Flávio Bolsonaro will seinen verurteilten Vater als Präsident beerben – und wohl auch aus der Haft befreien. Trotz allem: Für seine Anhänger ist der Familienname sein wichtigstes Kapital bei der heutigen Stichwahl.
Der Patriarch ist immer dabei im Wahlkampf. Er tauchte als KI-Version im Video auf; sein Vater stecke im Blut seiner Adern, sagt der Sohn und klopft sich auf dem Unterarm; dann wieder hält Flávio Bolsonaro Portraits und Banner hoch, auf denen das Antlitz Jair Bolsonaros prangt.
Und immer wieder wiederholt er eine Botschaft: Dass er sein Amt als neu gewählter Präsident an der Seite des Vaters antreten wolle: „All jene, die versucht haben, Bolsonaro lebendig zu begraben, werden sehen, wie Flávio Bolsonaro die Rampe zum Präsidentenpalast gemeinsam mit Jair Bolsonaro hinaufgehen wird“, ruft er auch beim Auftritt vor wenigen Tagen in Porto Alegre ins Publikum.
Freiheit für Jair Bolsonaro, es ist die Kernbotschaft seiner Kampagne, auch wenn es dafür einige juristische Hürden gibt. Schließlich wurde Jair Bolsonaro von Brasiliens Oberstem Gericht zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt, wegen eines versuchten Putschversuches nach seiner Wahlniederlage gegen den amtierenden Präsidenten Luis Ionácio Lula da Silva.
Aber kaum jemand bezweifelt, dass der Senior freikommen und im Hintergrund gar die Strippen ziehen würde, wenn die „Null Eins“, der älteste Sohn Flávio, Präsident wird. Der militärisch geprägte Vater Jair nummerierte seine Söhne durch, alle vier sind in der Politik, genau wie Jairs Bruder und seine Ehefrau.
Kandidatur als Familienprojekt
Wie Donald Trump in den USA oder Javier Milei in Argentinien tritt Flávio mit einer Rhetorik des Polit-Outsiders, des Anti-Establishment-Politikers an. Doch das Gegenteil sei der Fall, sagt die Investigativjournalistin Juliana dal Piva, die sich auf die Bolsonaro-Bewegung spezialisiert hat: „Flávio kandidiert nur für das Präsidentenamt, um seinen Vater und seine Familie politisch zu retten, damit sie an die Macht zurückkehren und ihren Kurs aus den vergangenen vier Jahren noch radikaler fortsetzen können.“
Der 45-jährige Senator für Rio de Janeiro, Flávio Bolsonaro, konnte im ersten Wahlgang auf dieselben konservativen Unterstützergruppen setzen wie sein Vater: einflussreiche Landwirte, Großunternehmer und Evangelikale. Er verspricht Haushaltsdisziplin und Steuersenkungen, unterhält enge Beziehungen zur MAGA-Bewegung in den USA und kündigte den erstarkenden Drogenbanden in Brasilien den Krieg an.
Moderater, aber nicht weniger radikal
Flávio sieht seinem Vater Jair ähnlich, war während dessen Präsidentschaft ein enger Berater, doch dessen Charisma hat er nicht. Dafür spricht er weniger aggressiv als der für seine rassistischen, homophoben und frauenfeindlichen Äußerungen bekannte Ex-Präsident.
Flávio Bolsoanro tritt moderater auf, doch der Eindruck täuscht: „Es gibt keine gemäßigten Bolsonaros“, sagt der ehemalige Bundesabgeordnete Julián Lemos, der 2018 die Kampagne von Jair Bolsonaro mitorganisierte, ein einst enger Vertrauter, der dann mit der Familie brach und heute vor ihnen warnt. „Jair Bolsonaro ist authentischer, aber Flávio ist intelligenter, oder sagen wir: gerissener.“
Ermittlungen wegen Korruption, Geldwäsche und Vorteilsnahme
Das Machtzentrum der Bolsonaros ist Rio de Janeiro, eine Stadt, in der die Verbindungen zwischen Politik und Unterwelt als besonders eng gelten. Alle Gouverneure, die in Rio seit dem Ende der Diktatur direkt gewählt wurden und noch am Leben sind, waren oder sind mit Gerichtsverfahren konfrontiert, fünf saßen sogar im Gefängnis.
