Ein kurzes Video soll die Zweifel ausräumen: Das Gesicht passt zum Profil, die Person scheint mit einem zu sprechen. Doch bei einer Online-Bekanntschaft kann auch dieser vermeintliche Identitätsbeweis Teil der Täuschung sein. Eine am 16. Oktober 2026 veröffentlichte Untersuchung von Open Measures dokumentiert, wie in ausgewählten Telegram-Kanälen KI-Werkzeuge für Liebesbetrug und das Vortäuschen fremder Identitäten empfohlen werden.
Die Kanäle haben nach der Untersuchung einen ausdrücklichen Bezug zu den sogenannten „Yahoo Boys“, einer Bezeichnung für westafrikanische Internetbetrüger-Netzwerke. Im Mittelpunkt stehen Empfehlungen für künstliche Stimmen und manipulierte Videos. Hinzu kommen kostenpflichtige Schulungsangebote. Für Menschen, die jemanden online kennenlernen, ergibt sich daraus eine praktische Frage: Was kann ein Video über das Gegenüber überhaupt beweisen?
Was die Untersuchung tatsächlich erfasst
Open Measures untersuchte Beiträge aus dem Jahr 2026 in gezielt ausgewählten Kanälen seiner eigenen Datensammlung. Ausgangspunkt waren Namen mit dem Bestandteil „yahoo“; bei einem Kanal wurde der Bezug zusätzlich manuell geprüft. Diese Auswahl liefert keinen repräsentativen Überblick über Telegram. Erfolgsquoten oder Opferzahlen ermittelt sie ebenso wenig wie eine Verbreitung in Österreich, Deutschland oder der Schweiz.
Wir haben die veröffentlichten Screenshots geprüft. Eine Montage zeigt eine Empfehlung für Gesichtswechsel bei WhatsApp-Videoanrufen. Eine andere enthält eine Kurswerbung samt „AI Tools Package“. Das sind Belege für beworbene Anwendungen. Ob die Programme sämtliche Versprechen erfüllen und ob die Kurse tatsächlich stattfinden, lässt sich daraus nicht feststellen. Eigene Funktionstests haben wir nicht durchgeführt.
Ein zugesandter Clip ist noch kein Gespräch
Ein von Open Measures dokumentierter Beitrag empfiehlt die App DreamFace ausdrücklich für kurze Videos, die als Identitätsbeweis anstelle eines Liveanrufs verschickt werden sollen. Dabei soll ein Foto zu einem sprechenden Gesicht animiert werden. Belegt ist diese Empfehlung im untersuchten Kanal; wie überzeugend das Ergebnis im konkreten Einsatz ausfällt, lässt sich daraus nicht ableiten.
Bei einem vorab erstellten Video bestimmt der Absender, welche Aufnahme verschickt wird. Man sieht nur das ausgewählte Ergebnis. Selbst wenn die Person im Clip etwas Passendes sagt, ist damit noch nicht geklärt, wer die Aufnahme erstellt hat und wer hinter dem Profil steckt. Ein solcher Clip lässt keine unmittelbare Rückfrage zu.
Dass Kriminelle Videos als angeblichen Identitätsbeweis einsetzen, beschrieb das FBI bereits am 3. Dezember 2024. In seiner Warnung nennt es ausdrücklich KI-Videos für private Nachrichten, die den Eindruck erwecken sollen, der Online-Kontakt sei eine echte Person. Auch künstlich erzeugte Profilfotos und gefälschte Dokumente gehören zu den beschriebenen Methoden. Mehrere scheinbar zusammenpassende Bilder sind deshalb noch keine unabhängige Bestätigung einer Identität.
Auch ein Livebild braucht Einordnung
Ein Livegespräch erlaubt spontane Antworten. Das unterscheidet es von einer zugeschickten Aufnahme. Trotzdem kann auch das übertragene Bild manipuliert sein: Das FBI nennt in derselben Warnung künstlich erzeugte Videos für Echtzeitgespräche mit angeblichen Führungskräften oder Behördenvertretern. Die grundsätzliche Gefahr ist damit schon länger dokumentiert.
