Pariser Autosalon wieder wichtigViele Weltpremieren, Retro-Charme und China-Power
Weniger Glamour, weniger Gedränge, dafür jede Menge Neuheiten: Der Pariser Autosalon hat nach zwei schwachen Ausgaben wieder deutlich gewonnen. Vor allem die Franzosen mit einem Retro-Feuerwerk und die chinesischen Newcomer sorgen für Aufsehen.
Der Pariser Autosalon ist leiser geworden. Wo früher Lautsprecher wummerten und die Hitze der Scheinwerfer für Schweißperlen sorgte, geht es heute entspannter zu. Die vielen Glamourgirls sind verschwunden, statt weicher Teppiche gibt es vielerorts nackten Betonboden. Auch das Gedränge hat nachgelassen. Doch wer darin Anzeichen für die Automesse als Auslaufmodell sieht, täuscht sich.
Nach den recht enttäuschenden Ausgaben 2022 und 2024 hat der Pariser Autosalon 2026 wieder spürbar an Relevanz gewonnen. Zwar verteilen sich die Aussteller auf nur vier große Hallen, in denen man noch freie Flächen entdeckt. Dafür locken zahlreiche Weltpremieren, spektakuläre Konzeptautos und ungewöhnlich viele chinesische Hersteller.
Entsprechend geschäftig geht es am ersten Pressetag zu. Wie einst eilen Heerscharen von Journalisten, Analysten und Influencern von einer Pressekonferenz zur nächsten. Wird irgendwo ein Premierentuch gelüftet, recken sich zahllose Smartphones in die Höhe. Wenn auch mit weniger Tamtam: Der klassische Messezirkus lebt noch.
Französische Autobauer sind Retro unterwegs
Groß aufgetischt haben die französischen Hersteller, die zudem tief in ihre Geschichtsbücher geblickt haben. Retro ist einer der großen Trends dieser Messe, natürlich bevorzugt in Kombination mit E-Antrieb. Der wohl größte Publikumsliebling ist die Neuinterpretation der legendären Ente.
Mit dem 2CV Concept zeigt Citroen, wie ein elektrischer Volks-Wagen von morgen aussehen könnte. Die unverwechselbaren Proportionen des historischen Vorbilds wurden geschickt in die Gegenwart übersetzt, während der knallgelbe Innenraum den Look der 1950er-Jahre mit moderner Technik kombiniert. Nostalgie trifft auf zeitgemäßen Charme.
Eine Serienversion soll 2028 antreten und deutlich weniger als 20.000 Euro kosten. Was vom verspielten Charakter der Studie dann übrig bleibt, wird sich zeigen. Mit einer Fourgonnette-Variante erinnert Citroen auch an den einstigen Lieferwagen-Ableger der Ente.
Stellantis öffnet Fantasiekiste ganz weit
Citroens Konzernmutter Stellantis hat für Paris die Fantasiekiste auch für andere Marken weit geöffnet. Peugeot lässt das Sportcoupé RCZ als dramatisch gezeichnete Elektrovision wiederauferstehen, während Fiat den einst wegen seines ungewöhnlichen Designs umstrittenen Multipla als futuristischen Crossover rehabilitiert. Hinzu kommen Studien, die Auge und Herz ansprechen.
Opel gibt mit dem STX Concept und seiner eleganter Shooting-Brake-Silhouette einen Ausblick auf die Astra-Zukunft. Alfa Romeo steuert das wohlproportionierte Viertürer-Coupé Cuorerosso bei, während DS den schicken Kleinwagen F3ver und Peugeot das muskelbepackte Kleinwagen-Konzept E-T16, der Elemente des kommende 208 andeuten soll, enthüllt. Wenn auch nicht jede Vision den Weg in die Serie finden dürfte: Alle machen Lust auf die Autozukunft.
