Höherer Lebensstandard durch harte Arbeit: Der klassische amerikanische Traum scheint jungen US-Bürgern zunehmend unerreichbar. Was erwarten sie von den Zwischenwahlen?
Vor den Kongresswahlen im November schwanken junge Menschen in Texas zwischen Zuversicht und Enttäuschung. Und nicht alle glauben, dass die Politik ihre Probleme lösen kann.
Muhammad Bakshi ist optimistisch. „Ich glaube, dass der amerikanische Traum absolut realistisch ist“, sagt der Student der University of Texas in Dallas. „Wenn man irgendwo auf der Welt seinen Traum verfolgen kann, dann hier.“
Muhammad studiert Finanzwesen. Zusammen mit Raya Abdelkalik leitet er eine Studierendenorganisation, die Kontakte zu Unternehmen vermittelt und sich mit Sparen, Investieren und Karriereplanung beschäftigt. Beide sind überzeugt, dass ihnen ihre Ausbildung die Grundlage für ein gutes Leben schaffen wird.
Doch nicht alle jungen Menschen in den USA blicken so zuversichtlich in die Zukunft.
Studiert – aber ohne Job
Logan Wetmore hat seinen Abschluss bereits in der Tasche. Er hat IT studiert, doch der Einstieg ins Berufsleben erweist sich als schwierig.
„Ich suche seit ungefähr sechs Monaten. Letztes Jahr habe ich meinen Abschluss gemacht. Und ich kriege kein einziges Vorstellungsgespräch“, erzählt er einem CBS-Fernsehteam auf einer Jobmesse in der Nähe von Dallas.
Hinzu kommt eine neue Unsicherheit: Künstliche Intelligenz könnte gerade jene Tätigkeiten verändern, mit denen junge Akademiker bislang ins Berufsleben eingestiegen sind.
Midterms und Primaries: Was ist das?
Am 3. November 2026 finden in den USA die Midterms (Zwischenwahlen) für die beiden Kammern des US-Kongresses statt. Alle Abgeordneten des Repräsentantenhauses und etwa ein Drittel des Senats werden dann neu gewählt.
Hinzu kommt, dass bei den Midterms in 36 Bundesstaaten auch die Gouverneurinnen und Gouverneure neu gewählt werden, also die Regierungschefs der Bundesstaaten.
Zuvor fanden in allen 50 Bundesstaaten Vorwahlen statt. In diesen Primaries bestimmten Demokraten und Republikaner, welche Kandidaten sie ins Rennen schicken. Die Primaries begannen am 3. März in Arkansas, North Carolina und Texas und endeten am 15. September in Delaware. Auch für die Gouverneurswahlen fanden von März bis September Vorwahlen statt.
Ein Haus für die nächste Generation
Brandon Jones hat einen wichtigen Teil des amerikanischen Traums bereits verwirklicht. Der 40-Jährige arbeitet als Lehrer und Footballcoach, seine Frau ist Physiotherapeutin. Zwei Jahre lang haben sie nach einem Haus gesucht. Anfang September war es endlich so weit.
In Garland, einem grünen Vorort von Dallas, haben sie ein Haus mit drei Schlafzimmern und einem Garten gekauft. Dafür haben sie lange gespart. Vor allem wollten sie ihrer kleinen Tochter eine sichere Zukunft ermöglichen.
„Wenn wir eines Tages nicht mehr da sind, können wir das Haus unserer Tochter hinterlassen“, sagt Brandon. Doch selbst für gut ausgebildete Menschen mit ordentlichem Einkommen ist dieser Traum zunehmend schwer zu erreichen.
Alles richtig gemacht – und trotzdem reicht es nicht
Cody Alonso ist 36 Jahre alt und erwartet mit seiner Frau das erste Kind. Ein kleines Haus gehört ihnen bereits. Doch mit dem Nachwuchs wird es eng. Deshalb suchen sie etwas Größeres, möglichst in ihrem vertrauten Viertel und in der Nähe guter Schulen. Aber die Immobilienpreise sind hoch. Für das klassische Familienhaus mit zwei Kinderzimmern reicht es nicht.