In Rio begann Flávio Bolsonaros Aufstieg. Von 2003 bis 2019 saß er als Abgeordneter im Landesparlament, eher ein Hinterbänkler, aber ein guter Netzwerker.
Während dieser Zeit soll er einen Großteil der Gehälter seiner Angestellten in die eigene Tasche gesteckt haben, umgerechnet rund zwei Millionen Euro. Der Chef der Bundespolizei, der den Fall untersuchte, wurde unter der Präsidentschaft von Vater Jair ausgetauscht, der Prozess wegen Verfahrensfehlern eingestellt. Es ist nicht der einzige Skandal: Es laufen Ermittlungen wegen Korruption, Geldwäsche und Vorteilsnahme.
Bolsonaro bestreitet alle Vorwürfe gegen ihn. Julián Lemos dagegen sagt: „Mein Vertrauen in ihn, die organisierte Kriminalität zu bekämpfen, ist gleich null.“ Flávio Bolsonaro würde vielmehr die Strukturen des organisierten Verbrechens aus Rio de Janeiro mit in die Bundesregierung nehmen.
Verbindungen zu kriminellen Banden?
Dass die Bolsonaros Verbindungen etwa zu sogenannten Milizen unterhielten, also zu kriminelle Banden, die Großteils aus Ex-Polizisten bestehen und wie Drogenbanden ganze Stadtviertel kontrollieren, dazu gab es in den vergangenen Jahren eine Vielzahl an Recherchen und Enthüllungen.
„Es ging sogar so weit, dass Flávio einigen bekannten Milizangehörigen über das Landesparlament Auszeichnungen verlieh“, erklärt Robert Muggah, der das Igarapé-Institut mitgründete, einen der führenden Thinktanks zu öffentlicher Sicherheit in Brasilien: „Sie wurden für ihre vermeintlichen Verdienste als ‚herausragende Bürger‘ geehrt.“
Derzeit untersucht die Bundespolizei außerdem, ob Gelder aus dem Senatsbüro Bolsonaros zweckwidrig verwendet wurden und dabei an einen Milizionär geschleust wurden, der wegen Mittäterschaft bei dem Mord an der Stadträtin Marielle Franco 2018 in Rio verurteilt wurde.
Unabhängig davon laufen Ermittlungen bezüglich Flávio Bolsonaros Rolle im Fall „Dark Horse“, einem Film über seinen Vater. Flávio soll bei einem inzwischen inhaftierten Banker um Millionenbeträge geworben haben, der im Mittelpunkt des größten Finanzbetrugsskandals der jüngsten Geschichte Brasiliens steht. Auch hier weist Bolsonaro alle Vorwürfe zurück. Doch sollte Bolsonaro gewinnen, sei es unwahrscheinlich, dass diese Ermittlungen fortgesetzt werden, glaubt Muggah. „Man kann davon ausgehen, dass ein Großteil dieser Fälle ziemlich schnell vom Tisch verschwinden wird. Das sollte alle besorgen, die sich um Rechtsstaatlichkeit und Straflosigkeit sorgen.“
Große Ablehnung von Lula
Es sind schwere Vorwürfe, seine Wähler allerdings scheinen sie nicht abzuschrecken. Der Bolsonarismo sei eine Bewegung, die nicht nur der extremen Rechten eine Stimme gegeben habe. Sie profitiere auch von der großen Ablehnung gegenüber der linken Arbeiterpartei und vor allem des amtierenden Präsidenten Lula da Silva, sagt die Investigativjournalistin dal Piva.
So erklärt der 60-jährige Unternehmer Luis Henrique Vilaba beim Wahlkampfauftritt Bolsonaros im südbrasilianischen Porto Alegre: „Die Arbeiterpartei hat keine Legitimität mehr, um zu regieren. Es gibt zu viele Lügen, zu viel Diebstahl, zu viele Skandale.“ Es brauche einen Wechsel – und den repräsentiere Flávio Bolsonaro.
Er sei es, der die Geschäfte der Familie manage, sagt dal Piva – doch eine andere Frage sei, ob er sich als eigenständiger Machtpolitiker etablieren könne. Sein wichtigstes politisches Kapital bleibt der Name Bolsonaro – zumindest für sein Anhänger.