Auch Renault und die Sportwagentochter Alpine haben nach R4 und R5 weitere Schätze ihrer langen Historie entdeckt. Der Espace, zuletzt zum SUV mutiert, kehrt in Paris als elektrischer Van zu seinen Wurzeln zurück. Mit dem JP 4×4 deutet Renault eine luftige Strandbuggy-Zukunft des R4 an.
Ein Hingucker ist auch der R8 Gordini Concept mit Rallyestreifen, Breitbaukarosserie und 270-Elektro-PS. Alpine wiederum lässt den Sportwagen A310 aus den 1970er-Jahren als futuristische, aber unverkennbar an das Original erinnernde Vision wiederauferstehen.
Ebenfalls auf Rückbesinnung setzt Smart. Mit dem neuen #2 bringt die Marke den 2024 eingestellten Fortwo zurück. Der ausschließlich elektrische Zweisitzer setzt wie der Fortwo auf ultrakompakte Abmessungen und bietet zugleich deutlich mehr Reichweite und Alltagstauglichkeit. Mit einem Einstiegspreis von 19.990 Euro zeigt Smart zudem, dass die Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln nicht teuer sein muss.
22 chinesische Automarken in Paris vertreten
Während Europas Hersteller ihre Vergangenheit neu entdecken, arbeiten die chinesischen Wettbewerber mit Hochdruck an ihrer Zukunft auf dem europäischen Markt. Nicht weniger als 22 chinesische Automarken sind in Paris vertreten, so viele wie noch nie auf einer europäischen Automesse. Zwar stecken hinter manchen Namen dieselben Konzerne, doch die Vielfalt ist so oder so beeindruckend.
So zeigt Chery neben seiner Kernmarke auch die Newcomer Omoda und Jaecoo. Auch an andere Namen wie Avatr, Nevo, Forthing oder Li Auto werden sich europäische Autokäufer erst noch gewöhnen müssen. Dabei sind einige dieser Marken in China längst etablierte Größen. Die SUVs und Vans von Li Auto gehören in Metropolen wie Peking oder Shanghai zum Straßenbild. 2027 will das Unternehmen in Europa durchstarten. Andere chinesische Marken wie BYD, Leapmotor oder Xpeng sind hier bereits angekommen.
Dass sich die Kräfteverhältnisse verschoben haben, zeigt auch das Auftreten der Hersteller aus China. Früher präsentierten sie sich auf europäischen Messen häufig auf unscheinbaren Ständen in abgelegenen Hallenecken. Das Personal sprach mitunter kaum Englisch, vertrieb sich die Zeit mit Instantnudeln und wartete offenbar vor allem auf den Feierabend. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Manche Hersteller haben riesige Flächen angemietet mit imposanten Bühnen und weltgewandten Teams.
Die Chinesen klotzen
Auch bei den Fahrzeugen klotzen die Chinesen. Auffällig häufig stehen große, luxuriös ausgestattete Vans und XL-SUVs auf den Messeständen. Die besten Plätze befinden sich hier oft im Fond, wo großzügige Einzelsitze mit allerlei Komfortfunktionen zum entspannten Reisen einladen. Nicht selten sorgen Plug-in-Hybridantriebe mit besonders großen Batterien dafür, dass sich auch längere Strecken rein elektrisch zurücklegen lassen. Imposant ist etwa der Avatr T09 mit einem Benziner und drei E-Motoren, die zusammen auf über 1.000 PS kommen. Trotz Verbrenner kommt die Batterie auf 71 kWh für rund 300 Kilometer E-Reichweite.
Daneben gibt es Stromer in nahezu allen erdenklichen Formaten. Mal rundlich und niedlich wie die kleinen Stadtflitzer von GAC Aion, mal flach, aggressiv und geradezu absurd leistungsstark wie der Denza Z mit 1.180 kW/1.605 PS.
Die Flut neuer Modelle zeigt, mit welchem Nachdruck China nach Europa drängt. Doch der Platz am automobilen Futtertrog dürfte längst nicht für alle reichen. Angesichts der Marken- und Modellflut wird der Verdrängungswettbewerb in den kommenden Jahren deutlich an Schärfe gewinnen. So viel scheint schon heute klar: Nicht alle werden sich dauerhaft behaupten können.