Dabei hätten sie doch alles richtig gemacht, findet Cody. „Ich habe einen Bachelor in Hotelmanagement, meine Frau einen Master in Finanzwesen und Rechnungswesen.“
Wenn selbst der Wirtschaftsboom zum Problem wird
„Die Wohnkosten sind sehr viel stärker gestiegen als die Einkommen“, sagt Cullum Clark. Der Ökonom ist Professor an der Southern Methodist University in Dallas und arbeitet am George W. Bush Institute. Clark beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den wirtschaftlichen Aufstiegschancen in den USA, dem Wohnungsmarkt und der Frage, wie sich der amerikanische Traum verändert. Seine Erkenntnis: „Auch für gut ausgebildete Amerikaner ist der Kauf eines Hauses viel schwieriger geworden.“
Dabei ist Dallas eine wirtschaftlich erfolgreiche Region. Zahlreiche Unternehmen haben sich hier angesiedelt, Arbeitsplätze sind entstanden, immer mehr Menschen sind zugezogen.
Gerade das hat die Immobilienpreise zusätzlich in die Höhe getrieben. Viele Neuankömmlinge kamen aus Kalifornien oder anderen teuren Regionen der USA. Wer dort sein Haus verkauft habe, sei oft mit viel Geld nach Texas gezogen, erklärt Clark. „Diese Menschen konnten die einheimischen Käufer einfach überbieten.“
Und das Problem reicht weit über den Immobilienmarkt hinaus. Wohnen, Ausbildung, Kinderbetreuung und Gesundheitsversorgung verschlingen nach Clarks Einschätzung einen immer größeren Teil der Einkommen.
Wenig Vertrauen in die Politik
Unterschiedliche Lebenslagen, aber ähnliche Fragen vor den Kongresswahlen im November: Was also kann die Politik tun, damit sich Leistung wieder auszahlt? Und wem trauen junge Amerikaner zu, ihre wirtschaftlichen Sorgen ernst zu nehmen?
Cody hat das Vertrauen in die beiden großen Parteien weitgehend verloren. Er glaubt, dass Politiker vor allem an sich selbst und an Unternehmen denken. Ob Republikaner oder Demokraten, macht für ihn kaum einen Unterschied.
„Beiden Seiten sind wir doch völlig egal. Wir müssen uns selbst um uns kümmern“, sagt er.
Mit dieser Haltung ist er nicht allein. Laut einer repräsentativen Ipsos-Umfrage glauben 76 Prozent der Amerikaner, dass der Einfluss großer Wahlkampfspender es gewöhnlichen Bürgern erschwert, bei politischen Entscheidungsträgern Gehör zu finden. Diese Sorge teilen Anhänger beider großer Parteien.
Cody will seine Stimme deshalb keiner der beiden großen Parteien sondern einem Kandidaten der libertären Partei geben. Brandon dagegen möchte seine politische Meinung lieber für sich behalten. Er befürchtet, dass ihm eine öffentliche Äußerung im Beruf schaden könnte.
Auch Muhammad und Raya, die beiden optimistischen Studierenden, äußern sich nicht dazu, welche Partei sie unterstützen. Sie glauben ohnehin nicht, dass sie mit ihrer Stimme viel bewirken können.
Wer kann das Leben wieder bezahlbar machen?
Die Lebenshaltungskosten sind ein wichtiges Wahlkampfthema. Beide Parteien versprechen Abhilfe. Doch Clark ist skeptisch: Keine habe bislang den „Zauberschlüssel“ gefunden, um das Leben wieder bezahlbarer zu machen.
Bei den unter 30-Jährigen liegen die Demokraten in den Umfragen derzeit deutlich vor den Republikanern. Doch daraus lässt sich noch nicht ablesen, wie viele junge Menschen tatsächlich wählen werden.
Muhammad und Raya setzen ohnehin vor allem auf sich selbst: „Solange wir hart dafür arbeiten, ist das Ziel näher, als wir denken“, sagt Raya.
Der amerikanische Traum lebt also weiter – zumindest für diejenigen, die noch fest an ihn glauben. Ob die jungen Amerikaner ihre Hoffnungen und ihren Frust im November auch an die Wahlurne tragen, könnte entscheidend für den Ausgang der Kongresswahlen werden.