Für die Einordnung einer romantischen Bekanntschaft folgt daraus: Ein reagierendes Gegenüber beweist für sich allein weder den behaupteten Namen noch dessen Lebensgeschichte. Und selbst ein unverändertes Bild würde keine ehrlichen Absichten garantieren. Wer später Geld verlangt, hat diese Forderung durch einen Videoanruf nicht glaubwürdig gemacht.
Auch das vermeintliche Betrugswissen wird verkauft
Die dokumentierte Werbung für eine „CELEB VIP CLASS“ verspricht unter anderem Gesprächsvorlagen und angebliche Belege für Prominentenidentitäten. Ein „AI Tools Package“ soll den Zugang zu Video- und Bearbeitungswerkzeugen ergänzen, angeblich dauerhaft gegen eine einmalige Zahlung. Damit werben die Kanalbetreiber auch um zahlende Kundschaft für ihr vermeintliches Betrugswissen. Welche Leistungen tatsächlich erbracht werden, geht aus der Anzeige nicht hervor.
Ein weiterer veröffentlichter Screenshot zeigt, wie aus einem romantischen Kontakt ein Anlagebetrug werden soll: Der Beitrag empfiehlt, die erfundene Profilperson gemeinsam mit Elon Musk darzustellen und damit eine Geschichte über eine angebliche Investitionsgelegenheit zu stützen. Die inszenierte Nähe zu Musk soll die Geldforderung plausibel erscheinen lassen. Der Screenshot belegt diesen vorgeschlagenen Täuschungsweg; ob die genannten Werkzeuge die gewünschten Bilder tatsächlich erzeugt haben oder jemand daraufhin bezahlt hat, ist damit nicht nachgewiesen.
Das ältere Muster hinter den neuen Angeboten
Mimikama hat am 5. November 2025 im Hintergrund „Deepfake-Dates“ bereits erklärt, wie manipulierte Bilder und Stimmen Liebesbetrug unterstützen können. Die aktuelle Veröffentlichung ergänzt diesen Hintergrund um konkrete Einblicke in die untersuchten Telegram-Kanäle. Sie ist kein Beleg dafür, dass die Methode erst jetzt entstanden wäre.
Auch unser Beitrag zur sogenannten Nigeria-Connection vom 9. Mai 2018 beschrieb bereits vorgeschaltete Videos bei Skype-Anrufen. Damals ging es unter anderem um Betrug an Unternehmen. Das ist ein älteres Beispiel für die Täuschung mit Videomaterial, kein Nachweis für dieselben Beteiligten oder dieselbe Technik.
Die Geldforderung bleibt ein Warnsignal
Beim Liebesbetrug wird zunächst Nähe aufgebaut. Die US-Verbraucherschutzbehörde FTC beschreibt regelmäßige Nachrichten, gefolgt von erfundenen Schwierigkeiten: Geld für eine Reise oder eine dringende medizinische Behandlung. Auch vermeintliche Investitionsmöglichkeiten können Teil der Geschichte sein. Die konkrete Ausrede wechselt, das aufgebaute Vertrauen soll zur Zahlung führen.
Die FTC rät, einem romantischen Kontakt, den man nicht persönlich getroffen hat, kein Geld und keine Geschenke zu schicken. Bei Verdacht hilft ein Gespräch mit einer vertrauten Person. Wer bereits bezahlt hat, sollte umgehend die Bank oder den verwendeten Zahlungsdienst kontaktieren und den Betrugsverdacht melden. Das Profil sollte auch bei der jeweiligen Plattform gemeldet werden.
Das FBI nennt Bildfehler und unpassende Bewegungen als mögliche Hinweise auf Manipulation. Daraus entsteht allerdings kein verlässlicher Echtheitstest: Wenn solche Auffälligkeiten fehlen, ist die Identität weiterhin ungeprüft. Niemand muss einen Deepfake technisch nachweisen können, um eine Geldforderung abzulehnen.
Open Measures / Ryan Aliapoulios
16. Oktober 2026
Mimikama / Claudia Spiess
5. November 2025
FBI / Internet Crime Complaint Center
3. Dezember 2024
Federal Trade Commission (FTC)
August 2022
Mimikama-Redaktion
9. Mai 2018
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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