Japan und USA nur sparsam präsent
Wie unterschiedlich die Hersteller den Pariser Autosalon gewichten, zeigt ein Rundgang durch die Hallen. Die einst zahlreich vertretenen Japaner halten nur noch mit Honda, Subaru und Toyota die Fahne hoch. Auf kleinen Ständen zeigen sie durchaus interessante Modelle aus ihrem aktuellen Programm, echte Neuheiten sucht man allerdings vergebens. Von Aufbruchstimmung ist hier nichts zu spüren.
Ähnlich zurückhaltend präsentieren sich die US-amerikanischen Elektroautohersteller Tesla und Lucid. Ford leistet sich dagegen einen großen Auftritt, setzt aber statt auf Premieren auf historische Rallye-Fahrzeuge und aktuelle Performance-Modelle. Bei den traditionell motorsportbegeisterten Franzosen dürfte das auf Interesse stoßen.
Deutlich mehr Zukunft zeigen die Koreaner. Kia und Hyundai sind mit großen Messeständen und zahlreichen Elektroautos vertreten. Hyundai sorgt zudem mit der Weltpremiere des neuen Bayon für eine kleine Überraschung, auch weil dieser weiterhin auf klassische Verbrennungsmotoren setzt.
Deutsche Autobauer unterschiedlich stark vertreten
Die deutschen Hersteller sind unterschiedlich stark präsent. BMW fehlt, während Mercedes auf einem großen Stand schon bekannte Elektro-Neuheiten wie dem VLE, C-Klasse und dem GT 4-Türer Coupé zeigt. Der Volkswagen-Konzern ist gleich mit mehreren Marken vertreten. VW zeigt den neuen ID. Tiguan, Audi den A2 E-Tron, Cupra den Kleinwagen Raval in Abt-Aufmachung, während Skoda den Epiq in der Sportline-Version präsentiert.
Bei aller Vielfalt herrschen auf der Antriebsseite weitgehend klare Verhältnisse. Das batterieelektrische Auto dominiert den Autosalon. Daneben spielen Plug-in-Hybride eine wichtige Rolle, während klassische Verbrenner, häufig mit elektrischer Unterstützung, in den Hintergrund gerückt sind.
Fast vollständig verschwunden ist der Wasserstoffantrieb. Dabei gab es Zeiten, in denen Brennstoffzellenautos auf dem Pariser Autosalon als große Hoffnungsträger einer emissionsfreien Zukunft gefeiert wurden. An diese Phase erinnern heute vor allem die Toyota Mirai, die noch recht zahlreich als Taxis durch die französische Hauptstadt fahren. In den Messehallen sucht man entsprechende Modelle dagegen vergebens.
Abseits der großen Marken gibt es in Paris auch allerlei automobile Exoten zu entdecken. Lotus präsentiert unter anderem sein Elektro-Hypercar Evija, während die französische Manufaktur Devalliet mit dem klassisch gezeichneten Roadster Mugello 375 F nostalgische Gefühle weckt. Am anderen Ende des automobilen Spektrums tummeln sich Anbieter von Mini- und Leichtfahrzeugen. Aixam ist mit einem großen Stand vertreten, daneben zeigen Marken wie Kilow, Moke und IPOP, wie vielfältig die Welt der automobilen Winzlinge geworden ist.
So präsentiert sich der Pariser Autosalon 2026 noch bis zum 18. Oktober als Veranstaltung voller Gegensätze. Nostalgische Formen treffen auf elektrische Zukunftstechnik, chinesische Newcomer auf traditionsbewusste europäische Marken, automobile Winzlinge auf Hypercars mit vierstelligen Leistungswerten. Der große Glamour früherer Jahrzehnte mag ein wenig verblasst sein. Doch Paris hat zurückgewonnen, was zuletzt verloren gegangen schien: seine Bedeutung als Bühne für die Autoindustrie, für Ideen und Visionen.
