkerung zur Mobilisierung gegen die Huthi aufgerufen.
Doch der Ruf nach mehr Kämpfern stößt auch auf Widerspruch. Abu Bakr Omar fragt, was es bringen solle, wenn Jemeniten gegen Jemeniten kämpfen: „Falsch! Gegen wen denn?“, fragt er. „Gegen die eigenen Brüder? Was ist das für ein Krieg?“
In der Heimat keine Perspektive
Für viele bleibt das Meer zugleich Handelsweg und Fluchtroute. Tausende Jemeniten wagen die gefährliche Überfahrt nach Dschibuti, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektive mehr sehen. Andere bleiben und versuchen, mit dem Krieg zu leben.
Jamal bin Aaidan will weiter fischen. Das Meer ist für ihn keine politische Karte und keine Waffe, sondern die Grundlage seines Lebens. Er hofft, dass er auch morgen wieder hinausfahren kann. „Wir wollen arbeiten und unsere Familien ernähren“, sagt er. „Wir wollen einfach in Frieden leben.“

